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Giacomo MiliziaDer blinde Künstler schuf eine Krippenlandschaft aus Stein

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Giacomo Milizia lebt für seine Kunstwerke, die Krippenfiguren sind sein ganzer Stolz. Auch Gattin Rosa ist beeindruckt.

Kürten – Maria trägt einen blauen Umhang und schaut voller Güte auf die biblische Szene. Josef steht auch in der Grotte, ganz nah bei seiner Frau, die er beschützt. Mit Maria und Josef drängen sich Ochs’ und Esel in der kleinen Herberge. Neugierig schauen sie, was gerade passiert. In der Krippe schläft das kleine Jesuskind ruhig und friedlich.

Abends gehen Strahler an in der Grotte und tauchen das Bild in mildes, warmes Licht. Die Figuren heben sich dann schemenhaft ab von der Dunkelheit, die den Garten von Rosa und Giacomo Milizia umfängt. Der Lichtkegel wandert über die Krippe hinweg zu steinernen Rosen, Fischchen, Knospen und Muscheln, zu Hunderten von kleinen Skulpturen.

Es ist ein Kunstwerk, das Giacomo Milizia mit der Krippe, mit dem Garten geschaffen, geformt hat. Gesehen hat er Maria und Josef noch nie, wie all die anderen wunderbaren Dinge aus Stein. Die Welt der Formen und Figuren tastet und fühlt er einzig mit seinen Händen.

Vor 40 Jahren verlor er sein Augenlicht

Denn Giacomo Milizia ist blind. Vor fast 40 Jahren hat der zurückhaltende Kürtener nach einer Krankheit sein Augenlicht verloren. Was er macht, geschieht nur mit seinen Händen. „Ich sehe mit den Händen“, sagt er bescheiden. Im Mittelpunkt zu stehen, ist seine Sache nicht. Ausgestellt hat er seine Skulpturen noch nie. Dass es seine Kunst überhaupt gibt, wissen nur Freunde.

Giacomo Milizia hat sein Leben nach der Erblindung zwei Dingen gewidmet: seinem Beruf als Physiotherapeuten und dem Wirken als Künstler. Dabei ist seine Lebensgeschichte mehr als bemerkenswert: Als junger Mann war er – wie so viele andere – aus dem armen Apulien Ende der 60er-Jahre nach Deutschland gekommen, als sogenannter „Gastarbeiter“ fand er als Baggerfahrer einen Job. In Gummersbach stellte ihn eine Baufirma ein, sein Leben schien auf festen Gleisen zu verlaufen. Alles war gut.

„Ich will andere Blinde ermutigen“

Es sollte anders kommen. Eine unheilvolle Krankheit ließ ihn erblinden, die Ärzte konnten trotz aller Bemühungen sein Augenlicht nicht retten. Das war vor 37 Jahren. Andere hätten sich danach verkrochen. Giacomo Milizia wollte das nicht. Er wollte nicht untergehen, zerbrechen an seinem Schicksal. „Ich will andere Blinde ermutigen“, sagt der 66-Jährige überzeugt. Ermutigen, um die eigenen Talente zu entdecken und sich an Neues zu trauen.

Als Blinder traute er sich mit Mitte 30 Neues: Er absolvierte eine neue Ausbildung und wurde Physiotherapeut, im Marienkrankenhaus in Bergisch Gladbach war er über Jahrzehnte tätig. Die sanften Hände des Italieners waren berühmt, die Patienten mochten ihn, den Blinden, sehr. „Man hat mich auch den Seelendoktor genannt“, sagt er. Denn der Kontakt zu den Menschen, die sich ihm anvertrauten, war ihm wichtig. Giacomo Milizia erzählt vom Vertrauen, das er aufbaue zu den Patienten.

„Andere machen nur ihren Job. Ich nicht.“ Das aber hänge mit seiner Erblindung zusammen; da ist er sich sicher. Im Krankenhaus bewunderten alle „Giacomos goldene Hände“.

Das zweite Leben ist das der Kunst. Denn Giacomo Milizia ist ein Künstler, der gemeinsam mit Gattin Rosa den heimischen Garten zu einem Kunstwerk geformt hat. Über 20 Jahre haben die beiden daran gewirkt. Mehr als 1000 Quadratmeter groß ist die Fläche, die sich über einen Hang in die Höhe erstreckt. „Ruhe brauche ich für die Arbeit, absolute Ruhe. Jedes Geräusch lenkt mich ab“, erklärt er.

Rosa Milizia, in der Kölner und Kürtener Künstlerszene heimisch, hat dann Schwierigkeiten, ihren Mann abends ins Haus zu bekommen. Dass es Nacht werde, könne er nicht wissen, entschuldigt er sich und lächelt spitzbübisch. Er vergesse einfach die Zeit bei seinem Wirken. Der Kürtener liebt das Filigrane, das Zarte und Verschnörkelte. Gerade Linien sucht man vergebens. Er gießt den robusten Werkstoff Beton in Formen, erschafft dabei eine Welt voller Knospen und Blüten, mit steinernen Rosetten und Muscheln, mit Seepferdchen und Fischen. Es ist eine wundersame Zeitreise in die Epoche des Jugendstils.

Verschlungene Pfade hat Giacomo Milizia in den Hang gelegt, an jeder Biegung grüßen Sonnengesichter und Engelchen. Von der Landstraße aus verschließt sich der Garten neugierigen Blicken vollständig. Das verwunschene Paradies hinterm Haus ist das kleine Geheimnis des Ehepaares. Kräuter, Pflanzen und Bäume umschmeicheln die Figürchen und Formen. Der Garten: Er ist ein Gesamtkunstwerk, für Rosa und Giacomo Milizia aber ein Ort der Ruhe und des Friedens, weit entfernt von den Mühen des Alltags.

In einer kleinen Laube, die versteckt am Treppenaufgang liegt, werden alle jene Dinge aufbewahrt, für die der große Garten zu klein ist, Dutzend, nein, Hunderte von steinernen Ornamenten. Die Regale scheinen sich zu biegen vor lauter Kunstwerken.

Die Krippen-Grotte ist liebevoll aus Sand und Stein geformt, Rosa Milizia hat die gegossenen Figuren mit zarten Farben angemalt. Das christliche Motiv ist dem Ehepaar wichtig, zum Advent wird die Krippe stets angestrahlt.

Das Tableau, das Giacomo erschaffen hat, ist groß. Die Schäfer aus Bethlehem grüßen das entzückende Christkind, das auch von den Heiligen Drei Königen beschützt wird.

Verschwindet früh am Abend das Licht der Wintersonne, schaltet Giacomo Milizia die Strahler in der Grotte. „Jetzt ist es hell“, sagt er und kann die Schönheit des Bilds doch nur ahnen. „Alles ist gut“, sagt er und streicht mit seinen Händen über die biblischen Figuren.

Nach Absprache kann der Skulpturengarten von Rosa und Giacomo Milizia besichtigt werden, Kontakt unter (0 22 07) 18 60.