„Jahrtausendkatastrophe”Der bergische Wald leidet – und wird zur tödlichen Gefahr

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Sorgen bereitet das Baumsterben am Straßenrand Hubertus Prinz zu Sayn-Wittgenstein und Gerd Willms vom Waldbauernverband.

  1. Nach dem zweiten trockenen Sommer in Folge leidet der bergische Wald enorm. Statt bunten Herbstblättern sind ganze Berghänge fahl braun.
  2. Der private Waldbesitzer Hubertus Prinz zu Sayn-Wittgenstein spricht von einer „Jahrtausendkatastrophe”. Für den Wald, aber auch finanziell, für die Waldbauern
  3. Zwar wurde Geld für Wiederaufforstungen bereitgestellt, doch gerade für kleine Waldbauern sind die Auflagen zu hoch.

Odenthal – Der Wald stirbt. Ganze Berghänge zeigen nicht mehr das gewohnte Dunkelgrün, sondern ein fahles Braun, das nichts mit der normalen Herbstfärbung zu tun hat. Der zweite trockene Sommer in Folge fordert auch im bergischen Wald massenweise Opfer.

Betroffen sind vor allem die Nadelbäume, allen voran die Fichten, die sich nicht mehr gegen den Borkenkäfer zur Wehr setzen können. „So etwas habe ich noch nie gesehen“, sagt Gerd Willms, Geschäftsführer des Waldbauernverbandes Rhein-Berg und Leverkusen. Und private Waldbesitzer wie Hubertus Prinz zu Sayn-Wittgenstein sprechen von einer „Jahrtausendkatastrophe“, die sich direkt vor der Haustür abspielt.

„Geschädigt sind eine Million Festmeter Nadelholz, nur 600 000 Festmeter können abgesetzt werden. Der Rest bleibt liegen“, bilanziert Willms für seinen Bereich. Denn das Überangebot drückt den Preis, der Schädlingsbefall senkt die Holzqualität. Bringe der Festmeter Fichtenholz in normalen Jahren 90 bis 95 Euro, könne man jetzt nicht einmal mehr die Hälfte verlangen.

Auch viele Mitarbeiter sind betroffen

Das bedrohe viele Waldbauern in der Existenz. „Das ist unsere Erwerbsquelle“, sagt Sayn-Wittgenstein mit Blick auf mehrere Dutzend haushohe Fichten an der Altenberger-Dom-Straße, über Jahrzehnte gewachsen – jetzt allesamt braun abgestorben. Von den Folgen betroffen seien auch viele Mitarbeiter, bis hin zum Holzrücker.

„Das ist eine ganze Kette“, sagt Sayn-Wittgenstein, der 900 Hektar Wald bewirtschaftet – 60 Prozent Nadel-, 40 Prozent Laubwald. Der „Brotbaum“ sei immer die Fichte gewesen und von ihr seien jetzt in seinen Wäldern 20 Prozent tot. Getroffen habe es besonders die alten Bäume. Waldbauern wirtschafteten nachhaltig, so Sayn-Wittgenstein. Geschlagen werde nur so viel wie auch nachwachse. Jetzt sei er gezwungen, den Jahreseinschlag von 5000 Festmeter auf 20 000 bis 25 000 Festmeter zu erhöhen – Holz, das in den nächsten Jahren fehle.

Auf die Lage hat inzwischen auch das Land NRW reagiert und für die Waldbesitzer gerade Sondermittel in Höhe von 6,2 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Damit sollen unten anderem die Aufarbeitung befallenen Holzes, die Errichtung von Holzlagerplätzen und der Abtransport von Schadhölzern aus dem Wald unterstützt werden. Daneben wurde Geld für Wiederaufforstungen bereitgestellt. In den kommenden zehn Jahren sollen nach Angaben des Landesumweltministeriums dafür 100 Millionen Euro eingesetzt werden. Aufgeforstet werden soll in erster Linie Mischwald.

Auflagen zu hoch für kleine Waldbauern

Ob die Maßnahmen den Waldbauern helfen, daran zweifelt Willms: „Gerade für die kleinen Waldbauern, die nur über wenig Land verfügen, ist es schwierig, überhaupt an die Mittel heranzukommen.“ Die Auflagen seien zu hoch. Sorgen bereitet den Waldbauern aber noch ein ganz anderes Problem. Gefährliche Bäume, die am Rand von öffentlichen Straßen stehen, müssen sie auf eigene Kosten entfernen lassen. Was bisher eher ein zu vernachlässigender Kostenfaktor war, ist angesichts des Massensterbens am Straßenrand plötzlich bedrohlich.

Baum hat Motorradfahrer erschlagen

Einen Motorradfahrer getötet hat ein Baum, der am Sonntag auf die Landstraße 323 in Gummersbach-Bredenbruch gefallen ist. Der Baum, so die Polizei, habe den 65-jährigen Motorradfahrer aus Schwelm am Oberkörper getroffen und vom Fahrzeug gerissen. Er starb noch an der Unfallstelle. Laut Polizei stand der gut zehn Meter hohe Baum nicht unmittelbar an der Waldkante, sondern ein Stück weit zurück in einem abschüssigen Forststück oberhalb der Straßenböschung. Zum Unfallzeitpunkt war das Wetter gut, es ging kaum Wind.

Auch beim Regionalforstamt Bergisches Land und dem Landesbetrieb Straßen NRW ist der tragische Unfall Gegenstand von Nachforschungen. So versucht der Landesbetrieb Straßen herauszufinden, ob der Baum bei regelmäßigen Kontrollen der Straße bereits aufgefallen war. Als Straßenbaulastträger ist er nicht nur für den Zustand der Straße selbst zuständig, sondern kontrolliert auch den Waldrand neben der Straße. Bei Auffälligkeiten wird der Waldbesitzer informiert, dem die so genannte Verkehrssicherungspflicht obliegt. Zum konkreten Fall wollte sich Straßen NRW mit Rücksicht auf die polizeilichen Ermittlungen nicht äußern.

Regionalforstamtsleiter Kay Boenig rät allen Waldbesitzern zu einer Haftpflichtversicherung gegen solche Schäden. Mitglieder von Forstbetriebsgemeinschaften seien über diese haftpflichtversichert, alle anderen sollten selbst eine abschließen. Denn, da ist Boenig sicher, der Vorfall vom Sonntag wird kein Einzelfall bleiben. In zwei bis drei Jahren werden die aktuell vom Borkenkäfer geschädigten Bäume durch weiteren Schädlingsbefall komplett tot und von innen heraus vertrocknet sein. Die Gefahr, dass sie umstürzen, steige dann schnell: „Das wird ein Riesenproblem.“ (kn, klü) 

Denn die Auflagen zur Verkehrssicherung sind umfangreich. So dürfte die Fällung der hohen Fichten an der viel befahrenen Altenberger-Dom-Straße, zu der Sayn-Wittgenstein behördlicherseits bereits aufgefordert wurde, nicht ohne vorübergehende Straßensperrung möglich sein. Planung und Kontrolle, Beschilderung, Absicherung und mobile Leih-Ampelanlagen dürften nach Einschätzung von Fachleuten je nach Dauer des Einsatzes mindestens Kosten im unteren vierstelligen Bereich verursachen – nach oben offen.

Hinzu kommt, je nach Aufwand, eine Gebühr zwischen 90 und mehreren hundert Euro für die nötige „straßenverkehrsrechtlichen Anordnung“, die der Rheinisch-Bergische Kreis, die für Odenthal zuständige Kreisverkehrsbehörde, ausstellt. Im Scherfbachtal ist ein riesiger Hang mit 45-Meter-hohen Bäumen braun, der gesamte alte Fichtenbestand löst sich dort auf. „Da ist es so steil, dass jeder Baum einzeln gesichert werden muss, wenn er eingeschlagen wird, damit er nicht auf die Straße rutscht“, sagt Sayn-Wittgenstein.

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Da müsse gleich tagelang gesperrt werden. In dieser Ausnahmesituation, in der es auch um die Sicherheit der Allgemeinheit gehe, erwarte er Unterstützung: „Da muss der Staat eingreifen“, fordert er. Der Zustand des Waldes im Odenthaler Gemeindegebiet wird auch Thema im Umweltausschuss am morgigen Donnerstag, 17 Uhr, im Bürgerhaus Herzogenhof sein.