FKK-Verein Lichtkreis KölnIn Rösrath fühlen sich Nackte wohl

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  • Der FKK-Verein Lichtkreis Köln hat sein Reich in Rösrath-Kleineichen.
  • Vor 92 Jahren wurde der Verein gegründet.

Rösrath – Es gibt Termine, zu denen mich die Redaktion schickt, da denke ich: Naja, du hättest auch Nein sagen können. Der Besuch beim FKK-Verein Lichtkreis Köln ist ein solcher Termin. So gar nicht mein Thema. Doch neugierig bin ich schon.

Nachdem mir die Redaktion versichert hat, dass ich mich nicht ausziehen müsse, mache ich mich auf den Weg nach Rösrath-Kleineichen. Am Ende einer engen Wohnstraße stehe ich vor einem Schiebetor, das so mächtig wie verschlossen ist, klingele und erhalte kurz darauf Einlass ins Reich des Lichtkreises.

Zunächst nur bekleidete Menschen

Auf den ersten Blick bin ich ein wenig enttäuscht, denn auf den Holzbänken vor dem Bistro sitzen nur bekleidete Menschen. Aber gut, bei 18 Grad würde ich mich auch eher bedeckt halten.

Dann vergesse ich erst mal die Menschen, denn was da vor mir liegt, ist unerwartet und wirklich schön: Ein märchenhafter Park mit alten Bäumen, weiten Wiesen und Grün in allen Schattierungen.

80.000 Quadratmeter

„80.000 Quadratmeter, davon 65.000 bewirtschaftet“, erklärt mir Michael Schneider, der Vorsitzende. Während er mir über die Gründung des Vereins vor 92 Jahren erzählt, lasse ich meine Blicke schweifen. Auf dem Ascheplatz vor dem Bistro spielen zwei Teams Indiaca, eine Mischung aus Volleyball und Federball ohne Schläger.

Einige Mitspieler sind nackt

Erst auf den zweiten Blick erkenne ich, dass einige nackt sind. Sie wirken ein wenig deplatziert im Kreise ihrer Mitspieler. Hinter einem Kinderspielplatz schimmert himmelblau ein Schwimmbecken. 10 mal 20 Meter ist es, berichtet Schneider.

Fitnessraum und Sauna

Schneider führt mich durch die 80 Hektar. Im Vereinsheim ist das Bistro. Heute gibt es Grünkernbratling und Saltimbocca mit Lauchrisotto. Es riecht vorzüglich, aber wir gehen weiter: in einen Fitnessraum mit Geräten, einen Ruhe- und einen Saunabereich. Die Saunierer blicken durch ein fünffach-verglastes Panoramafenster auf den Märchenpark. Man kann schlechter schwitzen.

Das Außenschwimmbad ist mit Solarzellen beheizt. „Keiner will in 15 Grad kaltem Wasser schwimmen“, sagt Schneider. Klar, besonders wenn man nichts an hat. Beim Schwimmen ist „überall ohne“ Pflicht. „So muss weniger Chlor ins Wasser“, erklärt Schneider. Ansonsten könne sich auf dem Gelände jeder regellos an- oder ausziehen, wie ihm gerade sei.

Wir schlendern an Tischtennishalle und -platz vorbei, von dem ganz oder gar nicht bekleidete Spieler freundlich grüßen. Langsam begreife ich, dass es nicht nur darum geht, nackt zu sein, sondern Sport zu treiben: Fitness, Tischtennis, Badminton, Indiaca, Schwimmen, Bogenschießen, Yoga und Pilates, Kurse vom Seepferdchen bis zum Sportabzeichen.

Auf dem Rückweg realisiere ich, dass ein paar Quadratzentimeter Bademode oder nicht Bademode einige hundert Meter Mauer ausmachen – um Gaffer abzuhalten. „Wir hätten mehr mit Kontrollieren zu tun als mit allem anderen“, sagt Schneider. „Da ist die Mauer das kleinere Übel.“

Zurück am Vereinsheim beginnt es zu schütten. Ein splitternackter Junge prescht kreischend durch den Schauer. Ich lächele. Nie habe ich einen authentischeren Flitzer gesehen. Unter dem schützenden Dach des Vereinsheims essen jetzt viele Erdbeertorte, eine Dame im rosa Bademantel packt ein Brettspiel aus. Andere wollen gern mit mir reden. Es scheint ein gewisses Erklärungsbedürfnis zu bestehen.

„Statussymbole bleiben auf dem Parkplatz“

„Es gibt nichts unerotischeres als einen FKK-Verein“, sagt Dieter Kuhn und schmunzelt. „Schön ist das nicht.“ Wenn nicht schön, was dann? „Alle Statussymbole bleiben auf dem Parkplatz“, sagt Schneider. „Wenn Auto und teure Klamotten weg sind, sind wir alle gleich und haben alle das gleiche an, nämlich nichts.“ Das ist nicht wegzudiskutieren, und es ist ein sympathischer Ansatz.

„Hier sind die Leute noch mit 80 topfit“, sagt Martin Lackner. Der Kunst- und Antiquitätenhändler aus Köln ist Boule-Wart, und Boule sei bei den Mitgliedern gerade der Renner. Soweit war ich schon. FKK plus Sport. „Der Begriff FKK ist verbrannt“, wirft Schneider ein. Das gehe „schnell in den Bereich der sexuellen Dienstleistung“, und es gebe auch Anrufer, die genau danach fragten. Lieber hören die Mitglieder das Wort Naturismus. Dazu passt auch der Grünkernbratling.

„Das ist unser Leben. Bei Wind und Wetter draußen und Sport machen“, sagt Ingrid Ring. Die 77-jährige Kölnerin ist seit 54 Jahren Mitglied. Seit 49 Jahren hat sie einen Wohnwagen hier stehen. Rund 100 Plätze sind an den Rändern der Anlage für Mitglieder eingerichtet, nur eine Handvoll ist unvermietet. „Früher haben die draußen noch »Schweine« zu uns gesagt“, sagt Ring lächelnd. „Auch heute sag’ ich das noch nicht jedem, aber wenn es einer erfährt, ist mir das schietegal.“

Soziale Kompetenz

Dann wird sie ernst. Seit einer Weile sei sie Witwe. „Man wird hier aufgefangen“, sagt sie. „Die soziale Komponente ist ein ganz wichtiger Teil des Vereins, und das ist eine absolute Bereicherung.“ Die Umstehenden nicken und schweigen. Ich deute das Schweigen als Zeichen dafür, dass es für alle hier um weit mehr geht als den Spaß, nackt durch den Regen zu laufen.

Aus den einst 700 Mitgliedern mit vielen Familien sind 600 mit steigendem Altersdurchschnitt geworden. „Wir haben jahrzehntelang nichts für Werbung getan“, sagt Schneider. „Kaum jemand weiß, dass es uns gibt.“ Über Generationen waren sie sich selbst genug.

Werbefokus auf Familien

Nun macht sich der Vorstand Gedanken. „Ich habe ein sensibles, erklärungsbedürftiges Produkt“, sagt er. „Medien wie Facebook und Instagram scheiden da aus.“ Stattdessen setzt er den Werbefokus auf Familien und verbessert kontinuierlich das Produkt: Ein Blockheizkraftwerk ist in der Überlegung, ein Beachvolleyball-Platz im Bau, schnelles Internet ist schon da.

„Wir haben hier etwas, das wirklich einzigartig ist im Kölner Raum“, sagt Schneider und reicht mir zum Abschied Hand und Mitgliedsantrag. Mir sind mein Garten und mein Bikini lieber, aber seinen Satz kann ich definitiv unterstreichen. Manchmal kommt es anders, als man denkt, und so fahre ich lächelnd und im Bewusstsein nach Hause, einen so schönen wie freundlichen Ort kennengelernt zu haben.

Schnupperwoche

Im Rahmen der „Rösrather Stadtverführungen“ bietet Lichtkreis Köln  für 24. Juli und 14. August Führungen über das Gelände an. Interessierte können eine Schnupperwoche auf dem Gelände verbringen oder gar Urlaub machen. Grundsätzlich besteht keine Möglichkeit, Gelände und Einrichtungen nur tageweise zu nutzen.

Der Jahresbeitrag für Erwachsene beträgt 170 Euro inklusive sämtlicher Einrichtungen und Kurse. Jugendliche und Studenten zahlen 30 Euro. Dazu kommen eine einmalige „Aufbauhilfe“ von 150, die sich pro Kind um 50 Euro reduziert, und sieben Stunden Eigenleistung im Jahr. 

www.lichtkreiskoeln.de

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