Rudelspaziergänge in RösrathAlles hört auf den Rudelchef
Rösrath – Hubert Liebertz hat eine laute, dröhnende Stimme. Die braucht er auch, denn Hubert Liebertz ist so etwas wie ein Leitwolf. 18 Hunde und ihre Besitzer sind es heute, die er und seine Frau Susanne Jordan durch den Königsforst in Rösrath leiten. Manchmal sind es auch 40. Die erste dröhnende Ansage lautet: „Ladies and Gentlemen – Leinen los!“ Der Rudelspaziergang ist eröffnet.
Das Rudel ist ein Mix unterschiedlichster Rassen vom lustigen Pudelmix „Otto“ bis zum 40 Kilo schweren Dogo-Argentino-Rüden „Flex“. Jagdhunde, Hütehunde, Schutzhunde. Viele von ihnen mit Vorgeschichte. Sie kommen aus Mülltonnen, dunklen Löchern, wurden verätzt oder hinter dem Auto hergezogen; nicht gewollt, nicht geliebt. „Fußgänger von vorn! Hunde ranholen, alles rechts, Hunde ins Sitz!“, dröhnt Hubert Liebertz. „Was ist hier denn los?“, fragt einer der „Fußgänger von vorn“, während er verblüfft an 18 sitzenden Hunden ohne Leine vorbeiwandert. „Hundeschule“, sagt einer. „Wunderbar“, sagt der Spaziergänger.
Der Rudelspaziergang ist ein Baustein der Hundeschule, die keine richtige Hundeschule ist. Trainiert wird ausschließlich in alltäglichen Situationen, eine Anlage gibt es nicht. Hubert Liebertz hat auch keine Ausbildung zum Hundetrainer und keine gerahmten Zertifikate an der Wand. Dafür hat er Erfahrung. Seit 17 Jahren lernt er von Hunden – und über Menschen. Erfahrungen mit Gewalt in Hundeschulen brachten ihn dazu, es anders machen zu wollen. Sein Prinzip beruht auf dem Wolfsrudel. „Wölfe verletzen sich untereinander nicht, weil es das Rudel schwächt“, erklärt er. „Bei Hunden ist das anders. Hunde sind asoziale Wölfe.“ Sie hatten das Pech, Menschen zu begegnen.
In der Macht des Rudels sehen die „Wolfseltern“ Liebertz und Jordan die Chance, die natürlichen Instinkte des sozialen Zusammenlebens wieder zu wecken. „Hunde machen klare Ansagen“, erklärt Liebertz. „Wenn ein Hund keine klare Ansage bekommt, sucht er sich andere Hobbys.“ Es geht um Rangordnung und Respekt. Respekt des Hundes vor dem Menschen als Leittier, und Respekt des Menschen vor dem Tier als Lebewesen.
Liebertz’ Eltern hatten in Köln-Ehrenfeld eine Gastwirtschaft. Der Metzgerssohn war sein Freund. „Er war früh zu Hause und verdiente gut“, erzählt Liebertz. Damals reichte das als Argument, eine Metzgerlehre zu beginnen. Danach kam der Job im Schlachthaus, als Kopfschlächter. „Du veränderst dich, wenn du jeden Tag schlachtest“, sagt er heute. Um das für sich selbst zu realisieren, brauchte er drei Jahre – und ein Kalb. Es war dieses eine zu viel. „Als ich den Bolzenschuss ansetzte, liefen mir die Tränen herunter“, erzählt er. Er schoss in die Luft, zog die Ölschürze aus, reichte sie dem Meister und bat ihn, ihm die Papiere zuzuschicken. „Da gehst du kaputt bei“, sagt er. „Ich weiß, wie es sich anhört, wenn 1200 Schweine schreien. Sie schreien wie kleine Kinder.“
Heute bezieht er sein Fleisch von heimischen Züchtern, deren kleine Herden auf der Weide groß werden, und wo ortsnah geschlachtet wird. „Ich zahle lieber mehr, als diesen Dreck zu unterstützen“, sagt er. Es geht ihm um artgerechte Haltung ohne Angst und ohne Schmerz. Wie bei den Hunden. „Das läuft nicht ohne Unterordnung“, sagt er, „aber es läuft ohne Schmerz.“ Zum Beispiel mit der dröhnenden Stimme, wie Rottweiler Tim erfährt, als er einen Artgenossen nicht eben freundlich angeht. Das steht ihm nicht zu, denn der Rudelführer heißt nicht Tim, sondern Liebertz.
„Schluss!“, schmettert dieser ihm entgegen und etwas sanfter „Leg dich!“ Das mächtige Tier zögert kurz und folgt. Mit der Schnauze flach auf dem Waldboden wechseln Körperhaltung und Blick von Protest zu einem „Okay, kapiert, du bist der Chef“. Klare Ansage. „Wenn Sie das nicht machen, kommt es ganz schnell zur Beißerei“, sagt Liebertz. „Heitateita kann man mit einem starken Hund nicht machen.“
Klare Ansagen macht er auch an die Besitzer. Sein Lieblingsspruch sei: „Der Hund ist klasse, aber Sie sind ein bisschen scheiße.“ Der Umgangston ist rau, aber herzlich. Viele laufen hier bereits seit Jahren mit. Detlef Keller mit seinem Elo „Charly“ kommt jeden Sonntag bis aus Monheim, seit acht Jahren. „Charly jault schon auf der Autobahn vor Freude“, sagt er. „Für die Hunde gibt es nichts Besseres.“ Tim trottet inzwischen lammfromm neben seiner Besitzerin Gisela Strauff her. Sie ist wachsam und kennt sich aus mit schweren Fällen. Bevor sie Tim übernahm, hatte der Rottweiler viereinhalb Jahre in einem Keller verbracht. „Er hat hier total viel gelernt“, sagt sie. Tim ist nicht ihr erster Hund und Liebertz nicht ihr erster Hundetrainer. Ein gutes Dutzend habe sie schon durch. Jetzt sieht sie sich am Ziel. Gleichlautend äußern sich viele im menschlichen Teil des Rudels. „Ich war vorher dem Nervenzusammenbruch nah“, sagt Ipek Krutsch, die mit zwei Hunden aus Köln-Pesch angereist kommt.
Hubert Liebertz hat alle seine Rudelmitglieder im Blick. Jedes Knurren, jedes Abweichen vom Waldweg lässt ihn eingreifen. Mal braucht es Worte, mal den Wurf der selbst gebastelten „Rappeldose“ neben den Hund, mal reicht ein Blick. Jogger, Radfahrer und Reiter passieren. Fremde Hunde, die aggressiv oder ängstlich reagieren, begleitet Liebertz am sitzenden Rudel vorbei. Sicherheit für alle steht obenan.
Die Woche verbringt Hubert Liebertz mit einem Knochenjob bei einem Maschinenhersteller. „Wenn ich die Hunde hauptberuflich machen könnte, wäre ich der glücklichste Mensch der Welt“, sagt er. Dann müsste er deutlich teurer werden. „Es geht mir aber nicht um Geld“, sagt er. „Es geht mir um die Hunde.“ Nach drei Stunden Spaziergang ist der Rudelführer ziemlich groggy. Chef sein ist anstrengend. „Das hier, das ist mein Leben“, sagt er, und mit etwas glasigem Leitwolfblick fügt er hinzu: „Ich bin auf dieses Rudel stolz wie Wolle.“
Die Rudelspaziergänge starten jeden Sonntag vom Wanderparkplatz Kleineichen. Neue Hunde nur mit Abstimmung.
