Friedhof in Bergheim-OberaußemKampf um die Grass-Kastanie

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Mit einem speziellen Gerät sprüht Projektleiter Dominic Unger Effektive Mikroorganismen gegen Bakterienbefall in den Baum.

Mit einem speziellen Gerät sprüht Projektleiter Dominic Unger Effektive Mikroorganismen gegen Bakterienbefall in den Baum.

Bergheim-Oberaußem – Was für ein Baum! Mächtig und imposant erhebt sich die Kastanie auf dem Friedhofshügel über Oberaußem. 18 Meter ist sie hoch, ihr Stammumfang beträgt fast vier Meter, und allein ihre Äste sind dicker als der Stamm vieler anderer Bäume. Und doch ist was faul an diesem schönen Bild. Der malerische Aufgang zum Friedhof, der an der Kastanie vorbeiführt, ist schon lange gesperrt. Schilder warnen vor dem kranken Baum und der Gefahr durch herabfallendes Totholz – ein Bakterium, die Miniermotte und ein Pilz haben die Kastanie befallen und setzen ihr schwer zu.

Und doch sieht man hinter den Absperrungen immer wieder Menschen, die sich rund um den Baum zu schaffen machen. Sie schleppen Gießkannen und bewässern ihn, sie räumen Herbstlaub weg, sie sprühen eine geheimnisvolle Flüssigkeit in die Krone und rund um den Wurzelbereich: Vor anderthalb Jahren hat das Stadtteilforum Oberaußem eine Projektgruppe gegründet, die um das Überleben des Baumes kämpft.

„Dieser Zeitzeuge mit seiner knorrigen Krone soll bleiben“, sagt Carsten Hütten, Vorsitzender des Stadtteilforums. Es sei der letzte wirklich alte Baum in Oberaußem, und er sei nicht nur wegen seiner Lage und seines Aussehens ein ganz besonderer: Die Kastanie soll eine der ältesten in ganz Europa sein. „Sie wurde vermutlich zu Zeiten des Barock dort oben gepflanzt. Die Kastanie kam damals als Modebaum aus Asien in die Parkanlagen Europas.“ 300, vielleicht sogar 350 Jahre alt könnte die Oberaußemer Kastanie sein. Genau in Erfahrung bringen ließe sich das nur mit einer Bohrung tief in den Stamm. „Aber das würde den Baum nur noch mehr belasten und schädigen.“

Schon der frühere Boxweltmeister Max Schmeling, der im Kraftwerk Fortuna gearbeitet hat, soll unter der Kastanie gesessen haben, auch der heutige Literaturnobelpreisträger Günter Grass hat den Ausblick genossen (siehe „Günter Grass und das Erftland“) – daher trägt der Baum auch den Namen Grass-Kastanie. „Wenn man die alten Oberaußemer zu dem Baum befragt, sagen sie, dass er schon so riesig gewesen sein soll, als ihre Eltern noch klein waren“, sagt Dominic Unger, der Projektleiter. „Und ich möchte, dass auch noch spätere Generationen die Kastanie genießen können.“

Und daher rücken im Herbst teils bis zu 25 freiwillige Helfer aus, um das Kastanienlaub einzusammeln, in dem die Miniermottenbrut überwintern will. Die Ehrenamtler haben Pheromon-Fallen in die Bäume gehängt, um die männlichen Motten mit Sexualduftstoffen aus dem Luftverkehr zu ziehen, sie haben Nistkästen montiert, um den Meisen als Fressfeinden der Motte eine Heimat zu geben.

Mit einem speziellen Sprühgerät bringt Unger regelmäßig Mikroorganismen in den Baum, um das Pseudomonas-Bakterium zu bekämpfen, hinzu kommen Gesteinsmehl und Ackerschachtelhalmtee, die sich den Pilzbefall der Wurzel vorknöpfen sollen. Alle zwei Wochen, im Sommer sogar wöchentlich, tränken Forumsmitglieder den Baum mit 600 Liter Wasser. „Das kann jeder machen, der möchte“, sagt Unger. „Jede Kanne hilft.“ Denn der Baum müsse sich sein Wasser sonst mühsam besorgen, weil er hoch oben auf der Anhöhe steht.

Schon jetzt mache sich die Arbeit bemerkbar, sagen Unger und Hütten. „Die Kastanie trägt ihre Blätter früher und länger als andere“, sagt Hütten. Eine große Wunde in der Rinde beginne, sich zu schließen. Unger: „Der Baum kann weitere 200 Jahre alt werden – oder älter, wenn man ihn lässt.“

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