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In der Alten SchlossereiBrühler Kunstverein zeigt Bilder eines visionären Fotografen

3 min

Thomas Kellner zerlegt seine Motive in Hunderte Aufnahmen, die er in der Form eines Kontaktabzugbogens zusammenfügt.

Brühl – Es ist ja gar nicht mal so lange her, dass wir unsere Urlaubsfotos auf Celluloid bannten. Wir spulten einen Film durch die Kameramechanik mit 24 oder 36 Aufnahmen, auf Diapositiv- oder auf Negativmaterial.

Manche Freizeitfotografen bestellten im Fachgeschäft von ihren Negativfilmen zunächst Kontaktabzüge, auf denen sie die Aufnahmen prüfen und auswählen konnten, bevor sie Fotoabzüge in größeren Formaten in Auftrag gaben. Auf den Kontaktabzügen waren die Bilder in der Originalgröße des Negativs zu sehen, mit Perforationsstreifen oben und unten, Filmtyp und Nummerierung.

Kontaktabzüge als Kunstform

Aus jener im digitalen Zeitalter fast schon vergessenen Ära scheinen die Bilder des Fotografen Thomas Kellner zu kommen. Den Kontaktbogen, der anderen als Hilfsmittel zur Archivierung und Auswahl der besten Aufnahmen diente, hat er zum fertigen Bild erhoben, er ist zu seinem Markenzeichen geworden. Derzeit sind einige seiner Arbeiten aus der 2012/2013 entstandenen Serie „Genius Loci – zwei Siegener im Zarenland“ in der Alten Schlosserei zu sehen.

Gaby Zimmermann, die Vorsitzende des Brühler Kunstvereins, begrüßte zur Eröffnung Chiara Bohn, die Assistentin des Fotografen, die etwas Nachhilfe in Latein gab. Als „Genius Loci“ beschrieb sie eine durch den Geist des Menschen – Genius – geprägte Verbindung eines Bauwerkes zu einem Ort – Locus – und seiner Geschichte.

Jekaterinburg und Perm gehen auf sein Wirken zurück

Einem Geschichtsforscher nicht unähnlich bewegte sich der Siegener Fotograf (Jahrgang 1966) auf den Spuren der historischen Figur Georg Wilhelm Hennig, ebenfalls ein Siegener. Im 18. Jahrhundert hatte Zar Peter der Große den Spezialisten der Metallurgie beauftragt, in Russland Fabriken und Städte zur Eisengewinnung und -verarbeitung aufzubauen. Die Städte Jekaterinburg und Perm gehen auf sein Wirken zurück.

Kellner nahm diese Geschichte zum Anlass, sich mit den beiden gleichermaßen von Stahlindustrie geprägten Wirtschaftsräumen Siegen und im Ural auseinanderzusetzen. Wie seinerzeit Hennig wollte er Teil des „Genius Loci“ zu werden, führte Chiara Bohn aus.

Der Schüler von Bernd und Hilla Becher war kurz vor seinem Examen im Jahr 1997 nach Paris gereist, um den Eiffelturm nach dem Vorbild des französischen Neoimpressionisten Robert Delaunay in 36 Einzelbildern eines Kleinbildfilmes aus der Perspektive purzeln zu lassen, Kellner selbst nannte es „tanzen“. Heute nähert er sich mit derselben Methode dem Hauptthema seiner Lehrer – der Industriearchitektur.

Texte zu Häusern, Hallen und Industrieanlagen

Er zeigt das Sewerski-Werk mit dem ältesten Hochofen Russlands in Polewskoi, Röhrenbauwerke in Perwouralski, das Uralhimmasch-Werk für chemischen Maschinenbau in Jekaterinburg und einige andere Industriestandorte mehr. Wieder lässt Kellner die Linien der Gebäude auf seinen 61 mal 91 Zentimeter großen Farbkontaktabzügen in 408 Einzelbildern „tanzen“.

Er zerlegt sie in rhythmisch gegeneinander verkippte Einzelteile, um sie im Gesamtbild in ganz anderer Sichtweise wieder auferstehen zu lassen. Dass er bei der Arbeit vor Ort nichts dem Zufall überließ, zeigen Skizzen, Übersichtsfotos und Rasternotizen, in denen er minuziös den Kippwinkel seiner Kamera und die Gesamtbewegung plante. Er verfasste auch Texte zu Häusern, Hallen und Industrieanlagen. In einer Vielzahl von Fotomontagen auf der Stirnseite der alten Schlosserei zeigt sich Kellner auch in bunten Themenkombinationen von seiner erzählerischen Seite.

Die Ausstellung des Brühler Kunstvereins ist in der Alten Schlosserei des Marienhospitals, Clemens-August-Straße 24, zu sehen bis Sonntag, 22. September, mittwochs bis sonntags von 15 Uhr bis 17 Uhr.