Die gedämpfte Stimmung ist im Brauchtum ebenso zu spüren wie in der Gastronomie und andernorts. Das darf nicht so bleiben, findet Jörn Tüffers.
KommentarWarum Karnevalisten in Rhein-Erft das Lachen vergeht

Manchem Karnevalisten ist nicht zum Lachen zu Mute: Die Kosten steigen, die Besucher bleiben aus. (Symbolbild)
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Die Verunsicherung ist groß. Viele üben sich in Zurückhaltung und agieren vorsichtig. Spätestens mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine vor bald vier Jahren – wer hätte damals der Ukraine zugetraut, dem scheinbar übermächtigen Aggressor standhalten zu können? – ist die Welt, unsere Welt, nicht mehr die, die sie zuvor war.
Seitdem scheinen weitere Krisenherde täglich dazuzukommen, und auch die USA, auf die jahrzehntelang als „Weltpolizist“ stets Verlass gewesen ist, reihen sich in die Riege der Länder ein, die ihre (territorialen) Machtansprüche lautstark untermauern. Wann hat der kleine Fleck Grönland jemals so im Fokus der Weltöffentlichkeit gestanden wie in den vergangenen Wochen?
Wo ist das Schnitzel seit Jahresbeginn günstiger geworden?
All das dämpft die Stimmung und lässt die meisten von uns mit Blick auf eine ungewisse Zukunft zurückhaltend handeln. Nicht zuletzt mit Blick auf unser Geld. Es war nicht das übliche Wehklagen der Geschäftsleute, dass das Weihnachtsgeschäft deutlich schlechter ausgefallen war als in Jahren zuvor. Auch die Gastronomie reduziert nicht ohne Not Öffnungszeiten oder streicht ganze Tage für ihre Gäste – denn es kommen einfach zu wenige. Und diejenigen, die ausgehen, halten sich einen ganzen Abend lang an ihrem Bier oder ihrer Cola fest.
Daran wird sich auch durch die gesenkte Mehrwertsteuer in der Gastronomie nichts ändern. Wer bitte hat seit Jahresbeginn einen Wirt oder eine Wirtin damit werben sehen, dass das Schnitzel nun für weniger Geld verkauft wird oder die Pizza Margherita nicht mehr zehn Euro kostet? Wer jemanden kennt, bitte melden, wir sagen's dann weiter!

Die Mehrwertsteuer in der Gastronomie ist gesunken. Die Preise sind weitgehend gleich geblieben.
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Auch diese Branche nimmt für sich in Anspruch, dass Personal- und Betriebskosten massiv gestiegen sind – und dass der eine oder andere auch etwas auf die hohe Kante legen möchte, ist auch verständlich . . . so denn überhaupt genug vom Umsatz übrigbleibt.
Die Zurückhaltung der Menschen bekommen zunehmend auch die Karnevalisten zu spüren. In den Vorjahren war mal hier, mal dort hinter vorgehaltener Hand gemunkelt worden, dass sich die Säle und Zelte nicht mehr so problemlos füllen lassen, wie es in der Vergangenheit der Fall gewesen ist. Offen haben die wenigsten darüber gesprochen. Wer mochte sich schon die Blöße geben, zuzugeben, dass der Sitzungskarneval in seiner KG nicht mehr so läuft?
Fast zeitgleich hatten nun aber der Festausschuss Badorf-Eckdorfer Karnevalsfreunde und die KG Stommeler Buure ihre Sorge um die Zukunft des Brauchtums öffentlich gemacht. Die Brühler verfassten einen „Brandbrief zur Pflege des karnevalistischen Brauchtums in Badorf-Eckdorf“, auch die Pulheimer schlugen Alarm. Der Stommeler Marcel Paas beklagt: „Seit Jahren sinken die Besucherzahlen – und das trotz hochwertig besetzter Veranstaltungen, großem ehrenamtlichen Engagement und eines Programms, das über Jahrzehnte fest zum Dorfleben gehört.“
Wie oft in solchen Fällen steht zu befürchten, dass dies nur die Spitze des Eisbergs ist. Bezieht man die Kraftanstrengungen anderer Vereine und Ehrenamtler in der Adventszeit noch mit ein, unter immer schwieriger werdenden Bedingungen, Weihnachtsmärkte zu organisieren, wächst eine Sorge: Wenn solche Veranstaltungen schleichend von der Bildfläche verschwinden, und die Möglichkeiten für Menschen, sich zu treffen und zu feiern, verloren gehen, verlagert sich vieles, zu vieles, in den privaten Raum. Vereinzelung wächst, und der soziale Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält, droht verloren zu gehen.
Das muss mit aller Macht verhindert werden!

