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Protest in Neunkirchen-SeelscheidAngst vor zu viel Verkehr und Gerüchen der Firma Thurn

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Neunkirchen-Seelscheid – „Wir möchten, dass der dörfliche Charakter von Neunkirchen erhalten bleibt und die Firma Thurn hier nicht neue und große Produktionsanlagen für Waschmittel baut“ – das war die klare Grundaussage der etwa 650 Menschen, die zur Bürgerveranstaltung in die Aula der Gesamtschule gekommen waren. Am Abend überreichten sie Bürgermeisterin Nicole Sander noch einmal mehr als 300 Unterschriften gegen das Projekt; rund 1700 Bürger haben mittlerweile unterschrieben, rund 16 000 Wähler hat die Gemeinde. Es wurde kontrovers diskutiert. Die Fragen beantworteten unter anderem Reinhold Pütz, Leiter des Bauamtes der Gemeinde, Thurn-Geschäftsführer Jens Christian Saalfeld, Immissionsschutz-Ingenieur Manfred Weigand und Stephan Wimmer von der Industrie- und Handelskammer.

Expansion in Neunkirchen

Inhaber Adolf Günther Thurn möchte Perspektiven für seine Firme. „Es geht um einen Zeitraum von 30 Jahren“, so Thurn-Geschäftsführer Jens Christian Saalfeld. Die Firma soll sich weiter entwickeln und am Standort Neunkirchen expandieren können.

Die Firma Thurn hat das Grundstück im Gewerbegebiet im Jahr 2008 gekauft, weil sie am Standort in Much, der zudem im Wasserschutzgebiet Bröltal liegt, nicht mehr expandieren kann. Zuvor wurde das Areal bei Neunkirchen vom Parfümhersteller Avon und vom Getränkeproduzenten Eckes genutzt, auch Eschmann Keramik war dort zu finden. Das Baurecht lässt zu, dass sich dort ein Produktionsbetrieb ansiedelt.

Ja – in einer 24-Stunden-Produktion werden seit 2008 Spülmittel hergestellt. Seit dem Jahr 2015 ist eine Flüssigwaschmittelproduktion an diesem Standort. Der Hauptstandort für Flüssigwaschmittel wird aber im Zweigwerk in Greven bleiben. In Neunkirchen wird die Flüssigkeit in Flaschen abgefüllt.

Verarbeitung von Endprodukten

Laut Auskunft des Anwaltes des Unternehmens werden dort keine gefährlichen Stoffes im Sinne des Immissionsgesetzes produziert. Es würden keine Tenside hergestellt. Im Prinzip würden nur Endprodukte verarbeitet. „Waschmittel, die sie vielleicht selber schon jetzt jeden Tag in die Hand nehmen“, so der Anwalt der Firma.

Sie sprechen von Geruchsbelästigungen und haben Sorgen wegen des zunehmenden Verkehrsaufkommens, wenn die Firma expandiert. Über diese Belästigungen gibt es keine Gutachten. Ein Gutachter erklärte, das Baurecht lasse es zu, dass umgerechnet 4500 Personenwagen in einem Zeitraum von 24 Stunden das Areal anfahren dürfen. Dies sei bei der Ausweisung zum Gewerbegebiet im Jahr 1968/69 berechnet worden.

Ursprünglich sollten auf dem rund 180 000 Quadratmeter großen Areal eine Vielzahl von kleinen Gewerbebetrieben Platz finden. Das hätte ein großes Verkehrsaufkommen zur Folge gehabt. Auch ein mögliches Einkaufszentrum hätte Publikumsverkehr bedeutet.

Sinkende Wohnqualität

Drei junge Familien des nahe dem Thurn-Werk gelegenen Dorfes Hohn erklärten, dass sie erst vor kurzer Zeit von den Ausbauplänen erfahren hätten. Ihre neuen Häuser würden nun stehen und sie hätten Angst vor sinkender Wohnqualität. Zudem würde dann der dörfliche Charakter der Gegend nicht mehr so sein wie früher.

Ein Anwohner gab ein Beispiel, dem in der Versammlung nicht widersprochen wurde. Nach seinen Berechnungen würde die Länge der geplanten Bauten einer 25 Meter hohen Mauer entsprechen, die sich über eine lange Strecke wie von der Tankstelle am Ortseingang bis hin zur Kirche Sankt Margareta zieht. „Eine mächtige Wand in der Landschaft, die kein Baum mehr verdecken kann.“

Das Werk in Neunkirchen liegt nicht im extra ausgewiesenen Wasserschutzgebiet. Umweltschützer sind aber in Sorge, dass Lastwagen verunglücken, die voll beladen mit Chemikalien zum Werk fahren. Sie könnten das Wasser im Gebiet zur Wahnbachtalsperre verseuchen.

Schadensersatzansprüche in Millionenhöhe

Die Firma Thurn, die bei grünem Licht schon nächstes Jahr mit dem Bau der neuen Pulverhalle beginnen will, hätte dann Schadensersatzansprüche in Millionenhöhe.

Ein Rechtsanwalt ist beauftragt. Er verweist darauf, dass das Gesetz in einem Gewerbegebiet nur „Firmen erlaubt, die nicht belästigend sind“. Durch den Ausbau müsste die Firma Thurn in ein Industriegebiet ziehen.

In der Region gibt es 31 000 Beschäftigte, die 6,9 Milliarden Euro Umsatz im Jahr erzielen. Ohne Industriebetriebe gebe es auch keine Dienstleister, die ihre Aufträge bis zu 85 Prozent aus diesem Bereich bekämen. Deswegen sei der Ausbau der Firma Thurn wichtig.