Netzwerk hinter AfD aufgedecktARD-Team vor Burschenschaft in Bonn bedroht

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Vermummte Bodyguards vor dem Verbindungshaus der Burschenschaft Raczeks in Bonn.

Vermummte Bodyguards vor dem Verbindungshaus der Burschenschaft Raczeks in Bonn.

Die Reporter wollten Björn Clemens befragen. Vor dem Burschenschaftshaus in Bonn drohte die Situation zu eskalieren.

Vor dem Verbindungshaus einer Burschenschaft in Bonn ist ein Reporter-Team der ARD bedroht worden. Die Journalisten haben für den „Report Mainz“ vom Dienstag (14. Mai) Verflechtungen zwischen Burschenschaften und der AfD unter die Lupe genommen. Unter anderem führte sie die Recherche auch nach Bonn. Vor dem Burschenschaftshaus der Raczeks kam es zu bedrohlichen Szenen.

Über Beziehungen zwischen rechtsextremen Politikern der AfD und Burschenschaften hat auch der „Kölner Stadt-Anzeiger“ wiederholt berichtet. Bonn ist eine der Hochburgen von Studentenverbindungen, die Studentenbunde haben meist eine lange Tradition, die mehrere Jahrhunderte zurückreicht.

ARD deckt rechtes Netzwerk in AfD aus Burschenschaften auf

Auch der Verfassungsschutz hat Studentenverbindungen und Burschenschaften auf dem Schirm. „Teilbereiche des Rechtsextremismus – vor allem der ‚Neuen Rechten‘ – sehen Burschenschaften als Zielgruppe“, erklärte eine Sprecherin des NRW-Innenministeriums auf Anfrage des „Kölner Stadt-Anzeiger“. „Sie wollen Einfluss auf Diskurse nehmen und eigene Positionen dort verankern.“

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Teile der rechtsextremen Szene haben laut NRW-Innenministerium ein strategisches Interesse an Burschenschaften. Doch dass die Stoßrichtung auch aus der entgegengesetzten Richtung, also von Burschenschaften aus, kommen kann, das haben nun Recherchen der ARD nahegelegt. Der „Report Mainz“ hat demnach ein Netzwerk aus rund 100 Personen aus Burschenschaften identifiziert, die in der AfD politischen Einfluss nehmen.

Alice Weidel und Maximilian Krah engagieren Burschenschaftler

Mehr als 50 Abgeordnete der AfD haben demnach Bezüge zu Studentenverbindungen. Die meisten sind selbst Verbindungsmitglied oder haben Mitarbeiter aus diesen Kreisen. Prominentes Beispiel: Der Pressesprecher und Redenschreiber von Alice Weidel wie auch zwei weitere ihrer Mitarbeiter, darunter ein Anwalt, sind Burschenschaftler.

Auch für den aktuell in den Negativschlagzeilen herumspukende Maximilian Krah arbeitet den ARD-Recherchen zufolge ein Mitarbeiter, der gleichzeitig auch der Berliner Burschenschaft Gothia angehört.

AfD-Spitzenkandidaten in Rheinland-Pfalz gehören Burschenschaften an

Die rheinland-pfälzischen Spitzenkandidaten der AfD für die Europawahl Sebastian Münzenmeier und Alexander Jungbluth sind selbst Burschenschaftler. Zudem wurde das „Zentrum Rheinhessen“, der Leitungsstab der AfD in Rheinland-Pfalz, von sieben Personen gegründet, die alle aus Burschenschaften stammen.

Martin Sellner redet in Burschenschaften bereits seit Jahren über „Remigration“

Mit seiner These der „Remigration“, einem rigorosen Abschiebeplan, sorgte Martin Sellner für einen Sturm der Entrüstung. Doch bereits Jahre zuvor hat der österreichische Rechtspopulist mit dieser Idee der „Remigration“ immer wieder in Burschenschaftshäusern hofiert.

Der ARD lagen am Dienstag (14. Mai) Bild- und Tonaufnahmen vor, die Sellner bei Vorträgen in Verbindungshäusern zeigen, etwa 2016 in Bielefeld und 2019 in Greifswald.

Mit der „Alten Breslauer Burschenschaft der Raczeks“ in Bonn sind laut Recherchen der ARD gleich drei AfD-Politiker und vier Mitarbeiter eng verbunden, unter anderem jener Alexander Jungbluth, Spitzenkandidat der rheinland-pfälzischen AfD für die Europawahl.

ARD will Björn Clemens befragen – Lesung im Burschenschaftshaus der Raczeks in Bonn

Im Verbindungshaus der Raczeks war für den Freitag (22. März) ein Vortrag des rechten Szene-Anwalts Björn Clemens angekündigt. Gegen die Veranstaltung formierte sich auch in der Bürgerschaft Protest, mehrere hundert Demonstranten versammelten sich vor dem Haus in Bonn-Poppelsdorf.

Vermummte Bodyguards helfen rechte Szene-Anwalt Björn Clemens beim Tragen.

Vermummte Bodyguards helfen rechte Szene-Anwalt Björn Clemens beim Tragen. Anschließend hielt Clemens eine Lesung bei den Raczeks.

Clemens ist selbst Burschenschaftler und bewegt sich seit Jahren in der rechtsextremen Szene, war stellvertretender Parteichef bei den Republikanern (REP), als Anwalt verteidigte er bekannte Rechtsextremisten und meldete selbst rechtsextreme Demonstrationen an.

Björn Clemens hetzt in Bonn über Nationalspieler und benutzt das N-Wort

Am Abend seines Vortrags, zu dem er mit zwei vermummten Bodyguards erschien, versuchte das Team der ARD mehrfach Clemens zu einem Statement zu bewegen, da er auf schriftliche Anfragen zuvor nicht reagiert.

Einem Gedächtnisprotokoll eines der Teilnehmenden zufolge, welches der ARD vorlag, soll Clemens bei der Lesung in Bonn mehrfach das N-Wort benutzt und gegen Nationalspielern wie Mezut Özil oder David Odonkor geschimpft haben. In seinem Buch kehrt Clemens die deutsche Geschichte um, macht Nachbarländer für die Zerstörung Deutschlands verantwortlich. Er nennt das Satire – und die dürfe ja bekanntlich alles.

Björn Clemens verschwindet – dann kehren seine Bodyguards zurück

Am Abend nach der Veranstaltung versuchte das Reporter-Team den Anwalt zu einem Statement zu bewegen. Doch Clemens verschwand ohne ein Wort. Als die Journalisten gerade ihre Sachen zusammenpacken wollten, tauchten plötzlich die beiden Bodyguards des Anwalts wieder auf.

Die Szene vor dem Burschenschaftshaus in Bonn drohte zu eskalieren.

Die Szene vor dem Burschenschaftshaus in Bonn drohte zu eskalieren.

Kameraaufnahmen zeigen, wie die beiden vermummten Gestalten auf das ARD-Team zugehen. Sie zücken ihre Handys, fotografieren das Pkw-Kennzeichen der Reporter. Dann filmen sie die Gesichter der Journalisten, aus kurzer Distanz. „All das offenbar ein Versuch, uns einzuschüchtern“, so empfindet es das ARD-Team.

„Da sie jetzt unsere Gesichter gesehen haben, darf ich dann auch ihre sehen?“, fragt einer der Kameraleute. „Eines Tages sehen Sie das“, antwortet eine der vermummten Gestalten – eine Aussage, die eine klare Drohung zu implizieren scheint. Nach dem Motto, „irgendwann werden wir uns wiedersehen, mach Dich auf was gefasst!“

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