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DorflebenDie Halscheider verlieren ihr Gemeindehaus und damit ein Stück Leben

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Die Straßen in Halscheid sind heute wie ausgestorben.

  1. Gäbe es den Wettbewerb „Unser Dorf hat Vergangenheit“ so hätten es die Halscheider gewonnen.
  2. Das Gemeindehaus wurde von den Bewohnern selbst erbaut. Nun wird es zu einem Wohnhaus, ein gemeinsamer Lebenspunkt geht verloren.
  3. Wie geht es nun weiter für die Halscheider? Stirbt das Dorf weiter aus?

Windeck – Als die Kinder nicht mehr wollten, mimten Erwachsene Maria, Josef und Hirten. Das Krippenspiel mit Gesang wurde zur liebgewonnenen Tradition in Halscheid. Doch nun naht das Ende. Ein letztes Mal steht das evangelische Gemeindehaus zur Verfügung, das die Halscheider ihre Kirche nennen. Es wechselt den Besitzer, wird zum Wohnhaus.

Wo sollen wir denn in Zukunft Weihnachten feiern, wo das Erntedankfest? Nicht nur das fragen sich die Alteingesessenen. Der Verkauf der Kirche  ist  ein herber Nackenschlag für das Gemeinschaftsleben, das – wie in vielen anderen Dörfern – zu sterben droht.

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Die Tage des Gemeindehauses, in dem Reinhard Gürke und Margitta Bessler stehen, sind gezählt.

Wir treffen Reinhard Gürke (64), dessen Frau Christa (60) und Margitta Bessler (54). Sie erzählen von früher. Schnell wird klar: Gäbe es den Wettbewerb „Unser Dorf hat Vergangenheit“, Halscheid hätte Medaillen-Chancen. Das Gasthaus „Zum Tannenhof“ war ein Dreh- und Angelpunkt. Da gab es einen Saal, im Garten sogar ein Schwimmbecken, einen Tante-Emma-Laden, die Post.

Der Bus hält nur zweimal am Tag

Im Untergeschoss befanden sich das  Waschhaus und die Truhen der Gefriergemeinschaft. „Alle Kinder waren bei einem Lehrer in einer Klasse“, erinnert sich Gürke an die Volksschule im Ort. Und dann war noch die „Aula“, eine Musikkneipe, in die die jungen Leute pilgerten.

Wir gehen durch Halscheid. Der Dorfplatz wirkt trist. An den Rändern stehen der Briefkasten, eine Wanderkarte, das  Schwarze Brett des Bürgervereins, Container für Altglas und Kleidung und das Buswartehäuschen, an dem zweimal am Tag  der 344er hält. Zunft-Kölsch-Lampen zeugen von der gastronomischen Geschichte des Tannenhof-Hauses, grün-verwittert ist das Schild, das „Music & More“ in der Aula verspricht

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Im Dorfstad’l, wie die Musikkneipe Aula auch hieß, war früher richtig was los. Den Tannenhof gibt es auch nicht mehr.

„Die Auflagen, das wurde zu kostenträchtig“, erklärt Gürke, dass man den Spielplatz aufgeben musste, von dem eine Tischtennisplatte und eine Wippe übriggeblieben sind. Vorbei am alten Schulhaus geht es zur Kirche. „Mein Papa hat den Glockenturm mitgebaut“, sagt Bessler.vMorgens um acht, mittags um zwölf und abends um sieben schlägt die Glocke.

Wo wird nun Weihnachten gefeiert?

Reinhard Gürke schließt die Tür auf, neben der noch das Namensschild der früheren Gemeindeschwester Marlies hängt. Sie studierte ehedem mit Kindern das Krippenspiel ein, verteilte Tüten mit Süßem, gab zum Weihnachtsgruß die Hand. „Das war ein besonderes Weihnachten“, sagt Bessler, „damit sind wir groß geworden“, ergänzt Christa Gürke. Das sei etwas, was einem jetzt genommen werde.

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In der Kneipe Aula gab es früher noch „Musik & More“.

Doch nicht nur der Treffpunkt am Heiligabend und die Gottesdienste werden fehlen. Der MGV Sangeslust, der es mit zwölf Aktiven noch hinbekommt, vierstimmig zu singen, muss  sich einen neuen Probenraum suchen. Feste und Konzerte werden nur noch in einen Zelt stattfinden können. „Wir müssen überlegen, wie es weitergeht“, sagt Margitta Bessler auch für den Frauenchor Halscheid. Die 14 Sängerinnen proben bereits im vier Kilometer entfernten Wiedenhof.

Wir besuchen Christel Hermes  (79). „Da war mal eine Versammlung, da hat jeder unterschrieben, wie viel er jeden Monat zahlt“,  erzählt sie, wie die Halscheider zur ihrer Kirche gekommen sind. Über Jahre wurde gesammelt, Material gekauft, wenn genügend Geld da war, und von 1955 bis 1959 gebaut.

„Sonst geht unser Dorf vor die Hunde“

„Vier junge Männer haben jeden Samstag geholfen“, erinnert sich Hermes. „Das Grundstück war unser Gemüsegarten“, das  der Vater und Großvater gestiftet hätten. Gürke und Bessler machen der Kirche wegen des Verkaufs keinen Vorwurf. Sie seien dankbar, die Kirche habe ihnen immer geholfen.  Auch sei den Vereinen das Gemeindehaus angeboten worden, doch allein die Nebenkosten würden die Budgets sprengen.

Bei rund 80 Mitgliedern muss der Bürgerverein sparsam haushalten. Zu den Ausgaben, die Bessler als Kassiererin verbucht, zählt etwa der Kranz für den Totensonntag. Dazu kommt, dass die Menschen, die nach Halscheid ziehen, die Vereine zumeist meiden. „Wenige machen mit, die wollen in Ruhe gelassen werden“, sagt Gürke. Man kenne nicht mehr alle im Dorf, das sich zur reinen Schlafstätte entwickele. „Wir sind die Letzten, zu uns wird keiner mehr kommen, um zum Geburtstag zu gratulieren“, befürchtet Bessler. Sie sitzt auch dem  Halscheider Friedhofsverein vor, der eine sehr gut gepflegte Anlage unterhält.

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Der Bus Nummer 344 hält nur zweimal am Tag in Halscheid.

Am Ende unseres Rundgangs beschwört Reinhard Gürke den Willen, Traditionen und Bräuche aufrecht zu erhalten. „Wir versuchen alles, brauchen aber Hilfe von außen und eine Begegnungsstätte. Sonst geht unser Dorf vor die Hunde.  Es wäre traurig, wenn nur der Friedhof übrig bleibt.“

Das ist Halscheid:

Mit 350 Einwohnern zählt Halscheid zu den kleinen Dörfern des Windecker Ländchens. Nächstgelegene Ortschaften sind  Hurst und Opperzau, beide zwei Kilometer entfernt.

Die Berufstätigen pendeln. Im Ort ist nur ein Bauunternehmen angesiedelt. Es gibt weder eine Kita noch ein Geschäft. Dienstags und freitags kommt ein Bäckerauto, ein Taxibus auf Anforderung.

Das Internet „lahmt“ in Halscheid mit einer Übertragungsrate von 384 Kilobits/Sekunde. Exot ist die buddhistische Karma Kagyü Gemeinschaft mit Klausurzentrum. (kh)