Meist ausverkauft sind die Auftritte des Eitorfer A-Capella-Chors Klangfarben. Wie die Sängerinnen und Sänger sich vorbereiten.
ProbenbesuchWarum beim Chor Klangfarben aus Eitorf ein „fssssch“ zum guten Ton gehört

Probenbesuch beim A Cappella Chor Klangfarben
Copyright: Andrea Enzenberger
Caro, Heiko, Christian und Valentina klettern auf ihr Skateboard – zumindest tun sie so. Und mit ihnen noch einige andere. Im Gemeindehaus der Evangelischen Kirche in Windeck-Herchen stehen an diesem Sonntag keine Rampen oder Rollbretter, sondern die Sängerinnen und Sänger des A-Capella-Chors Klangfarben Eitorf. Was wie eine kleine Improvisationsszene aussieht, ist in Wirklichkeit eine Gesangsübung: Spannung aufbauen, halten, halten, halten – dann „fssssch“, und imaginäre Pfeile zischen durch den kleinen Saal.
Chorleiter Ruslan Aliyev hatte die Proben angesetzt, Gesangsdozentin Julia Zipprick führt durch einen besonderen Workshop, der die Gruppe auf das Konzert am kommenden Samstag, 21. März im Eitorfer Theater am Park vorbereiten und der schnell deutlich machte: Singen ist weit mehr als das Treffen von Tönen. „Es ist Körperarbeit“ sagt Zipprick. Und manchmal auch ein bisschen Abenteuer.
Der richtige Zungenschlag ist für den Klang wichtig
„Mehr erzählen, weniger denken“, das sagt die Kölnerin an diesem Tag häufig. Ein Satz, der über vielen Übungen dieses Tages stehen könnte. Ihr geht es um Lautstärke. Nicht als abstrakten Begriff, sondern ganz konkret. Auf einer Skala von null bis zehn ordnen die Sängerinnen und Sänger aus Windeck, Eitorf, Hennef und Sankt Augustin ihre Stimmen ein. Wie fühlt sich eine Zwei an? Wie eine Acht? Was ist ein zartes Piano, was ein brachiales Forte-Fortissimo? Der Chor probiert, korrigiert, tastet sich an die Unterschiede heran. „Plötzlich merkt man, wie groß die Spannweite sein kann, wenn man sie bewusst gestaltet“, stellt Valentina fest, die Sopran singt.
Dann rückt ein Körperteil in den Mittelpunkt, dem man im Alltag selten besondere Aufmerksamkeit schenkt: die Zunge. „Wenn ihr ,I‘ wie Igel sagt, dann sollen die hinteren Ränder der Zunge an die hinteren Backenzähne drücken“, erklärt Zipprick. Wer möchte, kann das ruhig einmal ausprobieren. Natürlich macht es niemanden sofort zu einem Caruso oder einer Callas, aber es kann ein Anfang sein.

Bei den Proben geht den Mitgliedern der Klangfarben vor allem auch um die richtige Körperhaltung und den Atem.
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Singen beginnt nicht erst an den Lippen, es beginnt in der Haltung
Im Saal des Pfarrhauses sorgt die Übung für ein paar erhellende Momente. „Schi, Schi, Schi“, übt der Chor, Kichern inklusive. Dann: „Igel, Igel, Igel“. Der Kiefer bleibt offen, die Zunge findet ihren Platz. Der Klang bekommt plötzlich Kern. Überhaupt der Raum im Mund. Viel Raum erzeugt eher einen dunklen Klang, wenig Raum einen helleren. Vokale verändern das Instrument, das jeder Mensch im Körper trägt. „I“ klingt eng und hell, „O“ öffnet den Klangraum. Was theoretisch klingt, wird im Chorraum sofort hörbar. Und sichtbar.
Denn Singen beginnt nicht erst an den Lippen. Es beginnt in der Haltung, in den Rippen, im Atem, manchmal sogar im Blick. Eine Gruppenübung macht es den Klangfarben deutlich. Singend schreiten Tenöre, Bässe, „Altis“ und „Sopranis“ kreuz und quer durch den Raum. „Let the Sunshine“ erklingt zwischen Stuhlreihen und Notenmappen.
Mit dem Blick verändert sich auch der Klang
Blicke treffen sich und schweifen in die Weite, fast bis zu einem unsichtbaren Schiff am Horizont. Die Wirkung ist erstaunlich, „mit dem Blick verändert sich auch der Klang“, stellt Chorleiter Aliyev fest.
Eine der wichtigsten Erkenntnisse dieses Vormittags hat allerdings mit Luft zu tun. Oder genauer gesagt mit der Angst vor zu wenig Luft. „Wir haben viel mehr Luft, als wir jemals zum Singen benötigen“, erklärt Zipprick. Viele Sängerinnen und Sänger kennen das Gefühl, dass im Hals plötzlich Druck entsteht. Als müsste der Ton mit Kraft nach draußen gedrückt werden. Doch oft passiert genau das Gegenteil: Zu viel Luftdruck führt zu Spannung.

Sprechen, Atmen, Körperübungen - und vor allem viel Spaß: Das macht die Proben der Klangfarben aus Eitorf so besonders.
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Die Stimmbänder sind winzig, nur wenige Millimeter lang. Und doch schwingen sie hunderte Male pro Sekunde. Dafür braucht es erstaunlich wenig Atem. Entscheidend ist, den Luftstrom zu kontrollieren und Spannung nicht im Hals entstehen zu lassen. „Zwerchfell weit halten“, lautet eine der Anweisungen. Oder einfacher gesagt: den Atem nicht nach oben pressen.
Ein „Woah“ klingt weit und kraftvoll, ein „Oh“ bündelt den Ton
Zwischendurch arbeitet die Gruppe immer wieder an einzelnen Stücken, besonders intensiv an dem Song „Ist da jemand“ von Adel Tawil. Hier, erklärt die Dozentin, gehe es weniger um eine große Melodie als um den Text: „Das ist ein Song, der geht nicht um tolle Musik. Das geht um die Botschaft.“
Zunächst spricht der A-Capella-Chor einzelne Zeilen und „wenn der Himmel ohne Farben ist“, klingt es tatsächlich fast wie eine Erzählung. Erst danach kommt die Melodie dazu. Weniger Drama, mehr Klarheit. Die Musik wird zum Träger der Geschichte, nicht umgekehrt. Ganz anders wirkt die Arbeit an „You’re the Voice“. Hier geht es um Energie, um eine Botschaft, die größer klingt. „Wir haben die Chance, etwas zu verändern“, lautet die zentrale Zeile des Songs. „Wir sind die Stimme.“
Auch hier wird nicht nur gesungen, sondern ausprobiert. Offene und geschlossene Vokale verändern den Klang. Ein „Woah“ klingt weit und kraftvoll. Ein geschlossenes „Oh“ bündelt den Ton. Der Chor formt die Vokale, bis sich der gemeinsame Klang fast von selbst ergibt.
Manchmal sind es gerade die kleinen Momente, die am meisten erzählen. Das kurze Lachen, wenn eine Übung schiefgeht. Das zustimmende Nicken, wenn plötzlich etwas funktioniert. Oder die kollektive Erleichterung, wenn eine schwierige Passage endlich sitzt.
Was bleibt von diesem Probentag? Ein paar neue Bilder im Kopf, ein anderes Gefühl für Atem und Klang. Vor allem aber die Erkenntnis, dass Singen mehr ist als Notenlesen: Es ist eine Mischung aus Technik, Körpergefühl und Emotion. Oder, um es mit dem Satz des Tages zu sagen: mehr erzählen, weniger denken. Am 21. März wird man im Theater am Park hören können, wie das klingt. Für das Konzert gibt es noch wenige Restkarten.

