Sara ZorluBasisarbeit an der Gemüsetheke

Sara Zorlu (28) aus Eitorf ist Vorsitzende der Jusos im Rhein-Sieg-Kreis.
Copyright: Peter Freitag Lizenz
Eitorf – Einmal in der Woche gönnt sich Sara Zorlu eine Auszeit vom Jura-Studium und von der Politik. Samstags steht die Vorsitzende der Jusos Rhein-Sieg hinter dem Tresen des Feinkostladens ihrer Familie in der Asbacher Straße und hilft beim Verkauf. „Ich mache das schon, seit ich 15 bin“, erzählt sie. „Es macht mir Spaß, mich mit Lebensmitteln zu beschäftigen, wichtig sind mit aber vor allem die vielen Gespräche, die ich dort führen kann, und der Austausch mit anderen Menschen.“
Was sie in diesem Gesprächen zwischen Biogemüse und Antipasti erfährt, fließt auch in die politische Arbeit ein, die seit etwas mehr als vier Jahren einen Großteil der Freizeit der 28-Jährigen bestimmt. Früh schon politisch interessiert, entschloss sie sich 2009, auch aktiv zu werden. „Dass ich mich für die SPD entschieden habe, liegt an meinem Großvater, der auch mein politisches Interesse geweckt hat“, erinnert sich Zorlu, deren Familie ursprünglich aus Anatolien stammt, aber inzwischen in der vierten Generation an der Oberen Sieg lebt. „Er war seinerzeit von Willy Brandt begeistert. Seine SPD ist eine Partei, die uns Gastarbeiter anhört und die uns eine Stimme verleiht, hat er immer gesagt.“
Bei der SPD wurde die politische Novizin mit offenen Armen aufgenommen. In der Kommunal-Akademie der Bundespartei absolvierte Zorlu einen Crashkurs in Sachen Kommunalpolitik und fand sich bei den Kommunalwahlen 2009 prompt auf der Kandidatenliste der Genossen für den Eitorfer Gemeinderat wieder.
Dass sich eine junge Frau mit Migrationshintergrund in der Kommunalpolitik engagiert, sorgte auch außerhalb der Partei für großes öffentliches Interesse. „Im Wahlkampf hat mich bei meinen Hausbesuchen damals sogar ein Fernsehteam begleitet“, schildert Zorlu. Am Ende zog sie in den Gemeinderat ein. Dort ist sie inzwischen stellvertretende Fraktionsvorsitzende und sitzt im Schul- und Sozialausschuss. „Kommunalpolitik ist inzwischen ein wichtiger Teil meines Lebens“, bilanziert sie kurz vor dem Ende ihrer ersten Wahlperiode. „Wenn ich die Möglichkeit habe, mit dieser Arbeit hier vor Ort Leuten zu helfen, dann erfüllt mich das schon sehr.“
Aber auch außerhalb Eitorfs ist Zorlu politisch aktiv. Inzwischen ist sie Delegierte der Kreis-SPD beim Bundesparteitag und gehört dem Landesparteirat der NRW-Genossen an. Seit 2009 steht sie zudem an der Spitze der Jusos, der SPD-Nachwuchsorganisation, im Rhein-Sieg-Kreis. Dort konnte sie als Vorsitzende kürzlich einen ihrer bislang größten politischen Erfolge verbuchen. „Wir Jusos aus dem Rhein-Sieg-Kreis haben gefordert, dass Homosexuelle nicht länger grundsätzlich von Blutspenden ausgeschlossen werden dürfen. Diese Forderung hat sich inzwischen auch die SPD-Landtagsfraktion zu Eigen gemacht. Daraus ist nun eine Bundesratsinitiative entstanden.“
Für Zorlu ist dieser Erfolg ein wichtiger Beleg dafür, dass junge Leute in der Politik etwas bewegen können. „Ich hoffe, dass solche Beispiele auch andere motivieren, sich politisch zu engagieren.“ Allerdings sind nicht alle Vorstöße der Nachwuchspolitikerin und ihrer Mitstreiter von Erfolg gekrönt. In der vergangenen Woche scheiterte beim Kreisparteitag ihr Antrag, dass bei der Aufstellung der Reserveliste zur Kreistagswahl 2014 unter den ersten 20 Plätzen mindestens fünf Politiker „im Juso-Alter (bis 35 Jahre)“ berücksichtigt werden sollen. „Wir haben bei den Kommunalwahlen ein Wahlalter von 16 Jahren, und das muss sich auch auf unseren Plakaten widerspiegeln“, verteidigt die Juso-Vorsitzende ihre Initiative. Ihr Ziel einer Verjüngung der SPD-Fraktionen in den Kommunalparlamenten will sie daher auch nicht aufgeben. „Die Quote ist in dieser Diskussion kein Selbstzweck, sondern ein Werkzeug, um verkrustete Strukturen aufzubrechen und innerhalb der Partei fortschrittliche Positionen zu fördern“, betont Zorlu und kann sich einen Seitenhieb auf die mutmaßlich betagteren Gegner der Quote nicht verkneifen. „Seine Erfahrung weitergeben kann man auch ohne Mandat.“
Eher strittig dürften auch andere politische Vorhaben sein, für die Zorlu in ihrer Partei kämpft, etwa im Bereich der Integration. So macht sie sich für ein kommunales Wahlrecht für Nicht-EU-Ausländer und für die Möglichkeit doppelter Staatsbürgerschaften stark. Trotz des Engagements für solche Themen, möchte sie sich im politischen Geschäft, aber auch im Alltag nicht auf ihren Migrationshintergrund reduzieren lassen. „Ich bin Deutsche, ich träume auf Deutsch, habe den deutschen Pass seit meinem elften Lebensjahr. In die Türkei fahre ich in Urlaub und erfahre jedes Mal ein bisschen mehr über die Kultur des Landes“, schildert Zorlu.
Auch in anderen Situationen lehnt sie es ab, ihre Herkunft zum Maß aller Dinge zu machen. „Wenn zum Beispiel die Verkäuferin in einem Geschäft oder ein Zugbegleiter in der Bahn ausgesprochen unfreundlich zu mir sind, dann führe ich das nicht darauf zurück, dass die Wurzeln meiner Familie in der Türkei liegen. In solchen Situationen gehe ich erst einmal davon aus, dass diese Leute einfach schlechte Laune haben und auch zu jedem anderen unfreundlich und abweisend sind“, sagt Sara Zorlu.
