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Schäfer in EitorfWandern in zotteliger Begleitung

5 min

Timm Freymann

Eitorf – Wenn Timm Freymann über die Schäferei spricht, dann klingt es tatsächlich so, als habe ihn jemand zu dieser Aufgabe berufen. Mitte der 90er-Jahre ist es, als ein alter Wanderschäfer mit seiner Herde durch den Rhein-Sieg-Kreis und die Dörfer im rheinland-pfälzischen Landkreis Neuwied zieht. Als kleiner Junge steht er am Wegesrand und ist auf Anhieb von den sanftmütigen Zotteltieren angetan.

Schnell sucht er den Kontakt und beginnt, immer mehr Zeit auf den Wiesen rund um sein Heimatdorf zu verbringen. Einzelne Nachmittage nach der Schule zunächst. Dann Wochenenden. Und schließlich sind es die gesamten Schulferien, in denen der Junge mit dem Schäfer und seiner Herde „auf die Walz“ geht. Bereits im Alter von zwölf Jahren steht für Freymann fest: Er will Schäfer werden. „Es war also schon ziemlich früh klar, was ich mache“, fasst der heute 28-Jährige zusammen.

An diesem Tag hat er mit seiner Herde auf einer Hügelkuppe unweit des kleinen Orts Birken bei Windhagen Station bezogen. Das Landschaftsbild ist geprägt von Bauernhöfen und kleinen Siedlungen. Nur die grauen Fahrbahnen der A3 wollen nicht so recht in die Postkartenidylle passen. Freymann mit seinem langen grünen Mantel, der Wollmütze und dem Schäferstab umso mehr. Und auch die Schafe wirken, als hätte sie jemand eigens unter Verwendung eines riesigen Zirkels in die Landschaft drapiert. Mehr als 500 müssen es sein: Merino-Schwarzkopf-Kreuzungen sowie zu einem kleinen Teil auch Moorschnucken – eine alte deutsche Rasse, die überwiegend zur Landschaftspflege gehalten wird, und deshalb mittlerweile vom Aussterben bedroht ist. Wie viele genau es sind, das lässt sich Freymann nicht entlocken: „Ich für mich weiß es, aber ein Schäfer verrät nie genau seine Zahlen“, sagt er grinsend.

Bis der Jungschäfer so viele Schafe zusammen hatte, musste er jedoch einige Hürden nehmen: „Als ich dann zu meinen Großeltern gesagt habe, dass ich Schäfer werden will, haben sie erst mal gelacht“, erzählt er. Selbst ein Geschäftskonzept, das er dem Großvater daraufhin präsentiert, vermag daran noch nichts zu ändern. Doch der Jugendliche lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Zwar absolviert er auf Anraten der Eltern mit 16 zunächst eine dreijährige landwirtschaftliche Lehre. Doch im Alter von 19 Jahren setzt er endlich zur Verwirklichung seines Traumes an und assistiert erneut seinem Schäfervater bei der Schafzucht. Der Lohn, den er dafür erhält, erfolgt „in Schafen“. Und so hat der Nachwuchsschäfer nach ein paar Zukäufen mit Anfang 20 seine eigene kleine Herde beisammen, mit der er schließlich in die Selbstständigkeit startet.

Sein Tagesablauf wird seitdem von der Natur sowie der Jahreszeit bestimmt: Im Winter, der von der Wanderschaft geprägt ist, beginnt Freymann bereits um sechs Uhr mit der Stallarbeit. Er kümmert sich dann um schwächere Schafe sowie Muttertiere mit Zwillingsgeburten. Anschließend lädt er seine altdeutschen Hütehunde in den Pickup und macht sich auf den Weg zu den Weidetieren, die die Nacht im elektrisch gesicherten Pferch verbracht haben. Bis zum Abend hütet er diese, und wandert, falls nötig, bis zur nächsten Weidfläche, ehe er zum Abschluss noch einmal im Stall nach dem Rechten sieht. Das Wandern entfaltet dabei für ihn eine fast meditative Wirkung: „Jeder Mensch muss zufrieden sein, mit dem, was er tut. Und das gibt mir dieses Wandern mit den Schafen. Immer neue Dörfer, immer eine neue Gegend. Ich bin dann ausgelastet und glücklich.“

Bis Ende April ist Freymann unterwegs „zwischen Uckerath, Oberpleis, Neustadt und Altenkirchen“. Dann beginnt die Sommersaison und der Jungschäfer kann etwas länger schlafen: Seit zwei Jahren ist er während dieser Zeit für die Biologische Station des Rhein-Sieg-Kreises in Eitorf tätig, in deren Auftrag er mit seiner Herde die landschaftliche Pflege der Streuobstwiesen im Siebengebirge übernimmt. Für den Schäfer ein dankbares Zubrot: „Alleine von den Schafen zu leben, ist schwierig. Denn für die Wolle kriegt man nichts mehr – höchstens für die der Merinos, aber das reicht dann auch nur für eine neue Schere. Die Arbeit bei der Biostation gibt da eine gewisse Planungssicherheit.“

Mitunter schwer fällt Freymann ein anderer Bestandteil seiner Tätigkeit: Regelmäßig muss er sich von einigen Tieren trennen und sie dem Schlachter übergeben. Und so wundert es nicht, dass er selbst auf den Genuss von Schafsfleisch weitgehend verzichtet – „aus geschmacklichen Gründen“, wie er betont. Doch nach kurzem Nachdenken fügt er hinzu: „Natürlich ist das auch eine Kopfsache.“

Finanziell über die Runden kommt der Jungschäfer so mittlerweile ganz gut, „auch, wenn ich für das Geld deutlich mehr arbeiten muss als andere Menschen“. Aber die Schäferei ist eben nichts, was man aus finanzieller Perspektive sieht, sondern „aus Liebe zum Beruf, zur Natur und zu den Tieren“.

Der Bericht über den Schäfer Timm Freymann ist Teil unserer Serie "Altes Handwerk". In der letzten Folge stellten wir die Erlebnisbrauerei in Lohmar-Meigermühle vor. Den Bericht "Obergäriges mit feiner letzter Note" können Sie hier nachlesen.

In der achten Folge berichteten wir über den Goldschmied Jörg Günther aus Troisdorf. Den Bericht "Ein Armband aus Elefantenhaaren" können Sie hier nachlesen.

In der siebten Folge berichteten wir über den Hufschmied Michael Möllmann aus Hennef. Den Bericht "Pediküre mit glühenden Eisen" können Sie hier nachlesen.

In der sechsten Folge stellten wir die Buchbinderin Ute Fischer aus Seelscheid vor. Den Bericht "An der Heftlade wird eingefädelt" können Sie hier nachlesen.

In der fünften Folge berichteten wir über "Jules Käsekiste" aus Much vor . Den Bericht "Vom Hofladen nach ganz Deutschland" können Sie hier nachlesen.

In der vierten Folge stellten wir den Schuhmeister Heinz Becker aus Siegburg vor. Den Bericht Der Meister erfüllt Lebensträume" können Sie hier nachlesen.

In der dritten Folge berichteten wir über den Uhrmacher Torsten Reichmann aus Windeck. Den Bericht "Der Verwalter der Zeit" können Sie hier nachlesen.

In der zweiten Folge berichteten wir über den Keramiker Rolf Seebach aus Much. Den Bericht "Freie Bahn für schwelenden Rauch" können Sie hier nachlesen:

In der ersten Folge stellten wir einen Sattler aus Ruppichteroth vor. Den Bericht "Passendes für Kaltblut und Ziege" können Sie hier nachlesen: