Training in LohmarErst nach schwerem Unfall bewilligte Krankenkasse Blindenhund

Jack stoppt am Zebrastreifen und beobachtet den Verkehr.
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Lohmar – Wieder diese Ecke! Jack läuft zu weit rechts, Peter Eschbach, in der einen Hand den weißen Stock, in der anderen den Bügel des Hundegeschirrs, rempelt vor der Apotheke einen älteren Herrn an. Hier war Eschbach vor rund zweieinhalb Jahren unter die Räder eines ausparkenden Elektroautos geraten, das er weder hören noch sehen konnte.
Erst als er schwer verletzt in der Klinik lag, bewilligte die Krankenkasse den lange beantragten Blindenführhund. Jetzt hat das Tandem mit dem Training begonnen.
„Such Zebra“: Jack stoppt vorbildlich am Straßenrand
Kleinere Crashs sind normal, Eschbach bittet um Entschuldigung, fragt: „Ist Ihnen etwas passiert?“, der Herr verneint, Ausbilderin Magdalena Staroszynski gibt Kommando: „Zurück und noch einmal von vorn.“ Jetzt lässt sich der Schäferhund nicht ablenken, macht einen Bogen und führt sein Herrchen sicher zwischen Warteschlange und Laternenpfahl an der Hauptstraße hindurch. „Gut gemacht.“ Es gibt Leckerchen.
Poller und Treppen, Aufsteller vor den Läden und tief hängende Wahlplakate, Stromkästen, Bordsteine und Straßenverkehr, überall lauern Hindernisse und Gefahren – Jacks Augen müssen für zwei schauen.
Und Peter Eschbach muss seine Strecke vor dem geistigen Auge haben, eindeutige, kurze Befehle geben, „rechts, links“, dazu klare Handzeichen, wenn der Vierbeiner sich setzen oder hinlegen soll. Und er muss sich führen lassen. Eine Sache von Vertrauen, das mit der Übung wächst.
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Es war ein langer Weg, bis der anderthalbjährige Yak, genannt Jack, das erste Mal an Eschbachs Hand schnupperte. Die Unfallfolgen, mehrere komplizierte Arm- und Beinbrüche und ein zerquetschter Fuß, der mit 60 Stichen genäht werden musste, machten dem Mann lange zu schaffen. Zu den Schmerzen kam die psychische Belastung, ein massiver Gewichtsverlust, erneute Krankenhausaufenthalte. Und dann noch Corona.
Ausbildung kostet 25.000 Euro
Etwa 25.000 Euro kostet die Ausbildung eines Blindenführhundes. Die Kostenübernahme muss bei der Krankenkasse beantragt werden. Nachdem Peter Eschbachs erster Hund nach elf Jahren gestorben war, hatte seine Krankenkasse seinen erneuten Antrag abgelehnt.
Nach drei Jahren ohne tierischen Begleiter verunglückte Eschbach. Seine Frau schrieb einen bitterbösen Brief an die Kasse – Tenor: Mit Hund wäre das nicht passiert. Innerhalb von wenigen Stunden war die Bewilligung da.
Peter Eschbach hat aufgrund einer seltenen, spät entdeckten Variante der Multiplen Sklerose sein Augenlicht verloren, musste im Alter von 34 Jahren seinen Beruf als Gas- und Wasserinstallateur aufgeben. Seit Jahren setzt er sich unter anderem als Vorsitzender des städtischen Behindertenbeirats für die gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderungen ein. (coh)
Der 56-Jährige, unternehmungslustig und engagiert, zog sich immer mehr zurück, kommunizierte vor allem übers Internet. Nun geht’s wieder raus. Doch der Fußmarsch mit dem Vierbeiner ist kein Spaziergang, verlangt von Mensch und Tier volle Konzentration.
„Such Saal!“, heißt es im Rathaus. Der Hund schnüffelt an der richtigen Tür. „Such Zebra!“, Jack bleibt am Fußgängerüberweg stehen und blickt dem Auto entgegen, wartet, bis dieses stoppt.

Achtung, Stolpergefahr: Der Hund und Peter Eschbach auf der Trainingsstrecke.
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„Such Bank!“, heißt es im Park an der Villa Friedlinde. Der Supermarkt, die Bäckerei, der Bankschalter sind weitere Stationen auf dem 50-Minuten-Parcours. Die täglichen Ziele des Blinden bilden die Prüfungsstrecke, die das Tandem am 6. Mai absolvieren muss. Erst dann geht der Hund in den Besitz von Peter Eschbach über.
Es ist Jacks siebter Tag an der Seite des 56-Jährigen. Vier Wochen insgesamt, montags bis freitags zwei- bis dreimal täglich üben Hund und Herrchen mit der Trainerin, die vom Niederrhein anreist, aus der in Alpen ansässigen Hundeschule Küch.
Dort wurde Yak sieben Monate auf seine Aufgabe vorbereitet. Beim ersten Besuch in Lohmar brachte die 44-Jährige den Schäferhund als Überraschung mit. Peter Eschbach, der eigentlich wieder einen Labrador wollte, wie sein vor Jahren verstorbener Blindenführhund Buma, leistete keinen Widerstand: „Ich war schockverliebt.“
Die Chemie müsse stimmen, weiß die Trainerin. Das Tandem passe zusammen und mache gute Fortschritte. Zuhause entfernt Eschbach das Geschirr und befestigt eine neonfarbene Decke mit Glöckchen.
Das Signal wirkt: Die Arbeit ist beendet, die Freizeit beginnt, der Hund darf das Bein heben. Und auf den Mann wartet frischer Kaffee – und seine zufriedene Ehefrau Christina: „Peter gewinnt wieder seine Selbstständigkeit.“

