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Intarsienarbeiten aus LohmarMit der Perfektion eines Chirurgen

4 min

Josef Moll hat auch Bilder für die Kirchengemeinde in Wahlscheid angefertigt.

Lohmar – Es die präzise Arbeit eines Chirurgen, die Josef Moll verrichtet. Und doch ist es ein Hobby. Mit Lupe, Pinzette und Skalpell bewaffnet, schneidet er millimeterkleine Holzstücke zurecht. Das Furnier, das er durchtrennt, ist zwar nur einen bis 1,5 Millimeter dick. Trotzdem braucht es einerseits gehörigen Druck, um das rasiermesserscharfe Gerät vollständig durch die Platte zu ziehen. Andererseits ist volle Konzentration gefragt: Reißt das Holz – und das ist schnell geschehen – war die Mühe vergebens. „Dann kann man es wegwerfen“, erklärt der 67-Jährige. Für ein Teil von wenigen Quadratmillimetern benötigt er zuweilen 15 oder gar 30 Anläufe.

Erst wenn alles perfekt ist, ist Josef Moll zufrieden. Die Hölzchen, mal hell, mal dunkel, mal gemasert, fügt er in seiner Werkstatt im heimischen Keller in Neuhonrath neu zusammen – eine mühevolle Kleinstarbeit von Wochen, Monaten, sogar Jahren. Doch ist sie beendet, ist das Ergebnis prachtvoll: Großflächige, reich geschmückte Intarsienbilder. Für die aufwendigen Einlegearbeiten werden – ähnlich wie bei einem Mosaik – auf einer Trägerplatte verschiedene Holzarten aneinandergefügt. Zusammen ergeben sie wiederum eine plane Oberfläche, die nun aber durch ihre unterschiedlichen Farb- und Formbestandteile eine Abbildung oder ein Muster enthält.

Die Arbeit ist kompliziert: Als erstes zeichnet Gertrud Löhr, Architektin aus Frechen, einen Plan. Der wird eins zu eins auf die Trägerplatte übertragen und später auf das Furnier. „Bei einer Abweichung von nur einem Millimeter kann man alles neu machen. Dann passt es nicht mehr“, warnt Josef Moll. Jedes der unzähligen Puzzleteilchen schneidet er daraufhin von Hand aus Furnierhölzern und verleimt es mit den umliegenden sowie der Trägerplatte.

Nur ein winziger Tropfen darf auf die hauchdünnen Holzblättchen getupft werden, sonst quillt der Leim über. Durch die Feuchtigkeit biegt sich das Material sofort. Deshalb muss der Künstler mit Druck und Wärme – sprich: mit einem Bügeleisen – das Ganze flach pressen. Dabei gilt höchste Vorsicht, damit das Plättchen nicht ansengt. Anders als bei Gemälden gelte bei Intarsien: „Was drin ist, ist drin“. Winzige Spalten, Flecken oder Risse – alles ist unauslöschlich im Holz und damit im Werk. „Übermalen geht nicht.“

Seit acht Jahren fertigt der Neuhonrather Intarsien. Unter anderem hat er eine komplette historische Ansicht der Stadt Siegburg – Michaelsberg inklusive – gefertigt. „Und für das hier habe ich vier Jahre gebraucht“, sagt er und deutet auf eine verfremdete Darstellung der Bergpredigt Jesu. Beide Werke hängen im Wahlscheider Pfarrheim. Die Idee zu religiöser Bildkunst habe ihn einst während einer langen Autofahrt ereilt: „Da ging mir so durch den Kopf, dass es mir und meiner Familie eigentlich unheimlich gut geht. Und ich hatte plötzlich das Bedürfnis, etwas zurückgeben zu wollen“, sagt der Vater zweier Söhne, der mittlerweile längst Opa ist. Das Ergebnis waren Auftragsarbeiten für christliche Kirchen in Lohmar sowie die Siegburger Abtei.

Die detailreichen Arbeiten bereiten Moll schon von klein auf Freude. Auf Druck der Familie habe er als Jüngstes von fünf Kindern im Nachkriegsdeutschland darauf verzichtet, die ersehnte Schreinerlehre zu beginnen. „Das stand einfach gar nicht zur Debatte“, erinnert er sich. „Das war kein Beruf.“ Denn es habe die Ansicht geherrscht, dass allein gepressten Serienmöbeln aus der Fabrik die Zukunft gehöre. So absolvierte Moll als junger Mann schweren Herzens eine Drogisten-Lehre, sattelte später um auf Pharmareferent und noch später auf Augenoptik. 40 Jahre lang arbeitete er im Außendienst für ein bayrisches Unternehmen, doch die Liebe zu Holz und Handwerk erlosch nie.

Lehre am Feierabend

Eine Weile frönte der Lohmarer seinem Hobby, indem er nach Feierabend bei Tischler Leo Nerschbach aus Rösrath in die Lehre ging. Sein Arbeitgeber sah dieses zweitberufliche Engagement jedoch nicht gern. Und so musste Josef Moll seine Leidenschaft ein zweites Mal verteidigen. Und statt des Jobs überdauerten in seinem Leben diesmal Kunstfertigkeit und Hingabe zum Holz. Seit vier Jahren lebt der 67-Jährige nun im Ruhestand. Seine Wohnung ist geschmückt mit Schnitzwerken, kunstvollen Schwibbögen, Modellbauten und Einlegearbeiten – Zeugnisse einer Biografie, die im Grunde eine künstlerische war.

Eine neue Idee für ein Bild hat Josef Moll schon, verraten will er sie nicht. Noch einmal möchte er zeigen, wie beim Schneiden von Intarsien das Skalpell auf dem Furnierblatt geführt wird. Ratsch! Und es ist geschehen. Der Künstler hat sich in den Finger geschnitten. Das könnte eine Zwangspause bedeuten, denn „das Blut zieht ein und das Holz ist dahin.“ Über den Finger macht sich Josef Moll erst nach dem Arbeitsmaterial Sorgen.