Von familienfreundlicher Arbeit bis Gewaltprävention: Brigitte Feist gibt Einblicke in ihre Arbeit als Gleichstellungsbeauftragte.
Einblicke in die StadtverwaltungLohmar: Was macht eigentlich eine Gleichstellungsbeauftragte?

Brigitte Feist ist seit 20 Jahren Gleichstellungsbeauftragte in Lohmar.
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Brigitte Feist ist seit 20 Jahren Gleichstellungsbeauftragte in Lohmar. Sie setzt sich dafür ein, dass das verfassungsrechtliche Gebot „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ in Lohmar umgesetzt wird. Alle nordrheinwestfälischen Kommunen mit mehr als 10.000 Einwohnerinnen und Einwohnern sind gesetzlich verpflichtet, eine solche Beauftragte hauptamtlich zu bestellen. Doch was macht eine Gleichstellungsbeauftragte eigentlich genau?
Feists Arbeit unterteilt sich in die Arbeitsgebiete interner und externer Gleichstellung. Intern, das bedeutet alles, was in der Stadtverwaltung passiert; beispielsweise berät sie den Bürgermeister und Führungskräfte in Gleichstellungsfragen. Sie ist bei allen Personalangelegenheiten und organisatorischen Veränderungen beteiligt, setzt sich für familienfreundliche Arbeitsbedingungen ein, kümmert sich aber auch um Themen wie geschlechtergerechte Sprache. Brigitte Feist ist Ansprechpartnerin für alle Mitarbeiterinnen bei Fragen zur beruflichen Weiterentwicklung, aber auch bei Anliegen im Zusammenhang mit sexueller Belästigung oder Mobbing am Arbeitsplatz. Sie unterstützt Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und setzt sich für mehr Männer in den pädagogischen Berufen sowie in der Sozialarbeit ein.
In der Lohmarer Stadtverwaltung hat sich mit Hinblick auf Gleichstellung viel getan
„Sehr viel Zeit verbringe ich damit, in Vorstellungsgesprächen dabei zu sein, um bei Stellenbesetzungen auf die Umsetzung unserer Maßnahmen und Ziele aus dem Gleichstellungsplan zu achten“, sagt Brigitte Feist. Der Gleichstellungsplan wird alle fünf Jahre aktualisiert. In der Lohmarer Stadtverwaltung arbeiteten zwar aktuell mehr Frauen als Männer, in Führungspositionen wie Amtsleitungen seien sie aber noch unterrepräsentiert.
In den vergangenen Jahren habe die Stadt hier jedoch durch zunehmend familienfreundliche Arbeitsbedingungen einiges erreichen können. „Flexible Arbeitszeiten, aber auch viele Teilzeit-Modelle, Führungspositionen in Teilzeit und die Möglichkeit der mobilen Arbeit haben bewirkt, dass im Bereich der Abteilungsleitungen keine Unterrepräsentanz von Frauen mehr besteht“, berichtet Feist. „Im Bereich der Amtsleitungen oder bei technischen Berufen gibt es jedoch noch Handlungsbedarf.“
Bei der „externen Gleichstellung“ gehe es zum Beispiel darum, in der Öffentlichkeitsarbeit auf Schieflagen wie den Gender Pay Gap (die geringere Bezahlung von Frauen) hinzuweisen. „Es ist Zeit, dass Frauen angemessen verdienen und in allen Lebensbereichen angemessen mitgestalten - am besten 50-50.“ Gerade in der Politik seien Frauen jedoch unterrepräsentiert. „Das liegt unter anderem daran, dass viele Frauen weiterhin die meiste unbezahlte Care-Arbeit übernehmen: Sie kümmern sich neben dem Beruf um Kinder, um pflegebedürftige Angehörige und den Haushalt.“ Durch diese Mehrfachbelastung sei es kaum möglich, sich zusätzlich zu engagieren.
Alte Rollenbilder sind für alle Geschlechter gefährlich
„Care-Arbeit sollte fair aufgeteilt werden, damit auch Frauen sich angemessen beruflich entwickeln können und letztendlich finanziell abgesichert sind“, findet Brigitte Feist. An Karneval verteilte sie als Anregung für zukünftige Väter Bierdeckel mit der Aufschrift „Sei ein Mann - nimm Elternzeit“. Auf der Rückseite stehen Argumente wie: „Ein Vater, der Elternzeit nimmt, stärkt seine Bindung zum Kind“ oder „Wenn der Vater Elternzeit nimmt, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Paar trennt, um 25 Prozent“.
Letztendlich könne eine faire, geschlechtergerechte Gesellschaft nur gemeinsam entwickelt werden, findet Feist. Hier sehe sie sowohl positive als auch negative Entwicklungen: „Es gibt mittlerweile auch viele Männer, die klar für Geschlechtergerechtigkeit eintreten, da ist aber weiterhin noch viel Luft nach oben“, beobachtet Feist. „Gleichzeitig gibt es eine Bewegung, die das Rad zurückdrehen will und Rollenbilder wie in den 50er Jahren idealisiert, als Frauen überwiegend auf die Rolle der Hausfrau und Mutter reduziert wurden und Männer die Ernährer sein sollten.“ Dieses alte Rollenmodell schränke aber sowohl Frauen als auch Männer in ihrer Lebensführung extrem ein und sei unter anderem bei dem herrschenden Fachkräftemangel nicht zukunftsweisend.
Es gibt mittlerweile viele Männer, die klar für Geschlechtergerechtigkeit eintreten, da ist aber noch viel Luft nach oben.
Weitere Themen, die Brigitte Feist regelmäßig aufgreift, sind Partnerschaftsgewalt sowie sexualisierte Gewalt. „Auch verschiedene Formen von Cybergewalt nehmen zu, und bisher gibt es zum Teil keine adäquate rechtliche Handhabe dagegen“, sagt Brigitte Feist.
In Kooperation mit den weiterführenden Schulen hat sie 2021 das kreisweite Projekt „Orange Bank gegen Gewalt an Frauen und Mädchen“ des Arbeitskreises gegen Häusliche Gewalt nach Lohmar geholt. Seitdem werden jährlich zum Orange Day am 25. November zwei bis drei Bänke in Orange grundiert und von Schülerinnen und Schülern der Gesamtschule und des Gymnasiums kreativ zum Thema Gewalt gegen Frauen gestaltet. Die Bänke stehen an zentralen Stellen wie vor dem Rathaus, dem Stadthaus oder auf dem Frouardplatz, regen zu solidarischem Handeln an und informieren auf Plaketten über Hilfsangebote.
„Die Fälle häuslicher Gewalt bzw. Partnerschaftsgewalt steigen jedes Jahr, ebenso die Zahl der Femizide. Fast täglich wird in Deutschland eine Frau durch den Partner oder Ex-Partner ermordet. Das ist nicht länger hinzunehmen“, betont Feist. Sie hat ein Präventionsangebot des Troisdorfer Frauenzentrums an die beiden weiterführenden Lohmarer Schulen gebracht, in dem Schülerinnen und Schüler sich damit beschäftigen, wo Gewalt in Beziehungen anfängt und wie Partnerschaft auf Augenhöhe gelingen kann. Um Workshops wie diesen zu ermöglichen, steht ihr ein festes Budget zur Verfügung. Regelmäßig organisieren Feist und ihre Stellvertreterin Michaela Mäuerer zum Internationalen Frauentag Veranstaltungen wie Lesungen, Filmvorführungen oder Vorträge. Informationen zu aktuellen Angeboten der Gleichstellungsbeauftragten sind online auf www.gleichstellung-lohmar.de oder www.rhein-sieg-kreis.de/betrifft-frauen.de zu finden.
