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Zweiter Weltkrieg in LohmarAmerikaner nahmen Lohmar in die Zange

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Lohmar – Noch am selben Tag, als sie Siegburg befreit hatten, rückten Teile der 97. Infanteriedivision der US-Armee nach Lohmar vor. Es war am Nachmittag des 10. April 1945. Zehn bis zwölf Panzer, so erinnern sich Zeitzeugen, rollten über die Hauptstraße in Richtung Donrath, rechts und links davon Soldaten zu Fuß. In aller Eile hatten die Lohmarer weiße Tücher aus den Fenstern gehängt oder stellten sich mit weißen Tüchern an die Straße.

Es war ein Zangenangriff, schildert Gerd Streichardt vom Heimat- und Geschichtsverein (HGV). Zugleich zogen die Amerikaner über die Zeithstraße (heute B 56) nach Birk, Inger und Breidt, von da hinunter ins Jabachtal und weiter zur Donrather Kreuzung, wo sie auf ihre Kameraden trafen.

Von diesem ersten Tag sind keine großen Kampfhandlungen überliefert. Ohnehin ist die Quellenlage äußerst dürftig, man kenne auch keine Fotos aus dieser Zeit, sagen HGV und Stadtarchivarin Waltraud Rexhaus. Am nächsten Tag änderte sich die Lage schlagartig. Von den Aggerhöhen bis Altenrath schossen Deutsche. „Die Amerikaner antworteten mit Brandbomben, sodass an diesem Tag der gesamte Wald links der Agger brannte“, berichtet Willi Schwamborn, bekannt vom Jägerhof, der auch mit seinen heute 83 Jahren noch im Hotel am Rathaus arbeitet.

„Ein Panzer wurde an der Jabachbrücke abgeschossen, ungefähr da, wo heute das Feuerwehrhaus ist“, erzählt Josef Breuch (83), der damals 13 Jahre alt war und später als Werkzeugmacher bei Walterscheid arbeitete. Vermutlich wurde dort von der Anhöhe Heppenberg geschossen, ein weiterer Panzer soll bei den heutigen Tennishallen und einer in Pützrath abgeschossen worden sein. Streichardt (71), damals ein Jahr alt, hat noch „sechs bis acht Jahre später“ als Kind in einem auf dem Kopf liegenden Panzer, den niemand weggeräumt hatte, gespielt. An jenem 11. April wurden die verletzten Soldaten zunächst im Hof von Streichardts Oma Maria Rörig an der Hauptstraße nahe dem heutigen Stadthaus erstversorgt.

Noch schlimmer kam es in Höhe der heutigen Kreissparkasse, früher Villa Waldesruh, die Stadtbücherei liegt gegenüber. Wahrscheinlich von Gülden- oder Lohmarberg traf eine Granate einen US-Jeep. Vier Soldaten waren auf der Stelle tot. Schwamborn sagt: „Dass nicht noch mehr Unheil bei der Einnahme von Lohmar passierte, ist wahrscheinlich Lilo Ulrich zu verdanken.“ Die Lohmarerin war mit Familie in den 20er-Jahren nach Amerika ausgewandert und vor dem Krieg zurückgekehrt. Sie soll auch einen US-Pass gehabt haben. Schwamborn: „Sie dolmetschte zwischen Lohmarer Bürgern und Amis und verhinderte so weitere Kriegsaktivitäten.“

Soweit Schwamborns Erinnerungen. Es ist davon auszugehen, dass auch andere versuchten, ein gutes Klima zu den US-Soldaten herzustellen. Breuch berichtete dieser Zeitung, der französische Zwangsarbeiter Joseph Lecoux, eingesetzt in der Firma Fischer – heute steht dort das Altenheim –, habe seiner Mutter bei der Gartenarbeit geholfen. Kurz vor der Einnahme versteckte sie den Franzosen im Keller, damit die deutschen Soldaten ihn nicht weiter verschleppten. Breuch und der Franzose liefen ebenfalls mit weißen Tüchern zu den US-Soldaten. Lecoux habe sich als Gefangener zu erkennen gegeben. Ein französisch sprechender GI habe ihn gefragt, wo man eine Kantine einrichten könne. Der Franzose empfahl die Firma Fischer, wo er Zwangsarbeit leisten musste.

Ferdinand Eich, heute 85, den die Nazis schon 1944 wie viele Jugendliche zu Arbeiten am Westwall zwangen, spricht von „schlimmen Erlebnissen“. Er sagt zum 10. April 1945: „Der Tag befreite mich von Ängsten, die mich bis dahin getrieben hatten.“ Die letzten Wochen vor Kriegsende verbrachte er, vom Vater versteckt, daheim und in einem feuchten Unterschlupf im Wald. Denn er hatte den Einberufungsbefehl zum 24. März erhalten. Einem nach ihm suchenden SA-Mann und einem Wehrmachtsoldaten entkam er bei einer Hausdurchsuchung, weil er sich erst zwischen Wohnzimmertür und Wand verstecken und dann fliehen konnte. Er erinnert sich noch an das hitzige Wortgefecht zwischen seinem Vater und den beiden.

Als es am 10. April im Tälchen unterhalb von Lohmarhohn hieß, die Amerikaner seien da, lief er schnurstracks aus dem Wald zum elterlichen Haus an der Poststraße.