455.000 SchritteNiederkasseler wandert 171 Kilometer in knapp 48 Stunden auf dem Kölnpfad

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Bei der Hälfte der Strecke ging es für Benjamin Stocksiefen nach 88 Kilometer über die Rodenkirchener Brücke.

Bei der Hälfte der Strecke ging es für Benjamin Stocksiefen nach 88 Kilometer über die Rodenkirchener Brücke.

Der 36-jährige Mondorfer absolvierte den kompletten Kölnpfad auf einer Wanderung. Dabei kam er auf 455.000 Schritte.

Das berühmte Ostermann-Lied „Zo Foß noh Kölle jon“ bedeutet für gewöhnlich für Bewohner der großen Städte im Rhein-Sieg-Kreis eine Strecke zwischen 30 und 40 Kilometer. Für Benjamin Stocksiefen ist eine Wanderung dieser Größenordnung mittlerweile wohl eher ein Klacks.

Der 36-jährige Mondorfer ist binnen 48 Stunden den gesamten Kölnpfad mit einer Gesamtstrecke von 171 Kilometern gegangen, der eigentlich in elf einzelne Etappen unterteilt ist. Dabei war er bei der längsten Ultra-Wanderung-Veranstaltung in Deutschland einer von 201 Teilnehmern, die am Ende das Ziel in Köln-Höhenhaus erreichten. 365 Starter hatten sich angemeldet. Stocksiefen kam dabei auf insgesamt rund 455.000 Schritte.

Moralische Unterstützung gab es zu Beginn des zweiten Tages überraschend von seiner Frau Sonja, die 10 Kilometer an seiner Seite wanderte.

Moralische Unterstützung gab es zu Beginn des zweiten Tages überraschend von seiner Frau Sonja, die 10 Kilometer an seiner Seite wanderte.

„Es gibt eigentlich keinen Sinn dafür“, sagt der zweifache Familienvater und berichtet zunächst, wie alles begonnen hat. Nach der Geburt seines Sohnes Theo im Januar des vergangenen Jahres habe er mit seiner Frau Sonja oft nach Bonn ins Elisabeth-Krankenhaus zu Nachuntersuchungen fahren müssen. Er sei dann mit Theo im Kinderwagen durch die Stadt spaziert.

Die Wanderstrecken des Niederkasselers wurden immer länger

„Da sind schnell mal acht Kilometer zusammen gekommen“, erinnert er sich. Das habe ihm so viel Spaß gemacht, dass er dran geblieben sei und aus Spazierengehen wurde Wandern und die Strecken immer länger. Familie und Hobby waren super kombinierbar, mit dem Baby im Kinderwagen und dem Hund nebendran.

Bei Kilometer 131 ging es für Stocksiefen auf den Monte Troodelöh, der mit 118 Meter höchsten Erhebung in Köln.

Bei Kilometer 131 ging es für Stocksiefen auf den Monte Troodelöh, der mit 118 Meter höchsten Erhebung in Köln.

Als der ehemalige Kicker des SV Bergheim und Fortuna Müllekoven das Eishockeyspiel aufgab, suchte er nach einer neuen Herausforderung und hatte nunmehr beim Wandern Blut geleckt. „Zu Fuß gehen ist immerhin die normalste Fortbewegung“, so Stocksiefen und sogleich fand er mit Frank Odenthal und Martin Franken zwei Kumpels, mit denen er von Mondorf aus zum FC-Stadion ging.

Die 30 Kilometer im November verkraftete er ganz hervorragend und das Trio belohnte sich mit einem Stadionbesuch und erlebte nach dem Marsch das 1:1 des FC gegen Augsburg. „Ich war morgens schon fünf Kilometer mit unserem Hund Toni unterwegs und fühlte mich am Ende des Tages richtig gut“, beschreibt Stocksiefen.

Nach 75 Kilometern buchte er sich ein Hotel in der Nähe des Eifeltors

Fortan recherchierte der Zimmermeister, der Geschäftsführer der Holzbau Stocksiefen GmbH mit 15 Angestellten ist und überwiegend Holzhäuser in der Region baut, im Bereich der Megamärsche. Viele seien ihm zu groß und kommerziell, mit zum Teil weit über 1000 Teilnehmern gewesen. Der Kölnpfad hingegen sei schon eine ganz besondere Herausforderung direkt vor der Haustüre, begründete Stocksiefen seine Wahl.

Er habe sich so gut es geht auf das Event vorbereitet, mehr als 60 Kilometer am Stück sei er allerdings im Vorfeld nicht gewandert. Dabei testete er im Frühjahr und an Ostern auch schon den Kölnpfad und teilte die Strecke in vier Viertel á 25 Kilometer und einen „Doppeldecker“ an zwei aufeinanderfolgenden Tagen á 35 Kilometer auf.

Mittlerweile hatte sich Stocksiefen einen Plan gemacht. Nach 75 Kilometern am ersten Tag buchte er sich ein Hotel in der Nähe des Eifeltors. „Ich habe den Veranstalter Thomas Eller gefragt, ob das erlaubt sei und er sagte, ‚warum nicht‘. Andere schlafen im Zelt oder im Wohnmobil“, so der 36-Jährige.

Bei Kilometer 100 überraschte ihn seine Frau am Langeler Bogen

Es ging also um 8 Uhr morgens los und mit einem Schnitt von fünf Kilometern in der Stunde kam er gegen Mitternacht im Hotel an. „Ich hatte kaum Blasen, habe nur schnell geduscht, Füße und Beine mit Pferdesalbe eingerieben und sechs Stunden lang tief und fest geschlafen“, fügt er an.

Am Samstagmorgen um 7.30 Uhr begab sich Stocksiefen dann auf die restliche Strecke. Bei Kilometer 100 überraschte ihn seine Frau Sonja am Langeler Bogen, die zehn Kilometer mit wanderte: „Wir hatten ja einen Tracker und so wusste meine Familie immer, wo ich bin.“ In Porz begegnete er seinen Eltern und Tochter Charlotte (7). „Meine Mutter ist dann mit mir über 20 Kilometer bis Bensberg mitgegangen“, schildert er. Längst hatte er die Blasen nur noch abgetaped und die Füße schmerzten.

Niederkasseler trank rund 17 Liter auf den 170 Kilometern

„Das ist dann irgendwann einfach nur eine Kopfsache. Ich habe viel mit Musik überspielt. Man muss einen Sinn finden“, berichtet Stocksiefen. Er sei jeweils 25 Kilometer für ein Familienmitglied gegangen. Von Pferd Luna, über Hund Toni, bis zu seiner Frau, den Kindern und seinen Eltern.

Kurz nach dem Zieleinlauf konnte Stocksiefen mit Urkunde und Holzdom schon wieder etwas lächeln.

Kurz nach dem Zieleinlauf konnte Stocksiefen mit Urkunde und Holzdom schon wieder etwas lächeln.

Nach 125 Kilometern gab es am Verpflegungspunkt in Grengel frische Klamotten – dann geriet er auch noch in ein Unwetter. Die letzten 35 Kilometer wollten ihn zwei Mitarbeiter aus der Firma begleiten, von denen aber nur Ingo Claren bis ins Ziel durchhielt, da sein Kollege Dirk Grau seine Regenjacke vergessen hatte. Vom Deutschland-Sieg im EM-Achtelfinale gegen Dänemark habe er wegen des Wetters kaum etwas mitbekommen und die Orientierung in der Nacht sei phasenweise sehr schwierig gewesen.

„Wir haben uns dann auf den letzten Kilometern mit zwei Spielerinnen des SV Meppen zusammengetan, die sich verlaufen hatten“, so Stocksiefen weiter. Die letzten zehn Kilometer seien ihm wie eine Ewigkeit vorgekommen. Um 5.22 Uhr am Sonntagmorgen sei die Sonne aufgegangen und gegen 6:30 Uhr erreichte er das Ziel. „Ein unglaubliches Erlebnis und Glücksgefühl“, versucht er seine Emotionen nach knapp 48 Stunden zu beschreiben.

An die 16 bis 17 Liter habe er getrunken, Unmengen an Energieriegeln gegessen und jede der zwölf Verpflegungsstellen ausgenutzt. „Man geht nicht oft auf die Toilette. Ich habe nach dem Lauf sogar ein Kilogramm mehr gewogen“, sagt er. Mit einem Schnitt von 4,1 Kilometern in der Stunde am zweiten Tag war er mehr als zufrieden und konnte nach dem Zieleinlauf den Holz-Dom als tolle Erinnerung in Empfang nehmen.

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