Pleistalwerk in Sankt AugustinBei Eintritt droht Lebensgefahr

Das Dach des Obergeschosses ist in Teilen schon eingestürzt, die Außenmauern eingefallen. Aus dem Beton wachsen Sprösslinge von Bäumen.
Copyright: Bilder: Rohrmoser-von Glasow Lizenz
Sankt Augustin – „Vorsicht, hier drinnen besteht Lebensgefahr“: Heinrich Geerling warnt seine Begleiter eindringlich, bevor er in das Dunkel der faszinierenden Industrieruine voranschreitet. Der Diplom-Architekt ist der Sohn des letzten Geschäftsführers des Pleistalwerks, Gerhard Geerling. Er hat seine Kindheit hier verbracht, hat in den Hallen toben können. Er kennt jeden Quadratzentimeter des langsam verfallenden Gebäudes, das Fotografen wie Abenteurer Jugendliche wie Liebespaare gleichermaßen magisch anzieht.
Über die in den 50er-Jahren angebaute Aufbereitungsanlage für Ton geht es hinein. Daneben liegt der Weiher, früher die Tongrube als Rohstoffquelle. Schon 1841 gründete Albert von Mühlmann die Zeche Plata nahe Birlinghoven. Ziegelsteine, Dachziegel und Tonröhre wurden hier produziert. Die Firma betrieb zwei Ringöfen und einen sogenannten Kasseler Ofen.
1902 zerstörte ein Brand einen der beiden Ringöfen. Ein dreigeschossiger Backsteinbau entstand. 1912 übernahm die Plato AG Bonn den Betrieb, damals arbeiteten 242 Menschen auf dem Areal. 1923 kam das Aus, 1924 zerstörte ein Großbrand weite Teile des Werks. 1926 erwarb Heinrich Startz das Unternehmen, das fortan Pleistalwerk Heinrich Startz AG hieß. In dieser Zeit entstand der Fabrikbau, der heute so pittoresk verfällt.
Seit den 30er-Jahren wurden hier hochwertige Steinzeugröhren in vier Öfen hergestellt. Die Abwärme der Schornsteine trocknete die vorbereiteten Produkte, bevor sie in den einwöchigen Brand geschickt wurden. Geerling ist mit Freunden auf Rollwagen durch die Gänge geflitzt, immer in Gefahr, gegen die Tonrohlinge zu stoßen, die dann wie beim Domino umgestürzt wären. „Wir haben Glück gehabt, dass das nie passiert ist.“ 1971 endete die Produktion, die Tonvorkommen der Region waren aufgebraucht, neue Öfen wären zu teuer gewesen. Kunststoffrohre verdrängten das Steinzeug.
In den leergeräumten Hallen auf den oberen Etagen hat der Enkel des Firmengründers Fußball gespielt, in den großen Räumen darunter hat ein Bruder Hochzeit gefeiert. Heute sind die Wände mit Graffitis besprüht. Nach dem Bellinghausen in den 1980er- und 1990er-Jahren Maschinen herstellte, verkaufte die Familie Geerling das gesamte Fabrikgelände an die Rehaklinik Sankt Augustin. Doch die Pläne für eine Neurologische Rehabilitationsklinik scheiterten.
Seither brechen Decken durch, sind Glasscheiben zerschlagen, wachsen Bäume im Obergeschoss. Das Treppenhaus ist statisch akut gefährdet, mehrfach schon kam es zu Unfällen mit Verletzten. Wie es weitergehen soll, ist ungewiss. Inzwischen gibt es den Verein „Umweltbildungszentrum – Das Pleistalwerk“, der das Areal erhalten und zugänglich machen will. Geerling denkt über Lesungen in den Trümmern nach. Sein neueste Idee ist ein Ruinenhöhenpfad, ähnlich einem Baumwipfelpfad – statisch sicherer Gang durch ein Gemäuer, das beobachtbar in sich zusammenfällt.
