Abo

Protest auf dem MarktPsychotherapeuten zeigen in Siegburg Flagge gegen Kürzungen

3 min
Psychotherapeuten zeigten in Siegburg Flagge gegen Honorarkürzungen und zeigten anhand von Ausdrucken Fallbeispiele von betroffeffen Patientinnen und Patienten

Großer Behandlungsbedarf: Psychotherapeutinnen und -therapeuten zeigten anhand von Ausdrucken Fallbeispiele von Patientinnen und Patienten. 

Rund 50 Berufsvertreterinnen und -vertreter machten auf die angespannte Situation von Praxen und Patienten aufmerksam.     

„Krieg und Krisen wie noch nie, unsere Welt braucht Psychotherapie“ oder „Bezahlt unseren anspruchsvollen Job endlich angemessen“ hieß es am Samstag in Siegburg auf Plakaten und Protestschildern: Psychotherapeutinnen und -Therapeuten brachten ihren Unmut auf die Straße und zeigten auf dem Siegburger Markt Flagge. Hintergrund sind die aktuellen Honorarkürzungen, die 4,5 Prozent weniger vorsehen.

Als „Schlag ins Gesicht“ empfindet Kerstin Mohr die Kürzungen, die Diplom-Psychologin und Verhaltenstherapeutin ist seit 25 Jahren im Beruf und hat seit 2004 eine Praxis in Alfter. „Am Anfang konnte ich das gar nicht glauben und habe gedacht, das ist Quatsch, das muss ein Witz sein.“ Im Prinzip bleibe ihr nur, die Einbußen durch Privatpatienten auszugleichen, aber die müsse es erst einmal geben. Sie fürchtet künftig noch größere Unsicherheit bei ihrem Verdienst und für die Versorgung der Patientinnen und Patienten. Viele bräuchten Sitzungen über die zulässigen Kontingente hinaus, und der Bedarf sei in den vergangenen Jahren gewachsen, auch bei Kindern und Jugendlichen, die sie ebenfalls behandelt.

Vieles in den Praxen wird ohne zusätzliches Personal geleistet

„Das ist ein absolutes Novum, das hat es noch nie gegeben", kritisiert die Lohmarer Psychotherapeutin Katharina Mielke. Die Honorare seien ohnehin die niedrigsten im Vergleich zu anderen Fachärzten. Dabei müsse in den Praxen vieles ohne zusätzliches Personal geleistet werden, Organisation und Telefondienste etwa. „Vieles wird gar nicht entlohnt.“

Mielke, die mit einer Kollegin an der Rathausstraße auf Verhaltenstherapie spezialisiert ist, hat die Patientinnen und Patienten im Blick. Betroffene warteten Monate oder gar Jahre auf eine Behandlung. „Die Versorgung ist dramatisch schlecht.“ Letztlich sei es auch schlecht für die Volkswirtschaft, wenn lange Krankschreibungen oder Frühverrentungen die Folgen einer Erkrankung seien.

Psychotherapeuten zeigen in Siegburg Flagge gegen Honorarkürzungen

Psychotherapeuten zeigten auf dem Siegburger Markt Flagge gegen Honorarkürzungen.

Die Therapeutin fürchtet angesichts solcher Bedingungen auch um den Nachwuchs. Problematisch sei nicht nur die Honorierung, sondern auch die langwierige Ausbildung. An ein Studium schließe sich eine Fortbildungsphase von drei bis gar sechs Jahren an, die selbst finanziert werden müsse.

Monatelanges Warten auf eine Behandlung

Rund 50 Teilnehmende waren auf den Markt gekommen, um Passanten auf die Situation aufmerksam zu machen. Auf das Pflaster hatten sie eine lange Reihe mit Ausdrucken von Fallbeispielen gelegt. Zu Tobis M. (42) etwa, bei dem der Verdacht auf eine generalisierte Angststörung bestand, und der von „ständiger innerer Anspannung, Grübeln, kaum möglicher Erholung berichtete. Mein Kopf hört nie auf“. Binnen acht Monaten habe er 17 Praxen kontaktiert, bis er endlich einen Platz gefunden habe.

Neun Monate dauerte es, bis Mia S. (13) endlich Hilfe bekam: Sie litt unter starker Angst vor der Schule, körperlichen Stressreaktionen, ohne zeitnahe Behandlung drohte „vollständige Schulvermeidung und sozialer Rückzug“. 22 Praxen mussten zuvor kontaktiert werden.

18 Monate für einen Einzelpsychotherapieplatz sind es in der Praxis der psychologischen Psychotherapeutin Franziska Scholz in Siegburg Braschoß. „Für viele bedeutet das: keine Unterstützung in akuten Krisen, keine Stabilisierung, keine Perspektive“, sagte sie zur Eröffnung der Versammlung. Zusammengekommen seien die Kolleginnen und Kollegen, „weil wir gegen den Kahlschlag in der psychotherapeutischen Versorgung sind. Weil wir unsere Patientinnen und Patientinnen und Patienten behandeln möchten, ohne Existenzängste zu haben“.

Das „Aktionsbündnis Psychotherapie“ hatte zu Protestaktionen in zahlreichen Städten aufgerufen. Anlass ist der Referentenentwurf des Bundesgesundheitsministeriums zur Stabilisierung der Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung. „Der Entwurf, in seiner jetzigen Version, ist ein Gesundheitskürzungsgesetz, das gegen die fachliche und ökonomische Ratio verstößt“, heißt es in einer Mitteilung. „Aber wir lassen uns nicht unsichtbar machen, nicht marginalisieren, nicht an den Rand drängen.“