Die Bundespolizei konnte den masierten Mann in Siegburg überwältigen. Zwölf Menschen wurden leicht verletzt. Jetzt ermittelt der Staatsschutz.
Sprengsätze im ICE geworfenGeneralstaatsanwaltschaft kann politische Hintergründe nicht ausschließen

Am Bahnhof in Siegburg lief am Donnerstagabend ein Einsatz der Bundespolizei. Ein ICE musste angehalten werden.
Copyright: Marius Fuhrmann
Die Kreisstadt Siegburg ist am späten Donnerstagabend (2. April) womöglich nur knapp einer Katastrophe entgangen: In einem ICE zwischen Köln und Frankfurt hatte ein maskierter Mann zwei Sprengsätze geworfen, wodurch zwölf Menschen leicht verletzt wurden. Der Zug stoppte außerplanmäßig in Siegburg, wo Angehörige der Bundespolizei den Mann überwältigen konnten. In seinem Rucksack fanden sie ein großes Messer. Der Zug wurde geräumt, der Zugverkehr in Siegburg eingestellt.
Der ICE 19 kam aus Brüssel und fuhr nach Frankfurt. Er hatte um 20.52 Uhr den Kölner Hauptbahnhof verlassen, als das Drama begann. Eine Augenzeugin, die mit ihrer Familie im Zug saß, berichtete: „Da war ein Mann in einem schwarzen Hoodie und einer Maske. Er kam durch die Tür und hat eine Granate durch den Gang geworfen, die ist mitten im Waggon explodiert“, schildert sie.
Maskierte Person warf offenbar Granate mit Airsoft-Kugeln
Es habe gequalmt, Kunststoff-Fragmente seien durch den Gang geflogen.„Ein junger Mann ist aufgesprungen und dem Täter hinterher gerannt. Der war nicht mehr zu sehen, wahrscheinlich ist er wieder in die Toilette gegangen. Plötzlich tauchte er wieder vor der Glastür auf und hat eine zweite Granate geworfen. Die ist aber nur zwei Meter weit gekullert und unter einem Sitz detoniert.“

Der ICE wurde nach einiger Zeit geräumt.
Copyright: Marius Fuhrmann
Zunächst seien alle Passagiere von einem Fußballfan ausgegangen, der einen Böller gezündet habe. Doch dann sei Panik im Waggon ausgebrochen, alle Fahrgäste hätten in die entgegengesetzte Richtung gedrängt – bis auf den jungen Mann. „Wenn er nicht gewesen wäre, wäre es wahrscheinlich viel schlimmer ausgegangen“, sagte die Frau. Sie sei mit ihrem Mann und den beiden Kindern im Alter von zehn und zwölf Jahren gerade aus London zurückgekommen, in Brüssel waren sie zugestiegen und wollten nach Hessen. „Alle haben geschrien, ich dachte wirklich: das war's.“
Wenige Minuten später, gegen 21.15 Uhr, stoppte der ICE außerplanmäßig an Gleis 6 am Siegburger Bahnhof. „Der Tatverdächtige saß auf der Toilette fest, Beamte der Bundespolizei konnten ihn überwältigen und festnehmen. Im Rucksack hatte er ein großes Messer. Er sagte, er wollte möglichst viele Leute abstechen“, sagte Daniela Maaßen, Sprecherin der Bundespolizei.

Die Fahrgäste des geräumten ICE-Zuges wurden in ein Parkhaus am Siegburger Bahnhof gebracht.
Copyright: Marius Fuhrmann
Ein Großaufgebot an Rettungskräften versammelte sich am Kreishaus, um die Entwicklung abzuwarten. Eine Person wurde mit einem Knalltrauma in die Bonner Uniklinik gebracht, konnte diese aber bald wieder verlassen. Andere Personen hatten Hautabschürfungen erlitten und wurden vor Ort behandelt. Mehrere Beamtinnen und Beamte von Bundes- und Kreispolizei waren im Zug und am Bahnsteig zu sehen, als die Lage unter Kontrolle war. Einer von ihnen trug eine Maschinenpistole. Die Polizei ließ den gesamten Zug räumten und erklärte ihn zum Tatort. Ein Spürhund suchte nach möglichen weiteren Sprengsätzen, fand aber nichts. Die Spurensicherung der Polizei untersuchte die Reste.
An Bord waren 183 Passagiere gewesen. Sie stellten sich auf Geheiß der Polizei in ein gegenüberliegendes Parkhaus. Rettungskräfte verschiedener Hilfsorganisationen kamen herbei, um die Passagiere zu betreuen. Auch ein Notfallseelsorger kümmerte sich um die traumatisierten Fahrgäste. Die Feuerwehr brachte sie in die Turnhalle des nahegelegenen Berufskollegs, wo sie mit Getränken versorgt wurden.
Bahnverkehr zwischen Hennef und Troisdorf wurde eingestellt
Viele von ihnen kannten sich in Siegburg nicht aus und wussten nicht, wie es weitergehen sollte, denn der Zugverkehr wurde bald darauf vollständig eingestellt. ICE-Züge hielten nicht mehr in Siegburg, zwischen Hennef und Troisdorf fuhren auch keine S-Bahnen mehr. Die Deutsche Bahn brachte sie im Laufe des Abends mit Bussen fort. Gegen 0.45 Uhr der Einsatz beendet und der Zug wieder freigegeben. Noch in der Nacht wurde auch der Staatsschutz der Bonner Polizei zu den Ermittlungen hinzugezogen. Er übernahm am Freitagmorgen die Ermittlungen.
Zunächst gingen die Ermittler von Pyrotechnik aus. Inzwischen erklärten sie, nach derzeitgem Sachstand handelte es sich bei den gezündeten Gegenständen um Sprengsätze, und zwar um „frei verkäufliche pyrotechnische Gegenstände, vermutlich aus dem Airsoft-Bereich“, so Stefan Birk, Sprecher der Kreispolizeibehörde Rhein-Sieg. Im Rucksack des Mannes habe die Polizei zudem ein weiteres Messer und zwei weitere Knallkörper gefunden. Das Verfahren übernahm am Karfreitag die Generalstaatsanwaltschaft Düsseldorf.
Bei dem Tatverdächtigen handelt es sich, wie die Generalstaatsanwaltschaft Düsseldorf und die Bonner Polizei am Freitagmittag bestätigten, um einen 20 Jahre alten Mann mit deutscher Staatsangehörigkeit, der aus Aachen stammt. Der Aachener befindet sich weiter in Polizeigewahrsam. Gegen den Mann wird unter anderem wegen des Verdachts der gefährlichen Körperverletzung sowie wegen Verstößen gegen das Sprengstoff- und das Waffengesetz ermittelt. Eine politische Motivation könne derzeit nicht ausgeschlossen werden, heißt es in der gemeinsamen Presseerklärung der Generalstaatsanwaltschaft und der Bonner Polizei. Zuvor hatte „Bild“ berichtet, der Festgenommene sei ein polizeibekannter Rechtsextremist, der ausgesagt habe, dass er Menschen habe töten wollen.
