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„Umverteilung nach oben“Aktivistin beklagt ihr Millionenerbe bei Markus Lanz als Steuerskandal

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Von links: Markus Lanz, Johannes Vogel, Sarna Röser, Christoph Trautvetter, Marlene Engelhorn (Schalte), Roman Pletter

Talkrunde im ZDF: Markus Lanz, Johannes Vogel, Sarna Röser, Christoph Trautvetter, Marlene Engelhorn (Schalte) und Roman Pletter diskutierten am Dienstagabend.

Bei „Markus Lanz“ debattierten die Gäste kontrovers über das deutsche Steuersystem. „Rund 30 Gerechtigkeitslücken“ zählte ein Experte auf.

„Tax Me Now“ - übersetzt: „Besteuer mich jetzt!“ - ist wohl eine der exklusivsten und überraschendsten gesellschaftspolitischen Bewegungen im Land. Mit Marlene Engelhorn war am Dienstag eine Fürsprecherin bei „Markus Lanz“ zu Gast.

Von ihrer Großmutter bekam Engelhorn einen zweistelligen Millionenbetrag vererbt, von dem sie am liebsten rund 90 Prozent an den Staat abführen würde - aus Gründen der Steuergerechtigkeit! Denn Steuergerechtigkeit respektive die immer weniger ausgewogene Vermögensverteilung in Deutschland war das große, übergeordnete Thema im ZDF-Talk.

Engelhorn kritisiert deutsche Besteuerung

In der ZDF-Sendung erklärte die Millionenerbin, die aus Wien zugeschaltet war, was hinter ihren überraschenden Gedanken steckt: „Das Steuersystem ist ungerecht, sonst hätten wir die Debatte nicht. Deutschland ist ein Niedrigsteuerland für Vermögen. Es geht um Macht und darum, wie sie verteilt wird.“

Engelhorn kritisierte vor allem die Politik, als sie in die Runde fragte: „Es darf nicht vom Wohlwollen der Reichen abhängen, ob sie der Gesellschaft etwas zurückgeben wollen. Warum wird Arbeit immer und Vermögen immer weniger besteuert? Wieso lassen wir das zu?“

Klein- und Mitteleinkommen seien zu stark belastet

Der FDP-Politiker Johannes Vogel erwiderte bei „Markus Lanz“: „Ich empfinde es im Grundsatz als gerecht. Aber kein Steuersystem ist perfekt.“ Gleichzeitig gab der stellvertretende Bundesvorsitzende der Liberalen zu: „Ich finde generell, dass die Klein- und Mitteleinkommen zu stark belastet werden. Das sollten wir ändern.“

Journalist Roman Pletter stimmte dem zu und ergänzte: „Wir leben in einer Welt, in der wir Arbeit gut besteuern und unverdientes Vermögen nicht besteuern. Mir ist nicht ersichtlich, warum ein Mensch, der arbeitet und sich anstrengt, mehr bezahlen soll als jemand, der etwas erbt.“

Steuerexperte bemängelt Vermögensverteilung in Deutschland

Auch Steuerexperte Christoph Trautvetter schaltete sich in die Diskussion ein und erklärte: „Die Vermögensverteilung ist in Deutschland extrem ungerecht.“ Kurz darauf überraschte er mit der Aussage: „Wir haben rund 30 Gerechtigkeitslücken im Steuersystem. Für Millionäre und Milliardäre kann Deutschland eine Steueroase sein.“

Ein inakzeptabler Zustand, den Millionenerbin Marlene Engelhorn ändern will. Sie stellte am Dienstagabend klar: „Vermögen bedeutet Macht und ist immer mit einer Person verknüpft. Macht konzentriert sich maßgeblich in Vermögen. Es ist ein absolutes Nischen- und Eliten-Thema. Wieso ist es in Ordnung, dass Ausnahmen bei Vermögen gemacht werden und bei allen anderen Einnahmen nicht? Die Umverteilung findet aktuell von unten nach oben statt.“

Soziale Gerechtigkeit erreicht man nicht durch Steuererhöhungen.
Sarna Röser, Unternehmerin

Die Meinung von Engelhorn wurde zwar von ZDF-Moderator Markus Lanz geteilt, jedoch allem Anschein nicht von Unternehmerin Sarna Röser. Sie konterte im Gespräch: „Soziale Gerechtigkeit erreicht man nicht durch Steuererhöhungen. Nur, weil der eine abgeben muss, geht‘s dem anderen ja auch nicht besser.“

Journalist Roman Pletter versuchte zu vermitteln und fügte hinzu: „Der Grund, warum wir so emotional bei dem Thema reagieren, hat mit Identität zu tun. Wir sind eine individualisiertere Gesellschaft, und das spiegelt sich in unserem Steuersystem noch nicht wider. Es spiegelt Machtinteressen wider.“

Marlene Engelhorn wollte dies nicht unkommentiert lassen und ergänzte: „Es wird oft so getan, als wäre die Vermögenssteuer eine private Angelegenheit. Mir geht es mit ‚Tax Me Now‘ darum, aufzuzeigen, dass die Debatte einer gerechten Verteilung von Vermögen an die Steuerdebatte angeknüpft ist.“

FDP-Politiker Johannes Vogel ist für Erbschaftssteuer

FDP-Politiker Johannes Vogel sprach sich an dieser Stelle „für die Existenz der Erbschaftssteuer“ aus. Gleichzeitig bemängelte er jedoch: „Nach zehn Minuten reden wir schon darüber, wie Staaten Unternehmen etwas wegnehmen können. Ich sehe ein Land, das bei allen globalen Parametern immer weiter abfällt. Und das ist ein riesiges Problem.“

Unternehmerin Sarna Röser stimmte zu: „Ich komme selbst aus einem Familienunternehmen, das über 100 Jahre alt ist. Die Erbschaftssteuer würde für den deutschen Mittelstand bedeuten, dass er ausblutet. Das sollten wir doch vermeiden! Wir brauchen eine Aufbruchsstimmung in diesem Land.“ (rnd/Teleschau)