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80. Geburtstag der FC-IkoneGünter Netzer gratuliert Wolfgang Overath – trotz des lila Jaguars

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Seit Jahren verbindet Wolfgang Overath und Günter Netzer (r.) eine innige Freundschaft. Dieses Bild zeigt sie auf der Tribüne beim Hallenturnier in der Dortmunder Westfalenhalle im Jahr 1972.

Seit Jahren verbindet Wolfgang Overath und Günter Netzer (r.) eine innige Freundschaft. Dieses Bild zeigt sie auf der Tribüne beim Hallenturnier in der Dortmunder Westfalenhalle im Jahr 1972. (Archivbild)

Die lebenden Fußballlegenden sind seit Jahrzehnten gute Freunde. Obwohl Overath Netzer „entzündete Augen“ bereitete.

Lieber Wolfgang,

nun steht dir also ein großer Tag bevor, dein 80. Geburtstag rückt näher und 80 ist eine stolze Zahl. Aber ich befürchte, dass ich dich gar nicht erreichen werde. Denn es ist ja völlig verrückt: Du hast mit Geburtstagen so deine Probleme. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass du dann abtauchst. Ich fürchte, das wird auch diesmal so sein. Deshalb bin ich sehr froh, dass ich dir auf diesem Wege von Herzen zu deinem runden Geburtstag gratulieren kann.

Ich weiß und freue mich darüber, dass du in toller Form bist, körperlich und geistig, das ist das größte Geschenk, dass du auch demütig annimmst. Ich weiß von unseren vielen Telefonaten, dass du weiterhin Fußball spielst, mit deinen Freunden, du trainierst mit denen, sagst du. Trainieren, das klingt so harmlos. Ich kenne dich ja, und ich weiß, dass bei diesen Gelegenheiten so lange gespielt wird, bis deine Mannschaft gewinnt. Diese Episode erklärt dich, lieber Wolfgang, auf die beste Weise: Du wirst 80 und hast weiterhin im Sport, im Fußball sogar, das Feuer, das dich Zeit deiner Karriere ausgezeichnet hast, diesen großen Ehrgeiz, den Willen, den Biss.

Diese Eigenschaften jedenfalls haben dich dahin gebracht, wo du nun bist, und sie können dich mit Glücksgefühlen und tiefer Zufriedenheit auf das blicken lassen, was sich als dein Lebenswerk bezeichnen lässt. Und das ist sehr, sehr viel. Ich würde mal sagen, dein Leben beruht auf drei Bausteinen. Da ist zunächst der Fußball – da bist du, der Weltmeister von 1974, der deutsche Meister und Pokalsieger mit dem 1. FC Köln, über jeden Zweifel erhaben. Hinzu kommt deine berufliche Karriere in der Zeit danach, deine Leidenschaft für Immobilien. Und, auch das ist wichtig für dich und gibt dir die Ruhe und die Kraft, all deine Pläne umzusetzen: deine Familie, deine Frau Karin – ihr seid 57 Jahre verheiratet, Bravo. Hinzu kommen deine Kinder, dein Stolz, Marco, Sascha und Silvana.

Es mag sein, dass es Menschen gibt, die sich darüber wundern, dass wir beide Freunde sind, wo wir doch auf dem Platz große Rivalen waren. Das klingt wie ein Widerspruch. Das wäre er vielleicht, wenn diese Rivalität blind gemacht hätte für die charakterlichen Qualitäten des anderen. Für uns war es eine Selbstverständlichkeit, dass wir uns als Menschen kennen und schätzen gelernt haben. Das liegt gewiss auch daran, dass wir Rheinländer sind, die kommen sich eher näher als andere Leute, das liegt an unserer Mentalität.

Dieses schöne Auto kann man gar nicht verfälschen, aber du hast es geschafft: lila. Du hast den Jaguar lila lackieren lassen. Ich hatte entzündete Augen. Mein schöner Jaguar.
Günter Netzer über eine in seinen Augen fragwürdige Farbwahl Overaths

Diese gewachsene Freundschaft konnte auch unser Kampf um die eine Position des Zehners der Nationalmannschaft nicht erschüttern. Denn wir wussten früh, dass das mit uns beiden zusammen nichts gibt, weil wir auf dem Platz zu dominant aufgetreten sind. Du warst der wahrlich bessere Nationalspieler. Du brauchtest dein Vereins-Umfeld nicht, um deine großartigen fußballerischen Qualitäten, deine Doppelpässe, deine langen Bälle – sie waren brillant – und deine Abschlussstärke zum Tragen zu bringen.

Als es dann entschieden war, dass du derjenige bist, der von uns beiden bei der WM 1974 spielen würde, habe ich dich selbstredend dabei unterstützt, auch wenn mir viele Leute eingeredet haben, dass es doch nicht sein könne, dass ich das so stoisch ertrage. Doch, das konnte sein, weil ich ja Augen im Kopf hatte und anerkannt habe, dass deine Zeit anbricht. Ich weiß, dass du gerade dieses „mein sich Fügen in die Situation“ sehr schätzt. Ich bin mir sicher, dass du es umgekehrt auch so getan hättest.

Dafür gibt es auch ein Beispiel. Als du wegen eines Leistenbruchs 1972 ausgefallen bist, war ich dran in der Nationalmannschaft und erlebte dort meine Blütezeit in der DFB-Elf und wurde mit einer sensationell spielenden Mannschaft Europameister. Da hast auch du dich vorbildlich mir gegenüber verhalten, es gab auch keine Spur von Neid.

Aber eine Sache muss ich nun aber mit der mir eigenen Ironie auch noch loswerden: der Jaguar E-Type. Ich war der erste Besitzer dieses Autos, es war grau-anthrazit, ein fantastischer Anblick. Dann habe ich den Jaguar an Franz Beckenbauer verkauft, der hatte schon Zirkus gemacht, wenn er in diesem Cabrio mal einen Tropfen Wasser abbekam. Also hat er es an dich weitergegeben, Wolfgang. Dieses schöne Auto kann man gar nicht verfälschen, aber du hast es geschafft: lila. Du hast den Jaguar lila lackieren lassen. Ich hatte entzündete Augen. Mein schöner Jaguar. Da habe ich das aufgegeben: Ihr beide seid es nicht wert, dass ich mich so um euch bemüht habe. Aber Spaß beiseite.

Lieber Wolfgang, unser Leben war reich an gemeinsamen Erlebnissen, ich möchte sie nicht missen. Es ist schade, dass wir uns nicht mehr so oft persönlich treffen. Aber immerhin telefonieren wir ja in kurzen Abständen regelmäßig, das ist sehr schön und erhält unsere Freundschaft. Dir nun alles Gute zum Geburtstag, zum 80., von dem ich hoffe, dass du ihn so verbringst, dass du ihn genießen kannst.

Bleib weiter so gesund, alles Gute,

Dein Günter Netzer

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