Schiedsrichter Deniz Aytekin beendet mit dem Spiel des 1. FC Köln beim FC Bayern München seine Karriere und blickt im Interview zurück und voraus.
Star-Schiedsrichter nimmt mit FC-Spiel AbschiedDeniz Aytekin: „Jonas Hector hat mich beschäftigt“

Schiedsrichter Deniz Aytekin im Einsatz im Kölner Rhein-Energie-Stadion.
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Am Samstag (15.30 Uhr) pfeift Deniz Aytekin in München die Partie des FC Bayern München gegen den 1. FC Köln – sein 254. und letztes Bundesligaspiel. Fast 18 Jahre Fußball-Bundesliga, mehr als ein Drittel seines Lebens. Der 47-Jährige gehört zu den bekanntesten und populärsten Schiedsrichtern, die der deutsche Fußball in den letzten Jahren hatte – und zu den wenigen, die als Fifa-Schiedsrichter auf der ganz großen Bühne standen. Aytekin sprach vor seinem Spiel mit dieser Zeitung über Abschied, Dankbarkeit und die Menschen, die ihn geprägt haben.
Herr Aytekin, wie fühlen sich die letzten Tage vor dem letzten Spiel an – eher Routine oder eher Abschied?
Routine ist es wirklich nicht. Das Thema dominiert die ganze Woche, und je näher es kommt, desto bewusster und emotionaler wird es. Viele wichtige Menschen werden am Samstag dabei sein – das macht etwas mit einem. Gleichzeitig bin ich froh, dass es so zu Ende geht. Es ist ja nicht selbstverständlich, eine Karriere würdig abschließen zu dürfen.
Wie viele Menschen aus Ihrem engsten Kreis werden dabei sein?
Familie, Kinder, engste Freunde – rund 20 Personen, die wirklich dazugehören. Menschen, ohne die das alles nicht möglich gewesen wäre.
Gibt es Momente, in denen man spürt: Das mache ich heute zum letzten Mal?
Ja. Ich packe meine Tasche immer in der gleichen Reihenfolge – so eingeübt, dass ich kaum nachdenken muss. Jetzt weiß ich: Das ist das letzte Mal. In diesem Moment wird einem bewusst, was diese Routine bedeutet. Was sie einem gegeben hat. Ich bin seit über 30 Jahren Schiedsrichter, fast 18 davon in der Bundesliga – statistisch mehr als ein Drittel meines ganzen Lebens. Das lässt sich nicht einfach wegdenken.
Mancher Kollege ist eher widerwillig gegangen. Wie ist das bei Ihnen?
Ich bin wirklich im Reinen. Nicht eine Sekunde das Gefühl, dass mir etwas beraubt wurde. Es war eine bewusste Entscheidung, die über Zeit gereift ist – und ich wollte sie früh kommunizieren, um jeden Moment noch bewusst genießen zu können. Der DFB hat alles dafür getan, dass ich einen würdigen Abschluss bekomme. Dafür bin ich zutiefst dankbar.
War Bayern gegen Köln Ihr Wunschspiel?
Mein einziger Wunsch war ein Spielort nahe Nürnberg – ich wohne im Landkreis Fürth. Dass es nun Bayern gegen Köln wird, mit dem feststehenden Meister und einem Traditionsverein wie dem FC – eine schöne Fügung. Die Atmosphäre rund um den FC und im Kölner Stadion ist überwältigend. Und beim FC sind Spieler dabei, die ich gut kenne – Dominique Heintz zum Beispiel. Das war immer hochgradig angenehm, er ist einfach ein guter Typ. Es gibt ein Bild von mir mit Dominique aus dem Moment, als er 2018 mit dem FC in Freiburg abgestiegen ist – er hat geweint, ich habe ihn kurz getröstet. Seit Jahren stehen wir zusammen auf dem Platz. Er kann noch wechseln – ich nicht. Und Fußballer werde ich in meinem Alter auch nicht mehr, auch wenn ich beim Sportstudio das Torwandschießen gewonnen habe. (lacht)
Was werden Sie vermissen – und was nicht?
Vermissen werde ich die Menschen. Jeden Austausch, jedes Gespräch, jede Herausforderung. Diesen direkten Kontakt, der in extremen Momenten entsteht – das lässt sich nicht ersetzen. Was ich nicht vermissen werde: die Leistungstests (lacht), das Trainieren nach Plan. Wenn ich künftig laufe, will ich einfach laufen – vielleicht Vögel beobachten, einfach atmen. Weil ich es will, nicht weil ein Plan es verlangt.
Sie genießen hohes Ansehen in der Branche. Haben Sie das selbst wahrgenommen?
Die Wertschätzung der letzten Monate hat mich wirklich bewegt. Ich habe immer versucht, dem Fußball zu dienen – und ich weiß, dass ich viele Menschen verärgert habe, aber nie absichtlich, immer mit bestem Wissen und Gewissen. Wenn die Menschen jetzt ihren Frieden mit mir machen – das ist ein Geschenk. Mehr kann man sich nicht wünschen.
Sie haben den FC in 31 Spielen geleitet. Welches bleibt?
Das erste Geisterspiel in der Corona-Zeit, Gladbach gegen Köln im März 2020. Gespenstisch – im wahrsten Sinne. Fans standen als Gespenster verkleidet hinter der Nordtribüne im Borussia-Park. Ein Moment, in dem man gespürt hat, wie sehr der Fußball die Menschen braucht – und umgekehrt. Unvergessen auch mein allererstes Spiel mit dem FC – Köln gegen Hoffenheim. Da gab es richtig Alarm.
Die einzige rote Karte gegen den FC zeigten Sie am 22. November 2008 – gegen Kevin McKenna.
Sehen Sie mal – bei dem, was ich insgesamt gepfiffen habe, ist das nicht so schlecht. (lacht) Habe ich also immer auf den FC Rücksicht genommen? Nein, natürlich nicht – zumindest nicht bewusst. Ich habe bei jedem Klub versucht, meinen Job so gut wie möglich zu machen.
Einen, den ich nie einschätzen konnte und der mich beschäftigt hat: Jonas Hector. Wir haben später einen Podcast zusammen gemacht – total angenehm, offen, herzlich.
Gab es einen Spieler, der Sie besonders gefordert hat?
Gestresst hat mich niemand. Aber einen, den ich nie einschätzen konnte und der mich beschäftigt hat: Jonas Hector. Beim Relegationsrückspiel 2021 in Kiel – Köln gewinnt 5:1, ein Tag voller Emotionen – gehe ich nach dem Abpfiff zu ihm: „Glückwunsch, bist du jetzt happy?" Ringsum lagen sich Teamkollegen und Verantwortliche in den Armen, er schaut mich kurz an und antwortet nur: „Ja…" Kein Lächeln, keine Geste. Absolutes Poker-Face. Ich habe mich danach ehrlich hinterfragt: Habe ich ihn gestört? War ich ihm zu nahe gekommen? Wir haben später einen Podcast zusammen gemacht – total angenehm, offen, herzlich. Der kann sogar richtig lustig sein. Die Lehre: Man darf Menschen nicht vorschnell einordnen. Auf dem Platz nicht. Und im Leben schon gar nicht.
Gibt es Freundschaften, die Sie mitnehmen?
Echte Freundschaften entstehen im Fußball eher selten. Im Schiedsrichterbereich schon eher – man verbringt so viel Zeit miteinander. Patrick Ittrich ist der größte Entertainer, den ich kenne – den kann man jede Sekunde auf jede Bühne stellen. Kollegen wie Tobias Welz oder Frank Willenborg, mit denen ich jahrelang auf Lehrgängen war, hören jetzt ebenfalls auf. Mit denen bleibt man verbunden.
Was bedeutet für Sie gutes Pfeifen?
Ein Spiel so leiten, dass die eigenen Entscheidungen keinen Einfluss auf den Ausgang nehmen. Aber Fußball ist nie schwarz-weiß. Die große Kunst liegt im Management der Grauzonensituationen – dass die Menschen am Ende sagen: Man kann es anders sehen, aber wir verstehen, warum er das so gemacht hat. Diese Fähigkeit wird künftig immer wichtiger.
In der Diskussion ist natürlich auch immer der VAR – zuletzt auch beim 1. FC Köln sehr oft. Können Sie das nachvollziehen oder muss es irgendwann mal gut sein?
Ich kann vieles nachvollziehen. Ein Teil liegt an der Erwartung: Mit Videoassistent müssten doch alle Entscheidungen immer richtig sein. Aber auch dort sitzen Menschen, die Szenen einordnen – und Fußball ist selten schwarz-weiß, Situationen sind nie exakt gleich. Dadurch gibt es Diskussionen, die sich dann am VAR entladen. Kritik ist manchmal berechtigt, aber hundertprozentige Fehlerfreiheit ist schwer. Gleichzeitig wird die Masse der großen Entscheidungen richtig gelöst – über Abseits wird zum Beispiel kaum noch gestritten.
Gibt es eine Regel oder Regeländerung, auf die Sie rückblickend gern verzichtet hätten?
Ich kam mit allen Regeln zurecht. Aber wenn ein Spieler sein Trikot auszieht, bräuchte es aus meiner Sicht nicht unbedingt eine Karte – mich stört das nicht, auch wenn es so im Regelwerk steht. Ansonsten werden die Regeln dem modernen Fußball angepasst: Das Spiel soll schnell bleiben, die Nettospielzeit steigen. Da wird es immer wieder Veränderungen geben.
In rund einem Monat beginnt die WM in den USA. Hätten Sie nochmal Lust verspürt?
Damit habe ich mich gar nicht beschäftigt – ich bin schon lange nicht mehr im internationalen Kandidatenkreis. Felix Zwayer vertritt Deutschland absolut verdient. Ich werde die WM zum ersten Mal als echter Fan genießen – mit Deutschland-Trikot und der Hoffnung auf viele Siege.
Ich suche keinen neuen Job. Ich sage es mit einem Augenzwinkern für die Kölner: Ich habe gerade ein 60-Liter-Fass Kölsch, das mit 80 Litern gefüllt ist.
Sie werden dem DFB nach der Karriere nicht in einer festen Funktion erhalten bleiben. Warum nicht?
Eine Festanstellung war nie mein Ziel. Ich bin Unternehmer, halte Vorträge zum Thema Entscheidung unter Druck und stehe im Austausch mit Knut Kirchner, dem Schiedsrichterchef. Wenn ich einen sinnvollen Beitrag leisten kann, tue ich das gerne – aber ich suche keinen neuen Job. Ich sage es mit einem Augenzwinkern für die Kölner: Ich habe gerade ein 60-Liter-Fass Kölsch, das mit 80 Litern gefüllt ist. (lacht) Das muss erst mal wieder in ein normales Maß kommen.
Ex-Schiedsrichter Manuel Gräfe arbeitet sich an Zwayer immer wieder ab. Haben Sie noch Verständnis dafür?
Felix' Leistungen sprechen für sich, und als Kollege weiß ich, wie akribisch er arbeitet. Einen Konflikt anzusprechen ist in Ordnung – aber irgendwann muss man ihn lösen und nach vorne schauen. Ein Dauerkonflikt schadet dem ganzen Schiedsrichterwesen. Ich wünsche Felix alles Gute für die WM – und hoffe, dass dieser Streit irgendwann ein Ende findet.
Was passiert direkt nach dem Abpfiff am Samstag?
Keine Ahnung – ich plane so etwas nicht. Vielleicht bin ich sehr emotional, vielleicht genieße ich einfach die Stille. Ich möchte jede Sekunde dieses Spiels in mich aufsaugen. Danach feiern wir als Familie und stoßen auf die Karriere an – und darauf, dass meine Knochen noch heil sind. (lacht)
