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Kommentar

Zur Abseits-Entscheidung gegen Leipzig
Ein Gefühl von Ungerechtigkeit

Ein Kommentar von
3 min
Schiedsrichter Frank Willenborg sah am Monitor eine aktive Abseitsstellung, die extrem umstritten war.

Schiedsrichter Frank Willenborg sah am Monitor eine aktive Abseitsstellung, die extrem umstritten war. 

Der Video-Assistent soll den Fußball gerechter machen, doch die Qualität der Entscheidungen hält nicht mit der Qualität der zur Verfügung stehenden Informationen mit.

Lukas Kwasniok hat sich schon vor längerer Zeit positioniert, seine Meinung zum Videoschiedsrichter ist klar formuliert: „Ich mag ihn nicht nur nicht. Ich hasse ihn“, hat der Trainer des 1. FC Köln gesagt. Nun ist nicht davon auszugehen, dass Kwasniok konkrete Personen im Kölner Keller hasst – an dieser Stelle sei Berti Vogts zitiert, der in einem legendären Bonmot einst erklärte, Hass gehöre nicht ins Stadion. Die Leute sollten ihre Emotionen stattdessen „zu Hause in den Wohnzimmern mit ihren Frauen ausleben“. Und das garantiert nicht ernst meinte. 

Es geht Kwasniok um die Institution, und tatsächlich kann einen das Wirken des VAR in Rage versetzen. Der 1. FC Köln etwa wurde am Sonntag beim 1:2 gegen Leipzig Opfer eines besonderen Eingriffs der Wächter am Bildschirm – wenngleich nicht alles Wirken des VAR falsch ist, im Gegenteil.

Der Videoschiedsrichter füllt eine Leerstelle, die sich der Fußball nicht mehr leisten kann. Das Spiel ist rasend schnell, das Fernsehen kann jede Szene sezieren und das Bild in bester Qualität vor- und zurückspulen und jederzeit anhalten. Die Zuschauer haben Zugang zu jeder Szene – längst auch im Stadion. Den Schiedsrichter mit seinen Entscheidungen allein zu lassen, während auf den Rängen und den Ersatzbänken die Analysen in Zeitlupe laufen, passte nicht mehr in die Zeit.

Doch es gibt unterschiedliche Anlässe, die Technik zur Hilfe zu nehmen. Die Torlinientechnologie etwa klärt jenseits aller Zweifel die wichtigste Frage im Spiel: ob der Ball im Tor war. Diese Möglichkeiten sollten gar noch ausgebaut werden: Ein Signal an die Schiedsrichter, ob ein Ball im Aus war, könnte manche Debatte beenden, bevor sie entsteht. Auch das hat Kwasniok bereits erklärt: Was messbar ist, soll den Schiedsrichtern mitgeteilt werden.

Womit wir beim 1:2 des 1. FC Köln gegen Leipzig wären. Die Entscheidung, die Sebastian Sebulonsens Ferse – beziehungsweise: den Absatz seines Fußballschuhs – einen Hauch im Abseits verortete, mag kurios knapp gewesen sein. Doch sie war korrekt. Man hat sich darauf geeinigt, die Fakten als Teil des Regelwerks anzuerkennen, ohne weitere Debatten um etwaige Messfehler.

Klares Handspiel übersehen

Dass der Schiedsrichter zuvor das Handspiel auf der Torlinie nicht gesehen hatte, ließ Zweifel aufkommen, ob er mit der Information würde umgehen können. Dass er die Abseitsstellung nicht korrekt beurteilte, indem er Thielmanns Torschuss – der auf zwei Leipziger Abwehrversuche folgte – mit Sebulonsens Absatz-Abseits in direkte Verbindung brachte, ließ die Entscheidung unnatürlich wirken, konstruiert. Und damit ungerecht – dabei ist das Gegenteil seine Aufgabe: für mehr Gerechtigkeit zu sorgen.

Womit das grundsätzliche Problem des Video-Assistenten im konkreten Fall beschrieben ist. Im Dauerfeuer der Informationen liegt es am Schiedsrichter auf dem Rasen, daraus die richtige Entscheidung zu treffen. Ansonsten entsteht das Gefühl, dass kein Tor Bestand hat, wenn man nur lange genug sucht. Dass solche gefühlten Wahrheiten entstehen, liegt nicht an den Zuschauern – sondern an der Entscheidungsqualität der Schiedsrichter. Und die war am Sonntag in Müngersdorf nicht gut.