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Wieder Gegentor per Standard1. FC Köln nicht auf der Höhe

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Eric Martel ist geblockt, Marvin Schwäbe steht im Niemandsland und kann nichts mehr tun – das 1:0 für Leipzig.

Eric Martel ist geblockt, Marvin Schwäbe steht im Niemandsland und kann nichts mehr tun – das 1:0 für Leipzig. 

FC-Trainer Lukas Kwasniok ärgert sich nach dem 1:2 gegen Leipzig über das erneute Standard-Gegentor

Dass sich auf Kölner Seite jemand über etwas anderes mehr würde ärgern können als über den Schiedsrichter, war zunächst nicht zu erwarten gewesen. Doch dann beschrieb Lukas Kwasniok, was ihn „fuchsteufelswild“ gemacht hatte: „Wenn beim Gegner nichts geht, bekommen sie einen Eckball oder seitlichen Freistoß – und dann helfen wir ihnen, das 0:1 zu kassieren.“

Zwar versuchte der Trainer des 1. FC Köln sogleich, seine Aussage einzufangen, um Ole Werner, den Trainer der siegreichen Leipziger, nicht zu verärgern. Es sei nicht so gewesen, dass Leipzig nichts gelungen wäre, im Gegenteil hatte der Tabellenvierte beim Aufsteiger viele starke Momente am Ball gehabt. Doch Werner konnte gut damit leben, dass seine Mannschaft den ersten Treffer beim 2:1 in Köln nicht aus dem Spiel, sondern per Standard erzielt hatte.

Kwasniok dagegen ärgerte sich über die nächste vergebene Chance auf einen Punkt gegen eine Spitzenmannschaft. Die „spielentscheidende Szene“, wie er den nicht gegebenen Elfmeter nannte, sei später außerhalb des Einflussbereichs seiner Leute gewesen. Was der Schiedsrichter entscheidet, kann der Spieler nicht beeinflussen. Das Verteidigen von Standards dagegen schon.

Es ist eine andauernde Schwachstelle der Kölner, die in dieser Saison rund die Hälfte ihrer Gegentore nach Standardsituationen kassiert haben, auch gegen Spitzenteams. Allerdings hatten es die Leipziger auch gut gemacht. Vor der Ausführung durch David Raum hatte Willi Orban noch seinen Kollegen Christoph Baumgartner gefragt, welchen Kölner Verteidiger er für ihn blocken solle. Baumgartner zeigte auf Eric Martel, der dann nicht ins Duell kam. Keine Raketenwissenschaft, sondern ein eher billiger Weg, gegen stark kämpfende Kölner in Führung zu gehen. „Es ist einfach unfassbar bitter. Wir hatten heute echt gute Möglichkeiten, hatten RB Leipzig gut im Griff. Wir waren in den entscheidenden Momenten aber nicht konsequent genug“, sagte Martel hinterher.

FC-Geschäftsführer Thomas Kessler betonte ebenfalls das unglückliche Tor zum Rückstand nach einer Phase, in der auch die Gastgeber erste Gelegenheiten auf den Führungstreffer gehabt hatten. „Das war eine vermeidbare Niederlage. Wir müssen uns vorwerfen, dass wir wieder ein Tor durch eine Standardsituation kassiert haben. Darüber hinaus haben wir nach dem Ausgleich zu schnell das zweite Gegentor bekommen. Klar hängt das auch mit der Qualität von RB zusammen. Am Ende ist es bitter, dass wir nicht zumindest einen Punkt mitgenommen haben“, befand der 40-Jährige.

Ich habe vor der Ausführung das Gefühl gehabt: Wenn David Raum den Ball einigermaßen trifft und es ist kein Abseits, klingelt's
Trainer Lukas Kwasniok zur Entstehung des Leipziger Führungstreffers

Deutlich wurde, dass die Standardabläufe bei den Leipzigern besser eingeübt sind als beim 1. FC Köln, wo der ruhende Ball weder offensiv noch defensiv zu den Stärken zählt. Das ist ärgerlich, denn in vielen Kennzahlen stehen die Kölner über dem Schnitt der Liga, zudem gelten Standards als Mittel des Außenseiters. Doch die Kölner Schwäche in beiden Strafräumen erklärt, warum sie Schwierigkeiten haben, ausgeglichene Spiele zu gewinnen. Oder nicht zu verlieren. Noch ist das nicht dramatisch. Doch die Bedrohung wächst, sagte auch Jan Thielmann, der Schütze zum zwischenzeitlichen 1:1: „Die Tabelle wird eng.“

Die Analyse sollte am Montag folgen. Entscheidend war aus Kwasnioks Sicht die Entfernung zur Torlinie. Bei Freistößen aus dem Halbfeld haben Trainer grundsätzlich zwei Optionen: Sie können ihre Abwehrkette an der Strafraumgrenze postieren oder näher am eigenen Tor, etwa auf Höhe des Elfmeterpunkts. Steht die Kette weiter vom Tor entfernt, haben Verteidiger und Torwart mehr Reaktionszeit, weil der Ball länger unterwegs ist. Der Torwart kann weiter herausrücken und Flanken abfangen. Allerdings haben auch die Angreifer mehr Anlauf und können mit größerer Wucht zum Kopfball gehen.

Trainer Lukasz Kwasniok sah das Unheil kommen, als sich die Kölner Mannschaft bei Raums Freistoß in der ersten Halbzeit formierte.

Trainer Lukasz Kwasniok sah das Unheil kommen, als sich die Kölner Mannschaft bei Raums Freistoß in der ersten Halbzeit formierte.

Positioniert sich die Abwehr dagegen tornäher, fehlt den Angreifern dieser Anlauf, die Kopfballduelle werden kontrollierbarer. Doch jeder verlorene Zweikampf ist dann unmittelbar gefährlich, Abpraller landen direkt vor dem Tor. Moderne Trainer entscheiden situativ: Verfügt die Mannschaft über kopfballstarke Innenverteidiger, tendieren sie zur tornahen Variante. Hat der Torwart Stärken im Herauslaufen, empfiehlt sich die Strafraumgrenze. Und je gefährlicher der gegnerische Standardschütze, desto eher wählen Trainer die torfernere Position – um Zeit zu gewinnen. Das Problem am Sonntag: Die Kölner Verteidiger entschieden sich für keine der beiden Varianten. „Es war weder Fisch noch Fleisch“, sagte Kwasniok, der das Unglück hatte kommen sehen. „Ich habe vor der Ausführung das Gefühl gehabt: Wenn David Raum den Ball einigermaßen trifft und es ist kein Abseits, klingelt's.“

Marvin Schwäbe hatte die Szene nicht mehr retten können, im Gegenteil gab er eine unglückliche Figur ab. Die Stärken des Kölner Torhüters liegen nicht im Fangen von Flanken. Die Positionierung trug dazu bei, dass Schwäbe nur halb aus seinem Tor kam und deshalb keine Chance hatte, Baumgartners Kopfball zu parieren. „Das war eine Höhe, in der der Torwart nicht richtig rauskommen kann und die Jungs im Rückwärtslaufen benachteiligt sind“, erklärte Kwasniok.

Mehr wollte er nicht sagen; die „Tiefenanalyse“ werde mit der Mannschaft stattfinden, nicht im Kreise der Reporter. Zumal ihm selbst noch nicht alle Informationen vorlagen. Zum Beispiel, „warum wir uns für diese Höhe entschieden haben, die nicht von Vorteil war“.