Als Weltmeister und langjähriger Nationalspieler hat Philipp Lahm einen besonderen Blick auf die Leistungen des DFB-Teams in Katar. Ein Gastbeitrag zur sportlichen Situation vor dem Spiel gegen Costa Rica.
Gastbeitrag von Philipp LahmGoretzka übernimmt Verantwortung, Kimmich muss seine Rolle noch finden

Philipp Lahm
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Das Spiel gegen Spanien hat gezeigt, dass Deutschland den Ernst der Lage erkannt hat. Man war von Beginn an engagiert, voller Leidenschaft, man wollte gewinnen – das konnte glaube ich jeder Zuschauer merken. Dennoch – und so ehrlich muss man sein – brauchte es wieder mal die Hände von Manuel Neuer, der uns mit einer Weltklasseparade im Spiel gehalten hat. Gerät Deutschland in dieser frühen Phase in Rückstand, wäre es gegen die erwartet spielstarken Spanier verdammt schwer geworden. Manu hat einmal mehr bewiesen, dass er immer noch ein Torhüter auf absolutem Topniveau ist, auch wenn er natürlich nicht mehr die Physis hat wie vor fünf, sechs Jahren.
Die wichtigste Erkenntnis für mich ist, und das habe ich immer gesagt, dass wir eine stabile Achse brauchen. Hansi Flick hat sich dafür entschieden, auf ein Dreier-Mittelfeld mit Goretzka, Kimmich und Gündogan im Zentrum zu setzen – ich war immer ein Befürworter davon. Man kommt einfach mehr in Situationen, das Spiel auch mal zu kontrollieren. Auch die Entscheidung, mit Kehrer und Raum auf zwei physisch starke Außenverteidiger zu setzen, die auch nach vorne mal in Eins-zu-eins-Situationen gehen, ist eine gute Lösung und ging auf.Natürlich war es nicht überraschend, dass die Spanier ihr Kurzpassspiel durchziehen. Doch je länger es dauerte, desto mehr hat die deutsche Elf das gut verteidigt. Da konnte man die Wettkampfhärte spüren, die die eingesetzten Spieler in ihren Topklubs nun mal haben und die du in so einem Turnier unbedingt benötigst. Positiv hervorheben möchte ich da Leon Goretzka, der Verantwortung übernommen hat, der sich in jeden Zweikampf geworfen hat.
Dass wir in der Offensive ausreichend Qualität haben, ist kein Geheimnis und habe ich immer betont. Umso mehr freut es mich, dass mit Niclas Füllkrug jetzt auch noch ein „neuer“ Mann einen Akzent gesetzt hat, dass wir mit einem klassischen Neuner noch eine zusätzliche Option haben. Für ihn spricht nun natürlich das Momentum mit Blick auf Costa Rica. Ich persönlich würde ihn trotzdem weiter als Joker sehen, der mit der Überzeugung reinkommt, auch in kurzer Zeit zu treffen. Ich bleibe dabei, dass Müller oder Havertz die höhere Qualität haben.
Überhaupt muss ich den Einwechselspielern ein Kompliment machen, auch Leroy Sané und Nico Schlotterbeck mit seiner wichtigen Grätsche gegen Morata hatten ihren Anteil am Punktgewinn. Wenn Deutschland noch länger im Turnier bleiben will, braucht es mehr als elf Leute, da muss jeder parat sein für diesen einen Moment. Ich denke nur an André Schürrle oder Mario Götze 2014.
Es fehlt an Konzentration in den entscheidenden Momenten
Neben den vielen positiven Aspekten muss man in der Analyse aber auch kritisch auf ein paar Sachen schauen. Beim Gegentor fehlte wie schon gegen Japan die absolute Konzentration, in den entscheidenden Momenten eng am Mann zu sein. Und wenn man das Spiel genau betrachtet, waren wir eigentlich nur dann gefährlich, wenn Spanien Fehler gemacht hat – oder über Standardsituationen. Eigene Dinge zu kreieren, wie durch Jamal Musiala oder Sané nach seiner Einwechslung, fällt uns nach wie vor schwer. Umso wichtiger wäre es, dass Sané bald wieder topfit ist, ihn können wir mit Sicherheit noch gut gebrauchen.
Dazu muss sich die Rolle von Kimmich in der Dreier-Konstellation noch finden, mehr in Richtung Stabilität entwickeln. Er muss in dieser Reihe mit Gündogan und Goretzka den defensiveren Part übernehmen und die Bindung zu den Innenverteidigern haben – da ist noch Luft nach oben.Unter dem Strich sollten wir versuchen, das Positive mitzunehmen. Ich bin absolut überzeugt, dass wir durch dieses Spiel wachsen können, dass daraus was entstehen kann und auch muss. Wir werden Costa Rica schlagen und die Spanier gegen Japan gewinnen. Dann stehen wir zumindest mal in der K.-o.-Phase – und ab dann ist sowieso alles möglich.

