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WM-AnalyseWarum Deutschland in der Vorrunde gescheitert ist

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Tränen nach dem WM-Aus bei Thomas Müller (r.)

Köln – Zum ersten Mal in der Geschichte des Fußballs ist Deutschland in der Vorrunde einer WM ausgeschieden. Zwei Tage Abstand zum Geschehen genügen nicht, um dieses Ereignis in seiner Tragweite wirklich zu ermessen. Dennoch liegen viele Gründe für das Scheitern auf der Hand.

Der Zusammenbruch kam nicht überraschend Das Scheitern in Russland hatte sich mit Zeichen angekündigt, die so groß waren, dass man sie auch vom Mond aus hätte sehen müssen. Doch alle waren blind dafür und haben auf die Kunst des Fußball-Bundestrainers und die deutsche Unverwundbarkeit in den Vorrunden der Weltmeisterschaften vertraut.  Zwölf Jahre lang hatte sich Bundestrainer Joachim Löw den Luxus erlaubt, seine Mannschaft in Freundschaftskicks zuweilen wie eine Ansammlung von Clowns herumhüpfen zu lassen und Peinlichkeiten gegen Nationen wie Australien, Finnland und Norwegen ungerührt hingenommen. Wenn es ernst wurde, waren die Ergebnisse immer wieder gut. Deshalb kam niemand auf die Idee, dass fünf Testspiele ohne Sieg vor dem letzten Formcheck gegen Saudi-Arabien eine Bedeutung gehabt hätten. Immerhin war Deutschland bis zum 1:3 gegen Brasilien  am 27. März in Berlin in 22 Partien hintereinander  ohne Niederlage geblieben.

Gute Ergebnisse waren zu einem Problem geworden

Hinter dem Turm aus Zahlen der Unbesiegbarkeit waren sportlich und menschlich Risse im Gefüge des deutschen Teams entstanden, die niemand wahrhaben wollte. Alle wähnten sich im Besitz von Zauberkräften. Die Weltmeister von 2014 hielten sich für unverwundbar, die jungen Confed-Cup-Sieger von 2017 für auserwählt und die Trainer-Schar mit Joachim Löw für im Besitz ewiger Wahrheiten. Sie  haben sich getäuscht.

Die Erfolgreichen konnten mit Kritik nicht umgehen

Viele Jahre auf der Sonnenseite des Erfolges und der öffentlichen Meinung haben Joachim Löw, sein Team und die Nationalspieler aller Resistenz gegen öffentliche Kritik beraubt.  So standen sie dem Skandal um die Erdogan-Fotos der Profis Özil und Gündogan einigermaßen hilflos gegenüber. Die erwartbaren Pfiffe im letzten Test gegen Saudi-Arabien wurden zu einer Staatsaffäre, die alle ins Mark getroffen hat. Man reagierte, bedauerte, beschwichtige, versprach – aber eine gemeinsame Haltung zu dem Bilder-Vorgang, der in eine Form von Konsequenz gemündet hätte, wurde innerhalb des Deutschen Fußball-Bundes nirgendwo sichtbar. Der Versuch, die Geschichte auszusitzen, konnte nicht gelingen, zumal der an Wohlfühl-oasen gewöhnte Tross nie den Eindruck entkräften konnte, dass er sich in der eher funktionellen Umgebung des WM-Hauptquartiers von Watutinki unwohl fühlte. Dass parallel dazu der Werbefilm eines persönlichen Sponsors  plastisch zeigte, wie sich der entspannte Bundestrainer seine Lebensumgebung vorstellt, machte die Sache nicht besser. Dazu kamen Löws Posing-Fotos der Lebensfreude am Strand von Sotschi. Alles komisch.

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Zwei große WM-Verlierer: Mesut Özil (l.) und Sami Khedira

Die „Mannschaft“ war das Gegenteil einer Mannschaft

Fünf der sechs Halbzeiten, die Deutschland in Russland gespielt hat, gehörten zu den schlechtesten Leistungen aller Teams bei dieser WM. Der selbst verliehene Titel „Die Mannschaft“ führte in die Irre und wirkte am Ende wie ein Hohn. Löws Team war das  Gegenteil. Das kollektive Versagen wurde aber noch überboten vom individuellen. Alle gestandenen Feldspieler lieferten die schlechtesten Leistungen ab, die man je von ihnen bei wichtigen Länderspielen gesehen hat.

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Fassungslos: Torwart Manuel Neuer

Diese rein sportliche Tatsache fällt direkt und nahezu ausschließlich in den Verantwortungsbereich des Bundestrainers, dessen Fähigkeit zur Anregung der Selbstheilungskräfte seines Teams vor großen Turnieren ihn diesmal im Stich gelassen hat. Auch dafür gab es sichtbare Ursachen. 

Vier Gründe für furchtbaren Fußball

Erstens: Zum ersten Mal hat Löw bei einer WM einen Kader ohne Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm, Miroslav Klose und Per Mertesacker geführt. Diese Spieler waren offenbar weder sportlich, noch menschlich zu ersetzen. Man hat sich getäuscht beim Gedanken, Kollegen wie Mats Hummels, Jérôme Boateng, Toni Kroos und Sami Khedira seien dazu in der Lage. Sie waren es nicht. Und Manuel Neuer ist Torhüter.

Zweitens: Die Bayern-Spieler sind nach dem Aus im Champions-League-Halbfinale gegen Real Madrid offenbar in ein fußballerisches Koma gefallen. Sie alle, abgesehen von Neuer, sind danach nur noch wie Gespenster durch die Gegend gelaufen. Das Sinnbild dafür ist Thomas Müller, ohne dessen Spontaneität, Witz, Lebensfreude und vor allem Tore die Nationalmannschaft 2014 nicht Weltmeister geworden wäre. Thomas Müller spielte ohne alle seine Qualitäten. Wenn er nicht mit nach Russland gefahren wäre, hätte sein Nutzen für die  Mannschaft nicht geringer sein können.

Drittens: Die Taktik. Joachim Löw war nicht in der Lage, einen Plan B zum von allen anderen Nationen entschlüsselten deutschen Ballbesitzfußball zu entwickeln, nachdem er gegen Mexiko damit wie bereits in den letzten Tests zuvor gescheitert war.  Das Team war unfähig  zu einer Form von Kompaktheit, die selbst der größte Außenseiter entwickeln kann, wenn er ums sportliche Überleben kämpft. Löws Team  hat stets das Beste aus jedem noch so limitierten Gegner herausgeholt.

Viertens: Unerklärliche Erschrockenheit. Selten hat man eine deutsche Nationalmannschaft gesehen, die weniger in der Tradition jener Unbeugsamkeit gespielt hat, mit der Deutschland selbst bei prinzipiell hoch problematischen   WM-Turnieren wie 1982 und 1986 das Finale erreicht  hatte. Im entscheidenden Spiel gegen Südkorea, nach der Explosion des fantastischen Siegtreffers in der Nachspielzeit gegen Schweden, war nur Verunsicherung und Angst und Verzweiflung.

Über seine Zukunft entscheidet Joachim Löw selbst

Die Frage aller Fragen lautet: Wird es mit Joachim Löw weitergehen? Wird der notwendige Umbruch mit oder ohne ihn stattfinden? Eine Antwort darauf wird es erst nächste Woche geben. Man weiß von ihr derzeit nur: Joachim Löw hat nach mehr als einem Jahrzehnt des Erfolges das Recht, sie selbst zu geben.

In der großen Schar der Betrachter, zu der alle gehören, die sich nicht direkt im Kreis der Nationalmannschaft aufhalten, überwiegt offenbar der Reflex, sich etwas Neuem zuzuwenden. Deshalb ist es gut, die Sache nicht jetzt zu entscheiden. Joachim Löw hat große Verdienste um den deutschen Fußball. Er hat aus der Euphorie der Heim-WM 2006 eine dauerhafte Erfolgsgeschichte gemacht, die mit dem WM-Titel 2014    gekrönt wurde. Er hat die von Jürgen Klinsmann ein wenig hektisch und übermotiviert begonnene Wertetransformation der Nationalmannschaft weg vom Testosteron-Klub mit Skatrundencharakter hin zu einer modernen Erfolgsorganisation gemeinsam mit dem Teammanager Oliver Bierhoff konsequent fortgeführt. Löw hat es geschafft, gleichermaßen erfolgreich wie rätselhaft zu bleiben. Jeder kennt sein Gesicht, den weichen Singsang seiner Stimme, seine Nähe zur Bundeskanzlerin,  seine Abneigung  gegen die Gras-Fressen-Rhetorik und Harte-Hund-Ideologie der schweißdampfenden Fußballwelt von früher.  

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Bundestrainer Joachim Löw nach der Landung in Frankfurt

Falls Löw weitermacht, muss er etwas verändern

Niemand weiß jedoch ganz genau, wie Joachim Löw  das geschafft hat zwischen August 2006 und Juli 2018 – wie er es immer wieder geschafft hat, die wichtigsten Spieler auf seine Seite zu bringen und aus Deutschland eine spielende, pausenlos siegende Fußball-Nation zu machen. Ein wenig von diesem Geheimnis wird Joachim Löw  lüften müssen, wenn er sich erklärt. Es ist vorstellbar, dass es weitergehen wird mit dem erfolgreichsten Bundestrainer der deutschen Fußball-Geschichte nach Helmut Schön, der Welt- und Europameister wurde. Aber er wird darstellen müssen,  was er aus dem Unfall von Russland gelernt hat – und wie genau er  den Schaden reparieren will. Dass die aktuelle Nationalmannschaft nahezu geschlossen mit ihm weitermachen will, spricht nicht gegen den Mann aus Baden, aber auch nicht zwingend für ihn, denn einigen seiner Befürworter würde er das Kommen in Zukunft verbieten müssen.