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Die MedaillenschmiedeDarum sind die deutschen Bobs so erfolgreich

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Die vom FES entwickelten Schlitten gelten als Erfolgsfaktor der deutschen Teams. Hier wird der Bob von Johannes Lochner beim Training auf der Olympia-Bahn in Cortina getestet.

Die vom FES entwickelten Schlitten gelten als Erfolgsfaktor der deutschen Teams. Hier wird der Bob von Johannes Lochner beim Training auf der Olympia-Bahn in Cortina getestet.

Ein exklusives Forschungsinstitut gilt als Erfolgsgarant im olympischen Eiskanal. Von den deutschen Materialvorteilen kann die Kölner Bob-Anschieberin Leonie Fiebig allerdings nicht mehr profitieren. 

Dieser Tage bringt Leonie Fiebig, Kölns wohl erfolgreichste Wintersportlerin, den Bob im olympischen Eiskanal nicht auf Tempo. Stattdessen schwimmt sie – zumindest sprichwörtlich, nach dem Vorbild von Dorie, dem blauen Paletten-Doktorfisch aus Disneys „Findet Nemo“. Ihr Motto: „Just keep swimming“, weitermachen, nicht unterkriegen lassen.

Eigentlich hätte sie am Samstag im Zweierbobfinale in Cortina am Start stehen und den Schlitten von Pilotin Kim Kalicki anschieben wollen. Darauf waren die vergangenen vier, wenn nicht sogar acht Jahre ausgerichtet. Geworden ist aus dem Olympia-Traum nichts. Nachdem sie schon 2022 nur als Ersatzfrau nach China gefahren war, ging Fiebig auch bei der diesjährigen Nominierung leer aus. „Ich würde lügen, wenn ich nicht zugeben würde, dass es mir das Herz bricht“, sagt die Weltmeisterin von 2023. 

Kim Kalicki und Leonie Fiebig jubeln im Ziel beim Rennen in St. Moritz.

2023 gewann die Kölnerin Leonie Fiebig mit ihrer Pilotin Kim Kalicki den WM-Titel, 2024 die Silbermedaille im Zweierbob. Bei den Olympischen Spielen hat sich das Team für eine andere Anschieberin entschieden.

„Nach all den Jahren, die ich investiert habe, in denen ich mit Kim zusammengearbeitet, mich bewiesen und wir Medaille für Medaille bei den Saisonhöhepunkten gewonnen haben, wiederholt es sich, dass ich kurz vor 12 vom Schlitten genommen werde.“ Anstelle der erfahrenen 35-jährigen Kölnerin hat sich der Verband für die elf Jahre jüngere Talea Prepens entschieden. Erst vor ein paar Monaten gab die Leichtathletin ihr Debüt auf dem Eis – und durfte sich mit ihrer Pilotin auf den Weg in die Dolomiten machen. 

Fiebig hingegen blieb enttäuscht in der Bob-Garage zurück. Die Saison war damit Anfang Januar überraschend früh für sie beendet. „Die Beste fährt mit“, erklärt Thomas Schwab, Sportdirektor beim Bob- und Schlittenverband für Deutschland (BSD) die knappe, aber schmerzliche  Entscheidung. Manchmal gehe es um wenige Hundertstel. „Und zum Schluss liegt die Entscheidung beim Cheftrainer und beim Team.“

Olympische Bobrennen ohne Kölner Weltmeisterin Leonie Fiebig

Ob es die richtige war, wird sich am Samstagabend gegen 21 Uhr zeigen. Dann ist der vierte und entscheidende Lauf der Frauen angesetzt. Leonie Fiebig wird davon nichts mitbekommen, sie halte Abstand. „Im Fernsehen gucke ich wirklich gar nichts. Kommt was in den Nachrichten, schalte ich sofort um.“

So verpasste sie wohl auch den Dreifacherfolg der deutschen Männer im Zweierbob und die Silbermedaille von Laura Nolte im Einzelrennen. Auch an diesem Wochenende dürften ihre BSD-Kolleginnen und -Kollegen die deutsche Medaillenbilanz bei den Olympischen Spielen aufpolieren. Neben den Frauenduos Nolte/Levi, Buckwitz/Schuten und besagter Kim Kalicki mit Anschieberin Prepens liebäugeln auch drei Männerteams mit Edelmetall, darunter die erfolgsverwöhnte Mannschaft von Francesco Friedrich und die des frisch gebackenen Olympiasiegers Johannes Lochner.

Bei der seit Jahren anhaltenden deutschen Dominanz scheint es, als würde ein Platz im gelben Schlitten reichen, um das Ticket fürs Treppchen mitzubuchen. Und tatsächlich: Das Material der BSD-Athleten – neben Bobfahrern auch das der Skeletonis und Rodler – spielt eine entscheidende Rolle im Kampf um die Millisekunden, die im Eiskanal über Sieg und Niederlage entscheiden. Aufbereitet wird es in Berlin, in der Medaillenschmiede des deutschen Wintersports. 

Die Medaillenschmiede des deutschen Wintersports

Dort, weit entfernt von Bergen und Bobbahnen, ist das Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) zu Hause. „Es ist sehr, sehr wichtig, das FES an meiner Seite – oder allgemein an der Seite des Bob-Sports – zu haben, weil wir ohne es nicht die Spitzenleistungen bringen würden, die wir nun mal bringen“, sagt Lisa Buckwitz, Olympiasiegerin von 2018. 

Das FES, 1963 in der DDR gegründet, ist staatlich gefördert und damit eine Exklusivleistung für deutsche Athletinnen und Athleten aus dem Rad- über den Boots- bis zum Schlittensport. Rund 700.000 Euro fließen dem BSD-Direktor zufolge allein in die Bob-Flotte. Ein einfacher Schlitten koste mindestens 68.000. Je mehr Plätze, desto teurer. Mit dem Bau ist es jedoch nicht getan. Die Techniker und Ingenieure vom FES sind bei den Rennen dabei. In enger Absprache mit den Pilotinnen und Piloten und im Rahmen des Reglements wird an der Gleitfähigkeit der Kufen, der Haubenform des Schlittens, Reibungseffekten und an der Aerodynamik getüftelt. Auch Wetterbedingungen und Bahncharakteristika fließen in die Weiterentwicklung der Geräte ein.

„Auch bei uns Anschiebern wird geschaut: Wo liegt die optimale Sitzposition? Haben wir ausreichend Platz? Wo halten wir uns fest? Welcher Rahmen ist angenehm?“, berichtet Leonie Fiebig über Kleinigkeiten im Finetuning. „Es heißt immer, ein Drittel macht der Anschub aus, ein Drittel die Fahrweise und ein Drittel das Material“, erklärt sie. 

Wenn man keinen schnellen Schlitten hat, dann kann man nicht gewinnen. Aber ohne einen Sportler, der vernünftig agiert, geht es erst recht nicht.
Thomas Schwab, Sportdirektor Bob- und Schlittenverband für Deutschland (BSD)

Und beim letzten Drittel scheinen die Deutschen einen entscheidenden Vorteil zu haben. Ganz so einfach ist es dann aber doch nicht, erklärt Sportdirektor Schwab. „Wenn man keinen schnellen Schlitten hat, dann kann man nicht gewinnen. Aber ohne einen Sportler, der vernünftig agiert, geht es erst recht nicht.“ Insbesondere im männlichen Viererbob liege die Weltspitze materialtechnisch gleichauf mit den Geräten des österreichischen Herstellers Wallner, der einen Großteil der Konkurrenz ausstatte. „Da haben die Sportler einen größeren Stellenwert als der Bob.“

Aber eben nicht nur. Da verwundert es, dass das FES als entscheidender Erfolgsfaktor im deutschen Wintersport Alarm schlagen muss. „Wir haben, was die Zuwendung vom Bundeskanzleramt angeht, mit dem Jahr 2027 keinen Ausgleich für die Tariferhöhungen bekommen. Wenn es im nächsten Jahr keine Änderungen gibt, dann geht es an das Personal“, warnte FES-Direktor Michael Nitsch vor finanziellen Herausforderungen. 

Für die kommenden Olympischen Spiele gebe es bereits Kürzungen. „Und das wird der Sport merken“, prognostizierte Nitsch. Ob die Bob- und Schlittenfahrer den Medaillenspiegel dann wieder retten können, wird sich zeigen. Und auch, ob Kölns Leonie Fiebig den Anlauf noch einmal wagt. (mit sid)