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Olympiastarter Claus Dethloff„Kölns Potenzial scheint nicht durch, das ist kläglich"

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Dethloff_aktiv

Claus Dethloff bei den Leichtathletik-Europameisterschaften 1990 in Split 

KölnHerr Dethloff, Sie haben den Verein Cologne Athletics gegründet, unter dessen Namen Leichtathleten aus Köln und der Region neuerdings an Meisterschaften teilnehmen und Titel gewinnen. Was hat Sie dazu geführt?

Claus Dethloff: Wer die Melde- und Ergebnislisten anschaut oder gar vor Ort zuschaut, wird schnell erkennen, dass die Stadt Köln bei Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften praktisch nicht mehr präsent ist. Weder im Teilnehmerfeld noch auf dem Podium. Da habe wohl nicht nur ich eine andere Erwartung an eine Millionenstadt, die zudem den Anspruch vor sich herträgt, auch Sportstadt zu sein.

Nun sind Sie kein Außenstehender, sondern zweimaliger Olympiateilnehmer im Hammerwurf.

Internationale Meisterschaften und die Olympischen Spiele wollte ich gar nicht erwähnen. Da wird es dann wirklich kläglich und peinlich, das Potenzial der Millionenstadt Köln scheint an keiner Stelle durch. Wie in allen Sportarten können auch in der Leichtathletik nur Athleten in die Weltspitze vordringen, wenn die Basis stimmt. Dafür müssen dezentrale Strukturen gestärkt werden. Wir bieten mit Cologne Athletics eine Marke für das Tandem Köln und Leichtathletik und zugleich ein Dach für kleine Vereine, klein nicht im Sinne von Mitgliederzahlen, aber im Sinne von wenig bis gar nicht mehr im Wettkampfsport aktiv. Wir suchen Zusammenarbeit und Synergieeffekte. Das gilt auch für den Schulsport. Wir müssen dorthin gehen, wo die Talente von morgen sich heute zwangsläufig tagsüber aufhalten, in den offenen Ganztag. In den USA ist es selbstverständlich, dass der Sport an das Bildungssystem gekoppelt ist, an High School und Universität. Bei uns ist es durch den offenen Ganztag mittlerweile doch auch so, dass viele Kinder und Jugendliche kaum Bock haben, sich am späten Nachmittag beziehungsweise am frühen Abend noch auf den Weg zu einem Sportplatz zu machen. Dann muss das Training eben vorher angeboten werden und stattfinden, über Sport-AGs in den Schulen, bis hin zu Schulsport-Klubs. Die ganze Disziplinvielfalt der Leichtathletik zu berücksichtigen, ist zurzeit allerdings gar nicht möglich.

Warum nicht?

Die Sportanlagen geben es schlicht nicht her. Wir haben in ganz Köln keinen geeigneten Wurfplatz, daher kann nicht ernsthaft für Diskus-, Speer- oder Hammerwurf Reklame gemacht werden. Darüber hinaus ist es ein Irrtum anzunehmen, dass die Leichtathletik einzig eine Individualsportart wäre. Sie bietet vielmehr auch großartige Teamerlebnisse. Es gibt Mannschaftswettbewerbe und Staffelläufe in unterschiedlichster Form oder auch Vereinsvergleichskämpfe und außerhalb des Wettkampfprogrammes noch viel mehr, was den Mannschaftsgeist fördert.

Allerdings erlebt und verantwortet man Siege und Niederlagen in der Leichtathletik eher allein, das kann hart sein.

In seiner eigenen Disziplin ja, und in der Tat wird schnell gelernt, was Niederlage und Sieg bedeuten, denn es ist Fakt: Ein bisschen geschafft – das gibt es in der Leichtathletik nicht. Es ist ein klarer Wettbewerb, man bekommt ein sehr genaues Feedback vom Bandmaß oder der Stoppuhr. Aus eigener beruflicher Erfahrung weiß ich, dass zum Beispiel Bewerberinnen und Bewerber, die individuellen Leistungssport betrieben haben, durchaus einen Vorteil haben, denn ihnen werden Leistungsmotivation, Zuverlässigkeit, Durchhaltevermögen und mehr zugeschrieben. Wir wissen, dass es in unserer Gesellschaft durchaus eine Strömung gibt, weniger auf Leistung zu gehen, weniger auf Wettbewerb. Das ist weder richtig noch falsch. Wir wollen aber insbesondere  denen ein Angebot machen, die leistungsorientiert denken, die sich mit anderen messen wollen.

Zur Person

Claus Dethloff, geboren am 4. September 1968 in Lübeck, nahm als Hammerwerfer an den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona und 1996 in Atlanta teil. Im Jahr 1995 wurde er Deutscher Meister. Dethloff, promovierter Psychologe, ist Geschäftsführer der ServiceValue GmbH, einer Ranking- und Rating-Agentur mit Sitz in Köln. (ksta)

Am besten auf großer Bühne.

Klar, doch die Bühne fehlt uns, ich sehe in Köln kein vorzeigbares Leichtathletikstadion mehr, schon gar nicht mit entsprechend hohen Zuschauerkapazitäten. Doch ohne Publikum geht leider ein großer Teil der Faszination verloren. Das ist letztlich in jeder Sportart so, auch im Fußball. Ich war neulich bei einem Bundesligaspiel – ohne die übliche Zuschauerzahl. Das ist wie ein Gerippe ohne Fleisch, das begeistert nicht wirklich. Es ist das Ambiente, das Publikum – und genauso braucht auch die Leichtathletik in Köln wieder Events. Sie muss in voller Pracht sichtbar und spürbar sein.

Welche Art Sportfest stellen Sie sich vor?

Bei den vorhandenen Leichtathletikanlagen in Köln müsste ich meine Vorstellung beim Thema Meisterschaften schon arg strapazieren. Aber die ersten Ideen können auch ohne acht Rundbahnen und Wurffeld umgesetzt werden. Zum Beispiel ein internationales Jugendsportfest mit ausgewählten Disziplinen. Und die Vergrößerung der Schulsportveranstaltungen. In meiner Heimatstadt Lübeck gibt es jährlich einen Schulstaffeltag. Das ist eine sensationelle Veranstaltung, zu der auch viele Schülerinnen und Schüler kommen, die gar nicht selbst teilnehmen. Und das Stadion ist voll. Wenn wir das auf Köln übertragen, würden 50 000 Zuschauer ihre Mannschaften anfeuern.

Dazu fehlte dann nur das passende Leichtathletikstadion.

Allerdings. Nicht nur aus meiner Sicht braucht Köln definitiv ein großes Leichtathletikstadion, wie es sich für eine Metropolregion gehört. Und für den Winter eine Leichtathletikhalle. Ohne Einsicht und ohne Motivation werden Politik und Wirtschaft aber nicht aktiv.

Haben Sie einen Zeitplan?

Für Cologne Athletics wollen wir im ersten Wettkampfjahr auch gleich die erste Medaille bei Deutschen Meisterschaften gewinnen. 2023 wollen wir mit mindestens zwölf Athleten bei deutschen Nachwuchsmeisterschaften starten und 2024 mindestens drei Medaillen holen. Und wir werden bereits nächstes Jahr ein internationales Jugendsportfest veranstalten, in fünf Jahren möchten wir eine überregionale Meisterschaft nach Köln holen und 2032 dann endlich wieder demonstrieren dürfen, dass mit Leichtathletik große Stadien gefüllt werden.

Dethloff_Skyline Köln

Claus Dethloff studierte nach seiner Karriere Psychologie und gründete eine Rating- und Rankingagentur.

Wie realistisch ist das alles?

Unsere sportlichen Ziele sind sehr realistisch. Die anderen Ziele halte ich für umsetzbar, wenngleich ambitioniert. Unsere primäre Aufgabe lautet: Schaffe Voraussetzungen, dass die Vereine für den Wettkampfsport nicht verloren gehen.

Was ist der dringendste Schritt?

Wir brauchen eine Qualifizierungs- und Finanzierungsoffensive für Trainerinnen und Trainer, unabhängig von der Anzahl der zu betreuenden Athleten. Leichtathletik-Coach zu werden, ist wirklich keine glaubwürdige Empfehlung; da ist kaum was zu verdienen, das läuft meist über Mischfinanzierungen, findet keine hinreichende Akzeptanz im Umfeld. Wir sollten da Wege finden, vorrangig mit der Wirtschaft, weil die Vereinsstrukturen nicht weiterhelfen, diesen Berufsstand attraktiver zu machen. Es gibt bei uns keine Perspektive für junge Leute, sich über ein Studium in den Trainerberuf zu begeben, gut davon zu leben und eines Tages auch noch eine solide Rente zu bekommen. Wo kommerzielle Gebilde sind wie im Fußball, funktioniert das. Aber in den Olympischen Grundsportarten ist es allein kaum machbar.

Welche Möglichkeiten sehen Sie, Trainer zu beschäftigen und auch zu finanzieren?

Unsere Idee ist ein Trainerpool. An manchen Vereinsstandorten findet nur zweimal in der Woche Training statt, in manchen Schulen nur einmal in der Woche eine Sport-AG. Die Finanzierung wird allerdings aus meiner Sicht noch besser funktionieren und auf die Vergütungsstrukturen einzahlen, wenn Unternehmen einbezogen sind. Die Trainerinnen und Trainer stehen dann dort auf der Gehaltsliste und verbringen 30 Prozent ihrer Dienstzeit im Unternehmen, beispielsweise mit Aufgaben im Betriebssport oder im betrieblichen Gesundheitsmanagement, und 70 Prozent mit Trainertätigkeit in Schul-AGs oder in Vereinen. Ich denke, das ist machbar.

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Gibt es schon Signale aus der Wirtschaft?

Ich bin sehr zuversichtlich, weil wir einfach eine riesige Durchdringung haben. Erste Gespräche sind geführt, und Interesse auch spürbar. Doch  Überzeugung allein reicht nicht, ein Unternehmen muss es wollen, muss für Bewegung und Sport brennen.

Und was motiviert Sie?

Mein Rückenwind ist, dass ich einen sehr großen Zuspruch bei unseren Sportlern spüre und auch bei deren Eltern. Und ich weiß um die Bedürfnisse anderer Eltern mit Sportlerherz. Die wollen ihre Kinder nicht immer nur zu Spiel und Spaß  bringen. Die Kinder sollen sich ausprobieren, ihre Grenzen und Möglichkeiten austesten können. Im Medienbereich scheitern die Kinder an der Optionsvielfalt, es wird viel zu viel angeboten. In der Kölner Leichtathletik ist das Gegenteil der Fall: Hier scheitern sie an fehlenden Optionen – und ich sehe es gerne als meine ehrenamtliche Aufgabe an, alles daran zu setzen, dass Kinder und Jugendliche in Köln erst abends auf dem Bett liegend auf ein Display gucken, nachdem sie die leichtathletischen Disziplinen ausprobiert haben.