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„Ihr seid ja verrückt“Wie der Golf GTI als Geheimprojekt begann und zur Ikone wurde

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Golf GTI von 1984 bei der Oldtimer-Rallye LeJog

Zeig mal, was Du noch so alles kannst: Statt Kuchen zum 50. Jubiläum gab's eine Teilnahme an einer waschechten Oldie-Rallye.

Ein Klassiker von 1984 nimmt an der härtesten Rallye für Oldtimer teil. Für Fahrer und Fahrzeug bedeutet das eine viertägige Belastungsprobe.

In Wales steht um drei Uhr früh ein Golf GTI einsam an einer Weggabelung. Sein Warnblinker leuchtet im Takt gegen die Finsternis eines nebligen Dezembermorgens. Es ist aus mehreren Gründen erstaunlich, dass der Wagen von 1984 diesen Punkt erreicht hat. Schließlich ist der dunkle Volkswagen mit der Nummer 45 Teilnehmer der LeJog, die seit 30 Jahren als die weltweit anspruchsvollste Rallye für klassische Automobile gilt.

Die Historie des Golf GTI erstreckt sich mittlerweile über beinahe fünf Jahrzehnte, obgleich sie in den 1970ern von einer Gruppe VW-Angestellter lediglich als eine kurze Episode gedacht war. Von der Route zwischen Land's End im südwestlichen Teil der britischen Inseln und John O'Groats im äußersten Nordosten ist erst ein Drittel bewältigt. Dennoch hat der GTI schon mehr Strapazen erlebt als die meisten Fahrzeuge seines Baujahres.

Eine viertägige Prüfung bei widrigsten Bedingungen

Bei der LeJog handelt es sich nicht um eine typische Veranstaltung für Oldtimer. Zu einer Zeit, in der Sammler ihre wertvollen Automobile bereits in temperierten Garagen eingemottet haben, kommen im Dezember fast 100 Teams aus dem gesamten europäischen Raum zusammen. Über vier Tage hinweg steuern sie ihre Fahrzeuge, die ein Mindestalter von 35 Jahren aufweisen, durch Dunkelheit, Nebel und schlechtes Wetter auf entlegenen Routen durch das Vereinigte Königreich, wobei nur sehr kurze Ruhephasen eingeplant sind.

Golf GTI von 1984 bei der Oldtimer-Rallye LeJog

Handarbeit gefragt: Wo es langgeht, wird bei der Oldtimer-Rallye LeJog auf klassische Weise erarbeitet.

Den Weg müssen die Teilnehmer eigenständig finden. Anstelle einer eindeutigen Streckenführung erhalten sie drei umfangreiche Aufgabenhefte, deren Lösung den Einsatz von Vergrößerungsglas, Geodreieck und Kompass erfordert. Streckenwart Guy Woodcock hat dabei viele Tücken integriert, welche die Orientierung zwischen verlassenen Industrieanlagen und Parkplätzen für Wanderer zu einer echten Prüfung werden lassen.

Die Entstehung des GTI als geheimes Vorhaben

Die Hartnäckigkeit der Rallye-Fahrer spiegelt die der Volkswagen-Angestellten wider, die in den 1970er-Jahren den GTI entwickelten. Laut Berichten der dpa hatten sich der Ingenieur Alfons Löwenberg, der Fahrwerksspezialist Herbert Horntrich, Entwicklungschef Hermann Hablitzel, Marketingfachmann Horst-Dieter Schwittlinsky sowie Pressechef Anton Konrad das Ziel eines sportlichen Golfs gesetzt. Ihre Vision war ein „faszinierend kraftvoller Golf, der bezahlbar ist, der schnell ist“, wie es in einer VW-Chronik heißt.

Golf GTI von 1984 bei der Oldtimer-Rallye LeJog

Kantiger Klassiker: Dass die ersten Golf GTI schon ein halbes Jahrhundert auf dem Blech haben - kaum zu glauben, oder?

Ihre Arbeit nahmen sie im Verborgenen in ihren eigenen Wohnungen auf. Obwohl Entwicklungsvorstand Ernst Fiala ihre anfängliche Vorstellung mit dem Ausruf „Ihr seid ja verrückt!“ quittierte, ließen sie sich nicht entmutigen. Das Konzept wurde von ihnen so lange optimiert, bis im Frühling 1975 die Freigabe für sechs Testfahrzeuge erfolgte. Der GTI wurde erstmals auf der IAA im September 1975 der Öffentlichkeit präsentiert und war ab dem Sommer 1976 erhältlich.

Der sportliche Charakter überzeugt bei den Prüfungen

Auch heute noch kann der GTI bei der LeJog beeindrucken. Zusätzlich zur Navigation und Gleichmäßigkeitsprüfungen stehen für die Teams mehr als ein Dutzend spezielle Tests auf dem Programm. Diese werden auf privatem Grund und Boden ausgetragen, beispielsweise auf Kartstrecken ohne Beleuchtung, Schotterwegen in Steinbrüchen oder bei Slalomfahrten durch Parkanlagen von Schlössern. Bei diesen Aufgaben erzielt der GTI konstant gute Resultate.

Für den Antrieb des 1984er Modells sorgt ein 1,8-Liter-Vierzylindermotor, der 82 kW/112 PS leistet. Dank eines geringen Gewichts von lediglich 840 Kilogramm sprintet der Klassiker in 9,0 Sekunden von null auf 100 km/h und erreicht eine Spitzengeschwindigkeit von 182 km/h. Auf den Handling-Strecken erringt das Auto häufig den „Goldstandard“, der für geringste Abweichungen von der Referenzzeit vergeben wird.

Golf GTI von 1984 bei der Oldtimer-Rallye LeJog

Zeitmaschine: Hinter dem Volant des Golf I GTI eine anspruchsvolle Strecke unter die Räder nehmen zu können, ist etwas, von dem so manche VW-Fans träumen.

Vom limitierten Modell zum Verkaufsschlager

Anfänglich war der GTI lediglich als eine auf 5.000 Stück begrenzte Sonderserie vorgesehen, erläutert Golf-Sprecher Philipp Dörfler. Die tatsächliche Nachfrage überstieg jedoch sämtliche Prognosen. „Aus der Kleinserie sind in acht Generationen mehr als 2,5 Millionen Exemplare geworden.“ Das Kürzel, stehend für „Gran Turismo Injection“, entwickelte sich zu einem sportlichen Gütesiegel, das auch bei Fahrzeugen wie dem Scirocco, dem Polo und sogar bei anderen Herstellern wie dem Peugeot 205 genutzt wurde.

Der GTI als Wegbereiter und Underdog

Frank Wilke, Leiter des Marktbeobachtungsunternehmens Classic Analytics, sieht den GTI als Wegbereiter. „Nachdem sie mit dem Golf die spätere Golf-Klasse begründet hatten, etablierte VW mit dem GTI das, was die Engländer kurz darauf Hot Hatches nannten.“ Der Erfolg dieses Breitensport-Modells sei ebenfalls auf seine Position als Außenseiter zurückzuführen.

Lediglich Experten identifizierten den „Wolf im Schafspelz“ anhand des charakteristischen roten Rahmens am Kühlergrill. Darüber hinaus bediente der GTI zu jener Zeit Leistungswünsche, die laut Wilke üblicherweise nur durch Automobile wie einen Porsche 911 ausgelöst wurden.

Golf GTI von 1984 bei der Oldtimer-Rallye LeJog

Erkennungszeichen GTI? Na klar der Schriftzug, aber auch der rote Rahmen um den Grill hebt den Sportler vom Normalo ab.

Gefragtes Sammlerobjekt mit Kostenvorteil

Mit einem Einführungspreis von 13.850 D-Mark war der GTI zwar um die Hälfte teurer als ein Basis-Golf, sein Preis betrug jedoch nur ein Drittel eines Porsche. Dieser Kostenvorteil ist bis heute erhalten geblieben. „Unverbastelte GTIs der ersten Serie sind selten und bei der Generation Golf gefragt, im guten Zustand kosten deshalb mindestens 25.000 Euro“, führt Wilke aus. Modelle mit zeitgenössischem Tuning seien noch kostspieliger, im direkten Vergleich mit einem 50 Jahre alten 911 aber weiterhin preiswert.

Ein zusätzlicher Pluspunkt des GTI ist laut Wilke sein unkomplizierter Aufbau. Dieser erlaubt Reparaturarbeiten ohne spezielle Diagnosegeräte, ob in der eigenen Werkstatt oder am Wegesrand in Wales. Ein defektes Radlager kann die Startnummer 45 jedenfalls nicht zum Aufgeben zwingen. (red)

Dank der hohen Produktionszahlen sind Ersatzteile für den Golf leicht zu beschaffen. Nach einer erzwungenen Unterbrechung setzt das Team die Rallye fort. Bis zum Zielort John O'Groats sind es noch beinahe 2.000 Kilometer, und die kommenden zwei Tage werden kaum Erholung bieten.

Dieser Inhalt wurde mit Hilfe von KI erstellt.