Leonhard Münst ist Viktoria Kölns Dauerbrenner. Im Interview spricht er über das Formtief des Drittligisten und seine Pläne für den Sommer.
Viktoria Kölns Leonhard Münst„Wir sind teilweise ein bisschen naiv“

Als einziger Viktoria-Profi stand Leonhard Münst (24) in allen bislang 30 Liga-Spielen auf dem Rasen. Im vergangenen Sommer kam der Mittelfeldspieler vom VfB Stuttgart nach Höhenberg.
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Sehr wichtig. Der Pokalsieg ist neben dem Klassenerhalt und dem möglichst schnellen Erreichen der 45-Punkte-Marke unser zweites großes Saisonziel. Es war wichtig, dass uns da eine kleine Kehrtwende gelungen ist. Eine große Erleichterung.
Schmerzt besonders die Niederlage beim TSV Havelse, als die Viktoria nach 2:0-Führung noch 2:3 verlor?
Auf jeden Fall. Das darfst du nach so einem 2:0 nicht mehr aus der Hand geben. Das war schon in der Rückrunde mit dem Auftaktspiel in Schweinfurt einer unserer Tiefpunkte. Im letzten Monat haben sich viele Themen und Fehler wiederholt. Wir haben viele Tore nach Umschaltsituationen kassiert und uns selbst relativ früh in den Spielen ein Bein gestellt. Denn es ist in dieser Liga unglaublich schwierig, einen tiefen Block zu bespielen. Unser Ziel muss es sein, schon am Samstag in Rostock, das Spiel länger offen zu halten und unsere Nadelstiche nach vorne zu setzen.
Die Viktoria steht im Niemandsland der Tabelle, das Polster nach unten ist groß, der Abstand nach oben auch. Obwohl der Klub nicht im Abstiegskampf steckt, wirkt niemand so richtig glücklich.
Das stimmt. Wir haben kürzlich ein kleines Fazit gezogen, da kam auch dieses Gefühl rüber. Uns fehlen sechs Punkte, um punktgleich mit der Hinrunde zu sein. Das Gefühl ist ein ganz anderes. Vier Niederlagen am Stück – so eine Serie hatten wir davor noch nie. Das fühlt sich nicht gut an. Unabhängig davon, dass wir einen großen Vorsprung auf die Abstiegsränge haben, wollen wir trotzdem die 45 Punkte knacken, je schneller, desto besser. Wir haben nicht die Typen in der Mannschaft, die auf die Tabelle schauen und sagen, wir sind safe und wollen die Spiele nicht gewinnen. Wir haben noch genug Spiele vor der Brust, um wieder erfolgreich zu sein.
Woran liegt es, dass die Viktoria nach Rückständen kaum Punkte holt? In der vergangenen Saison war das eine Ihrer Stärken.
Eine richtige Erklärung habe ich nicht. Dieser letzte Punch ist aber eine unserer Baustellen. Vor allem wenn wir hinten liegen, nochmal alles in den Schlussphasen zu investieren, viel nach vorne zu werfen. Da haben wir unsere Potenziale in vielen Spielen nicht ausgeschöpft. Es klingt auch manchmal leichter, als es ist: viele Bälle in die Box zu bringen und etwas zu erzwingen.
Sie bilden in der Regel mit Lucas Wolf und Florian Engelhardt Viktorias spielstarkes Zentrum. Gehen Sie in diesem fußballerischen Ansatz auf?
Auf jeden Fall. Ich habe mich schon, als ich hierhergekommen bin, in den Gesprächen sehr wohlgefühlt mit der Philosophie des Trainers, wie er gerne spielen lässt. Gerade wenn man von einem Klub wie dem VfB Stuttgart kommt, wo man viel Ballbesitz gewohnt ist und einem das die ganze Jugend eingetrichtert wird. Es gibt nichts Schöneres, als im Mittelfeld Überzahl zu schaffen und den Ballbesitz zu haben. Aber im Endeffekt geht es darum, die Dinger nach vorne durchzubringen. Das ist mit das Schwerste am Fußball: aus dem Ballbesitz heraus den Gegner zu bespielen und vorne gefährlich zu werden. Aber es macht richtig Spaß.
Die Philospophie birgt das Risiko früher Ballverluste, die in schnellen Gegentoren münden. Diese Fehler waren der Viktoria zuletzt häufiger unterlaufen.
Ich bin der Meinung, dass Fußball ein Fehlerspiel ist. Wenn du die Fehler in den Räumen machst, wirst du bestraft. Die anderen Mannschaften sind auch zu gut, um das nicht zu bestrafen. Aber viele der letzten Tore, die wir bekommen haben, sind nach Umschaltmomenten entstanden, wo wir es in den ersten vier, fünf Sekunden nach dem Ballverlust nicht geschafft haben, den Konter zu stoppen, ein Foul zu spielen oder die Kontrolle zurückzubekommen. Da sind wir teilweise ein bisschen naiv und überholen uns gegenseitig, bieten dem Gegner in der Restverteidigung Räume an. Daran müssen wir arbeiten.
Sie kommen auf die meisten Einsätze und Spielminuten in Viktorias Team. Hätten Sie damit bei Ihrem Wechsel im vergangenen Sommer gerechnet?
Tatsächlich nicht. In meinem letzten Jahr in Stuttgart hatte ich hinten raus nicht mehr so viele Spielminuten. Der Konkurrenzkampf ist da, die Qualität im Training ist hoch. Es geht darum, sich Woche für Woche durchzusetzen und dem Trainer das Gefühl zu geben: Wenn du mich am Wochenende nicht aufstellst, dann machst du einen Fehler. Durch das große Vertrauen und die vielen Einsätze habe ich in meinem Spiel auf jeden Fall eine Entwicklung bemerkt, dafür bin ich dankbar.
Auch in der Hierarchie der Mannschaft sind Sie nach oben gewandert – spätestens nach den Abschieden der Führungsspieler Dudu und Tyger Lobinger im Winter.
Wir haben die Abgänge als Mannschaft gut aufgefangen, man darf nicht vergessen, dass uns auch schon seit Monaten mit Christoph Greger unser Kapitän fehlt. Aber wir konnten dieses Vakuum füllen.
Bei Viktoria sind Umbrüche im Sommer eine Art Tradition, zumal der Verein auf Transfereinnahmen angewiesen ist. Mit Ihren Leistungen haben Sie sich in den Fokus anderer Klubs gespielt, Ihr Vertrag läuft noch bis 2027. Wie geht es nach der Saison weiter?
Erstmal ist es eine Anerkennung für die Arbeit des Vereins, wenn sich andere Klubs für die Spieler interessieren. Allein, wenn man schaut, was hier die letzten Jahre passiert ist – die Jungs erzählen mir immer noch von Spielern, die hier gespielt haben und jetzt sogar Champions League spielen oder zumindest den nächsten Schritt gegangen sind. Aber aktuell mache ich mir da keine Gedanken drüber.
Sie sprechen von Sidny Cabral, der inzwischen in Lissabon spielt. Said El Mala hat es beim 1. FC Köln geschafft, Jonah Sticker könnte mit Paderborn in die Bundesliga aufsteigen. Für Sie könnte es mittelfristig auch noch ein oder zwei Ligen höher gehen?
Ja, das hoffe ich.
Wie muss die Mannschaft in Rostock auftreten, damit ihr auch in der Liga der Turnaround gelingt?
Zunächst glaube ich nicht, dass wir uns in einer tiefen Krise befinden, in der wir katastrophal Fußball spielen. Phasenweise ist es auch richtig gut, was wir auf den Platz bringen. Es gilt, dafür zu sensibilisieren, dass das Spiel in den kleinen Momenten entschieden wird und dass man mit maximaler Aufmerksamkeit das Tor verteidigt, Kontersituationen unterbindet und den Gegner vom Tor weghält.



