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Cornelius-StiftungEin Schonraum für junge Mütter

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Oft reicht ein Teddybär nicht als Tröster in der Not. Kinder suchtkranker Mütter benötigen professionelle Hilfe.

Köln – Was Silke B. (alle Namen Betroffener geändert) als Kind erlebt hat, hätte viele Menschen zerbrechen lassen. Der Vater trank zu viel, die älteren Geschwister flüchteten sich ebenfalls bereits in Drogen. Im Alter von drei bis neun Jahren wurde sie zudem von einem Bekannten der Familie mehrmals missbraucht.

Gemerkt hat offenbar niemand etwas, obwohl der Vergewaltiger dem Kind einmal sogar den Unterarm brach und es in ein Krankenhaus eingeliefert werden musste. B. wurde ein stilles Kind, flüchtete sich zunächst in den Alkohol. Mit 13 Jahren hatte sie den ersten Vollrausch, dann kamen die Drogen. Mit 14 versuchte sie sich umzubringen, mit 15 landete sie beim Jugendpsychiater. Heute, 27 Jahre später, hat die 42-Jährige eine lange Drogenkarriere hinter sich.

„wir helfen“ trifft sie im Kölner Wohnhaus der Cornelius-Stiftung. Grauer Pulli, kurze Haare, bunte Kette in der Hand, mit der sie während des Gesprächs hantiert. Erst langsam, dann immer flüssiger berichtet sie von Heroin und Kokain, von Therapien und Rückfällen, von Drogen-Ersatzstoffen wie Methadon und Polamidon. Und natürlich von ihrer Tochter Christina (2, Name geändert), ohne die sie wohl an den Drogen hängen geblieben wäre. Christina war nicht geplant.

„Am Anfang war die Schwangerschaft sogar ein Schock“, sagt Silke. Der Vater, ebenfalls drogensüchtig, und Freunde, die nur Partys feiern wollten, waren keine gute Umgebung für ein kleines Kind.

Es fehlen 36 000 Euro

Unterstützung hat Silke im Clearing-Wohnen für suchtkranke Schwangere und Mütter des SKF gefunden. Die Einrichtung wird von der Cornelius-Stiftung finanziert. 72 000 Euro kann diese mit Fremdspenden selbst aufbringen. Doch um die Arbeit auch für die nächsten zwei Jahre abzusichern, fehlen 36 000 Euro. Geld, um das die Stiftung die „wir helfen“-Spenderinnen und -Spender bittet.

Seit 2005 fanden an der Kölner Gereonstraße 52 schwangere Frauen und junge Mütter mit Drogenerfahrung Hilfe. Manche bleiben zwei Wochen, andere bis zu 18 Monate. „In der Mehrzahl der Fälle gelingt es, dass die Kinder bei ihren Müttern bleiben“ sagt Cornelius-Vorstand Karen Zimmer. Die Bewohnerinnen werden auf Empfehlung des Jugendamts hier aufgenommen. Sie sollen die Zeit ihres Aufenthalts nutzen, um für sich zu klären, ob sie dauerhaft mit ihrem Kind leben können. „Hier bekommen sie den Raum, um sich zu entscheiden, was ihnen wichtig ist, und welchen Weg sie gehen wollen und können. Dazu bekommen sie alle Hilfe, die notwendig ist, zugleich werden sie von uns sehr gefordert“, so Diplom-Psychologin Ilka Reinert, Mitarbeiterin im Clearing-Wohnen. „Die festen Regeln im Haus geben Stabilität, und es ist immer jemand da, wenn man Hilfe braucht“, sagt Silke.

Der Bedarf ist groß

Besonders für die Kinder suchtkranker Mütter tut die Hilfe Not. Angebote wie das im Cornelius-Haus sind immer noch viel zu wenig. Dabei ist der Bedarf groß. Bundesweit gibt es laut der Deutschen Gesellschaft für Suchtpsychologie 2,65 Millionen Kinder – das sind zehn bis 15 Prozent aller Kinder und Jugendlichen –, die in Familien aufwachsen, in der es zumindest ein alkohol- oder drogensüchtigen Elternteil gibt. Viele Kinder aus solchen Familien erleben Gewalt, knapp ein Drittel wird später selbst Suchtprobleme haben, ein weiteres Drittel leidet im Erwachsenenalter unter Depressionen und Angstzuständen.

Die Situation in der Familie überfordert die Kinder oft: Es gibt Kinder, die dafür sorgen, dass ihre Geschwister versorgt sind, in die Schule kommen und die vor allem sicherstellen, dass niemand etwas von den häuslichen Sorgen merkt. Viele Kinder fühlen sich auch verantwortlich für ihre Eltern. Eine unbeschwerte und gesunde Kindheit sieht anders aus.

Föten nehmen schon im Mutterleib Schaden

Mitarbeiterinnen des SKF befragen seit einem Jahr deshalb bereits ihre Klientinnen in der Schwangerschaftsberatung bereits vor der Entbindung zu ihrem Alkohol- und Nikotinkonsum. Denn viele Föten nehmen schon im Mutterleib Schaden. Kinder und ihre Eltern so früh und so umfassend wie möglich zu erreichen, ist das Ziel von SKF und Cornelius-Stiftung. Das wünscht sich auch Meike R. „Meine Tochter hat gelitten“, sagt die 22-Jährige. Als sie vor einem Jahr in die Drogensucht abglitt, hat sie ihr Kind immer öfter bei ihren Eltern abgegeben. „Sie hat immer nach mir gefragt, geweint und geschrien, aber ich war auf Partys.“ Je mehr Kokain sie dort bekam, desto öfter verschlief sie die Tage. Sie häufte 10 000 Euro Schulden an, wurde zur Diebin. Sie gab ihre Wohnung auf, trennte sich von ihrem Freund, schlief bei Bekannten. Für ihre Tochter hatte sie kaum Zeit.

Vor wenigen Tagen hat R. ihr zweites Kind bekommen – und will ihr Leben in den Griff bekommen. Mit einer Therapie will sie vom Kokain loskommen, war bereits bei der Schuldnerberatungsstelle, um ihre Finanzen zu regeln. Vor allem aber will sie ihr Leben mit den zwei Kindern in den Griff bekommen. Das Cornelius-Haus bietet ihr den Rückzugsraum dazu, damit sie nicht so schnell wieder mit alten Bekannten aus der Drogenszene in Kontakt kommt. Es ist ihr Ruhepol für ein paar Monate. Dann will sie wieder arbeiten. Am liebsten als Tierarzthelferin.