FörderungSelbstbewusst durch viel lesen

Mentorin Heidrun kommt einmal in der Woche in die Porzer Grundschule, um mit Aylin zu lesen.
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Köln – Nur noch selten muss Aylin (Name geändert) nach ihr unbekannten Wörtern fragen. Fast den ganzen Text zum Thema „Klima“, den ihre Mentorin Heidrun vorliest, versteht das achtjährige Mädchen von ganz allein. Nur beim Ausdruck „Äquator“ stutzt sie. Heidrun lächelt, zeigt auf ein Bild eines Globus und erklärt: „Das ist ein Gürtel, der um die ganze Welt geht. Dort ist es immer warm.“ Jetzt lächelt auch Aylin und sagt: „Wie bei uns im Libanon. Da regnet es fast auch nie.“Aylin ist erst seit drei Jahren in Deutschland und geht in die dritte Klasse der Grundschule an der Porzer Hauptstraße. Deutsch konnte das Mädchen anfangs kaum, hat seitdem aber viel dazugelernt. Mittlerweile ist Aylin nicht nur Stammgast in der Schulbibliothek, sondern sogar Mitglied der Lese-AG der Schule. „Sie hat sich toll gemacht“, sagt Klassenlehrerin Inken Heuß über das Mädchen. Aus dem einst schüchternen i-Dötzchen, das kaum den Mund aufmachte, sei ein selbstbewusstes Mädchen geworden. Deutsch spricht Aylin jetzt fließend.
Geholfen haben außer dem Unterricht in der Schule auch die Lesestunden, die die von „wir helfen“ unterstützte Initiative Lesementor ermöglicht. Einmal in der Woche kommt die Apothekerin Heidrun (69) in die Porzer Schule und nimmt sich 45 bis 60 Minuten Zeit für Aylin. Dann lesen die beiden zusammen, sprechen über die Inhalte der Texte und üben anschließend noch ein paar Rätsel-Aufgaben. Der Lesestoff ist mittlerweile anspruchsvoll: Während Aylin Kinderbücher daheim selbst liest, schmökert sie mit ihrer Mentorin Sachtexte aus der Kinderbuchreihe „Medizini“. Manchmal steht auch die Kinderseite des „Kölner Stadt-Anzeiger“ auf der Lese-Agenda der beiden.
Die Initiative Lesementor kommt ursprünglich aus Hannover, 2003 gründete das Ehepaar Johanna und Otto Stender das Projekt. Mittlerweile gibt es Lesementoren in zahlreichen Städten in Deutschland, allein in Köln haben im vergangenen Jahr 450 ehrenamtliche Lesementoren Mädchen und Jungen von 8 bis 16 Jahren in 93 Kölner Schulen betreut. Getragen wird die Initiative in Köln von der Freien Volksbühne, der SK Stiftung Kultur, der Volkshochschule und dem Bürgerbüro der Arbeiterwohlfahrt. An der Porzer Schule werden fünf Kinder von Mentoren betreut, der Bedarf sei aber groß, so Schulleiterin Susann Goedecke: „Wir könnten noch weitere Mentoren gebrauchen.“ Die Ergebnisse des Lesementoren-Projektes können sich sehen lassen: Einer Umfrage der Arbeiterwohlfahrt aus dem Jahr 2013 zufolge schätzen die Mentoren, dass 71 Prozent der Kinder ein besseres Leseverständnis, 59 Prozent eine bessere Lesekompetenz entwickelt haben. Immerhin 28 Prozent haben nun mehr Freude an Büchern. Aylin und Mentorin Heidrun haben ihre Lese-Partnerschaft bereits erweitert: Zweimal waren beide zusammen im Kindertheater. Die Mentorin freut es, dass sie etwas von ihrer Leidenschaft für die Bühne dem Mädchen weitergeben kann.
