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Hörende und gehörlose KinderIm Land der sprechenden Hände

3 min

Die faszinierten hörenden und nicht hörenden Kinder im Publikum.

Köln – Frau Holle? Das Märchen kannte Mahmut Koç. Mimik und Bewegung faszinierten ihn schon als kleinen Jungen, wenn er vor dem Fernseher saß. Die ganze Geschichte verstand er jedoch erst, als er die Geschichte als Erwachsener las. Denn der 23-Jährige ist gehörlos. Das Theaterstück sah er nie. Selbst mitzuspielen war lange ein unerfüllter Traum. Bis ihn der Kölner Verein pur pur Kultur für sein Theaterensemble deaf5 entdeckte. Und er jetzt bei der Premiere des Stückes Frau Holle im Kölner Künstler Theater in gleich drei Rollen zu sehen war. Als Apfelbaum, als Hahn und als Prinz.

„Gehörlose sind viel visueller geprägt als Hörende“, erklärt sich Koç seine Liebe für das Theater. Insgesamt fünf gehörlose Schauspieler gehören zum Team. Ebenso viele hörende Schauspielerkollegen am Bühnenrand sprechen synchron zu ihnen den Text in Lautsprache. Zusammen sind sie ein tolles Team, das Brücken baut und keinesfalls in die Behindertenecke abgeschoben werden möchte. „Wir wollen nicht als Menschen verstanden werden, die Almosen brauchen, sondern als Kulturschaffende.“ Gleichwohl ist das Projekt auf Unterstützung angewiesen.

Das Projekt entstand aus zwei integrativen Kulturprojekten, die pur pur Kultur e.V. 2005 bis 2007 durchgeführt hat. Die gehörlosen Teilnehmer beider Gruppen hatten den Wunsch, eine eigene Theatergruppe zu gründen. Seit 2007 probt sie kontinuierlich in der jetzigen Besetzung. 2009 begann sie mit „Einmal Prinz zu sein – auch gehörlose Kinder brauchen Märchen“ ihre heutige Arbeit: Märchentheater (nicht nur) für Kinder in Gebärdensprache. „Alle Kinder brauchen Märchen und alle Kinder brauchen Theater“, sagt Vereinsgründerin Monika Hilz. Der Bedarf sei riesig. „Für Familien mit einem hörenden und einem nicht-hörenden Kind gibt es in der Kölner Kulturlandschaft nichts, was sie gemeinsam machen können. Viele dieser Kinder kennen gar keine Märchen.“ Theaterbesuche sind wegen der Sprachbarriere oft nicht möglich. „So fehlt ihnen ein wesentlicher Teil kultureller und ästhetischer Bildung.“ Nur hier hat jede schauspielernde Figur auf der Bühne, die gebärdet, einen Gegenpart am Bühnenrand, der synchron übersetzt. „Die zwei Sprachen zusammenzubringen war eine unglaublich lange Arbeit.“

Kein fester Probenraum

Seit der Premiere von „Frau Holle“ tourt deaf5 durchs Land. Die Produktionsbedingungen für das Ensemble sind eher schlecht: Vor allem fehlt ein fester Probenraum, der auch ein Lager für Requisiten, Bühnenbild und Kostüme sein könnte. Und: Jedesmal, wenn pur pur auftritt, muss auch Material transportiert werden: „Wir mieten jedes Mal einen Bus für 250 Euro.“ Der Verein finanziert dies bislang nur durch Spenden. Doch manchmal macht Hilz die fehlende Förderung traurig. „Das haben unsere Schauspieler nicht verdient.“ Der Verein will „wir helfen“ um Unterstützung bitten.