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Mini-ClubInklusiv, aber kein Geld mehr für Inklusion

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Ben mit Erzieherin Marianne Bergmann beim Klangspiel

Köln – Ben ist fünfeinhalb Jahre alt. Aber wie Schokolade schmeckt, weiß er nicht. Auch der Geruch von Rührei, Kartoffelpüree oder Fischstäbchen wird ihm vermutlich immer fremd bleiben. Denn Ben ist aufgrund eines Gendefekts schwer mehrfach behindert.

Wenn in der Löwengruppe seines Kindergartens andere Kinder Butterbrote, Kindersalami oder Fruchtjoghurt auspacken, wird ihm über eine dicke Spritze und einen langen Schlauch hochkalorische, flüssige Fettnahrung über eine Magensonde verabreicht. „So Ben, jetzt gibt es Essen“, sagt Diplom-Sozialpädagogin Gabi Klein dabei. „Guten Appetit.“ Und kein Kind findet das merkwürdig. „Das ist so wie zwei Bauchnabel“, erklären sie das Loch in Bens Bauch als sei das die selbstverständlichste Sache der Welt. Ist es auch. Zumindest hier im Mini-Club. In der integrativen Kindertagesstätte des Vereins für Behinderte und Nicht-Behinderte club68koeln im ehemaligen Kornspeicher des Komarhofes in Köln-Klettenberg ist alles etwas anders. Neun von 38 Kindern haben einen besonderen Förderbedarf. Gefördert wird aber jedes Kind auf seine Weise.

LVR zog sich zurück

Was der Mini-Club seit fast 30 Jahren lebt, war früh richtungsweisend. Doch mit dem das Kita-Gesetz Inklusion zur Regel erklärte, zog sich der Landschaftsverband Rheinland komplett und ersatzlos aus der Finanzierung für die Förderkinder zurück, so Vorstand Hans Günter Brands. Seitdem ist die therapeutische Versorgung Eltern und Kassen allein überlassen. Und der Verein muss jährlich 40 000 Euro selbst auftreiben.

Keke (links) mit Layla und Physiotherapeutin Beate Stühmer-Schneider

Das Kita-Team ist bunter als anderswo. Neben Erziehern, Sozial- und Heilpädagogen arbeiten hier eine Heilerziehungspflegerin, eine Physio- sowie eine Sprachtherapeutin. Sie haben neben vielen erzieherischen Aufgaben auch pflegerische. Dazu gehört der Umgang mit Therapiestühlen und zu zweit 30 Kilo schwere Kinder zum Wickeln auf einen Wickeltisch zu heben. Das alte Gutshaus ist groß. Aber auch an manchen Stellen sehr eng und verwinkelt. Das Dach ist nicht isoliert.

Zeit, das kostbarste Gut

Theo macht fast alles mit links. Nicht, weil ihm fast alles leicht fällt, sondern er eine leichte Halbseitenlähmung als Folge einer Zerebralparese hat. Und Layla kann nur mittels eines Stehständers ihre Umwelt mal aus der Vertikalen betrachten. Sie ist drei Jahre alt, kann aber nicht laufen. Physiotherapeutin Beate Stühmer-Schneider hilft ihr auf dem Weg dahin, bevor sie mit den anderen singt und tanzt. „Der Apparat stimuliert ihren Körper dazu, sich selbst zu strecken. Gleichzeitig wächst damit ihre Knochendichte, Muskeln nehmen zu.“ Mindestens genauso wichtig aber ist für Layla Nähe, Aufmerksamkeit und Interaktion. „Die Seele, das Emotionale, hat doch jedes Kind, auch wenn das zentrale Nervensystem nicht so funktioniert.“

Dann hebt sie sie für wenige Schritte aus dem Ständer heraus – und Layla geht. Ihr erstes Ziel: Der vierjährige Keke aus der Luftballon-Gruppe. Als sie ihn erreicht, lacht sie angestrengt, aber glücklich. Was die Förderkinder vor allem bräuchten, sei Zeit. „Sie machen viele kleine Schritte.“ Wenn sie etwa Ben gegenüber ihre Handflächen nach oben ausgestreckt zu ihrem Begrüßungsritual vor seinen Bauch hält, dann dauert es manchmal Minuten, bis er sich aufrichtet, sie ansieht und seine Hände auf ihre legt. „Dann entspannt er sich und wird ganz weich unter meiner Hand, wenn ich mit ihm arbeite.“ Das ist der große Vorteil einer hausinternen Therapeutin, die alles mitmacht und wie nebenbei beim Kuscheln die Gelenke der Kinder bewegt.

Keine Extrawurst, für niemanden

Ben kann schon einzelne Worte wie Mama, Papa und Opa sagen. Er kann auch mit der Lautstärke anderer Kinder besser umgehen. Gabi Klein sagt, zur Inklusion gehören immer beide Seiten. „Wir haben gelernt, ihm rechtzeitig Rückzug zu geben. Aber er hat auch gelernt, uns zu tolerieren.“

Für alle geht es später in Regenkleidung raus in den Garten – trotz Schietwetter. Keine Extrawurst. Für niemanden. Das gehört zum integrativen Konzept, das möglichst alle gleich behandelt.