Abo

Kölner Freiwilligen AgenturVorlesen fördert Fantasie

3 min

Köln – Wenn Günter Czerwinski vorliest, hängen die Mädchen und Jungen aus der Escher Kindertagesstätte Am Braunsacker an seinen Lippen. Diesmal hat der 68-Jährige eine Geschichte der schwedischen Kinderbuchautorin Astrid Lindgren mitgebracht, aus der die Mädchen und Jungen viel lernen können. Zum Beispiel, dass sich Klauen nicht lohnt. Denn die Heldin Lotta aus „Na klar, Lotta kann Rad fahren“ will mit dem Rad herumkurven und entlehnt dafür das Gefährt von der Großmutter. Natürlich geht die Geschichte nicht ohne Malheur aus: Lotta fliegt hoch vom Sattel, landet in einem Rosenstock und verliert obendrein auch noch ihr Geburtstagsgeschenk – ein wunderschönes Armband.

Geschichten vorgetragen hat Günter Czerwinski immer schon gerne. Früher in der Schule vor anderen Mädchen und Jungen, später vor den eigenen Kindern und Enkeln. „Vorlesen macht unglaublichen Spaß“, sagt er. Ich kann beinahe sehen, wie sich die Geschichten in den Köpfen der Kinder weiterentwickeln.“ Kein Wunder also, dass Czerwinski nicht lange überlegte, als er vom Projekt Lesewelten erfuhr. Mit diesem bietet die Freiwilligen Agentur seit 2004 Vorlesestunden für Kinder von zwei bis zehn Jahren an. Inzwischen setzen sich 150 Frauen und Männer als Vorleser in 50 Kölner Einrichtungen ein. Menschen wie Günter Czerwinski lesen in Grundschulen, Kindertagesstätten, Museen und Bibliotheken. Wöchentlich erhalten so 500 Kinder zusätzliche Leseanreize. Czerwinski empfindet das als wichtig: „In vielen Elternhäusern wird immer weniger gelesen. Die Kinder werden stattdessen vor dem Fernseher geparkt.“

Auch Lesewelten-Projektleiterin Susanne Klinkhamels fallen sofort eine Reihe von guten Gründen ein, warum den Kindern künftig noch viel häufiger vorgelesen werden sollte. Beispielsweise werde die Fantasie der Kinder angeregt und obendrein auch die Begeisterung für Geschichten und für das Lesen geweckt. Besonders Kinder aus bildungsfernen Familien profitierten von den Leseeinheiten.

Studien bestätigen den Lesestunden-Bedarf: 64 Prozent der Eltern mit höherer Schulbildung, aber nur 25 Prozent der Eltern mit niedriger Schulbildung geben laut einer Umfrage der Stiftung Lesen an, ihren Kindern Lesefreude als Erziehungsziel zu vermitteln. Generell liege die Lesekompetenz der deutschen Kinder international nur im Mittelfeld. Laut Pisa-Studie (2009) haben 18,5 Prozent der Mädchen und Jungen Probleme beim Lesen und Schreiben von Texten.

Studien bestätigen Bedarf

Für die Zukunft hat Lesewelten daher eine kühne Vision: „Wir wollen, dass jedes Kind in Köln wöchentlich eine Vorlesestunde bekommen kann“, so Klinkhamels. Da kommt die jüngste Spende des Karnevalsvereins Löstige Tasmanier gerade recht: 4000 Euro hatten die Jecken in der vergangenen Session für soziale Zwecke gesammelt. Die Hälfte davon spendeten sie an „wir helfen“, 1000 Euro gingen an den Kölner Zoo und weitere 1000 Euro erhielt das Projekt Lesewelten. Volker Marx, Bauern-Adjutant der Löstigen Tasmanier, übergab nun den entsprechenden Scheck in der Kita an Projektleiterin Klinkhamels. Weil sich das Projekt über Spenden finanziert, sind weitere Gelder dringend nötig. Die Wartelisten sind für Lesewelten-Projekte sind lang, und für Viertel wie Gremberg suchen die Organisatoren noch ehrenamtliche Vorleser.

Am Ende erfuhren die Kinder übrigens noch, warum die Karnevalisten mit so lustigen Kappen in den Kindergarten gekommen waren. Die Mützen des Vereins mit roten Ohren, einem langen schwarzen Schwanz und spitzen Zähnen seien nämlich dem Tasmanischen Beutelteufel nachempfunden, erläuterte Bauern-Adjutant Marx. „Das Tier ist fast ausgestorben. In europäischen Zoos gibt es nur noch ein einziges Exemplar – und zwar im Kopenhagener Zoo.“