Kölner KreidekreisDas Warten hat ein Ende

Kevin wurde oft in seinem Leben enttäuscht und verletzt. Der 16-Jährige ist aufgrund traumatischer Erlebnisse in seiner Entwicklung verzögert.
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Köln – Zehn Mal hat sie versprochen, ihn zu besuchen. Zehn Mal hat sie kurz vorher wieder abgesagt. Dabei hatte sich Kevin so sehr auf sie gefreut. Trotz allem. Kevins leibliche Mutter hatte nie wirklich Interesse an ihrem Sohn. Tiere mag er. „Sie beruhigen ihn“, sagt Monika Heinrich. „Die tun ihm nichts und sie verlangen nichts.“ Und sie brechen keine Versprechen.
Kevin ist fast 18 Jahre alt. Aber in der Entwicklung auf dem Stand eines Zwölfjährigen. Sein Sprachstand lässt höchstens Drei-Wort-Sätze zu.
Seit 15 Monaten eine Familie
Seit er sieben Jahre alt war, lebt Kevin im Heim. In Stephansheide, einer pädagogischen Einrichtung der Diakonie Michaelshoven in Rösrath. Dort lebt er in einer Gruppe für junge Erwachsene mit geistiger Behinderung. Hier im Ort engagiert er sich in der Jugend des Deutschen Roten Kreuzes. Hier geht er als Wagenengel im Karnevalszug mit. Hier spielt er als Torwart in einer Fußballmannschaft. Hier besucht er die 11. Klasse zur Berufsvorbereitung in der Fröbelschule und würde später gerne in einem Hotel oder Kindergarten arbeiten. Doch Familie? Die ist für ihn eine Frau, die er erst seit 15 Monaten kennt. Monika Heinrich aus Köln ist seine Patin aus dem Kölner Kreidekreis.
Der Verein hat seinen Ursprung im Rhein-Sieg-Kreis, die aber in der gesamten Region Köln Paten sucht und vermittelt, die als Wegbegleiter für Kinder und Jugendliche dienen, die in Heimen leben und ohne ihre Eltern aufwachsen. Die Initiative gründete die Diplom-Sozialarbeiterin Edeltraud Preuß. Als hauptamtliche Betreuerin hatte sie die Vormundschaft für zwei Jungen. Wenn sie die im Heim besuchte, waren dort so viele Kinder, die auch ihre Aufmerksamkeit wollten. So begann sie Ehrenamtler zu suchen, auszubilden und zu vermitteln, die Heimkinder von Zeit zu Zeit aus dem Spannungsfeld Heim herausholen. Wegbegleiter, die zwar kein Elternersatz sein sollen, aber doch ein Stück Zuhause werden können.
Das Kind, das Monika Heinrich einmal betreuen sollte, war in ihrer Vorstellung vorher immer „ein kleines Grundschulmädchen“. Heute ist die 50-jährige Verwaltungswirtin, beschäftigt bei der Bauaufsicht der Stadt Pulheim, mehr als glücklich mit der Tatsache, dass es stattdessen der damals 16-jährige Jugendliche auf der Schwelle zum Erwachsenwerden wurde.
„Wir lachen viel zusammen. Kevin hat einen extrem guten Humor“, sagt sie über ihn. Bei der ersten Begegnung hat es gleich zwischen ihnen gestimmt. „Da hat der Kreidekreis ein gutes Händchen für.“ – Jedes zweite Wochenende ist Kevin nun bei ihr – und sie freut sich auf die Treffen ebenso wie er. Gemeinsam gehen sie einkaufen, zum Frisör, zum FC oder Eishockey. Er durfte mit ihr und ihren Freunden („Er hängt total an ihren Lippen. Er dürstet nach Normalität.“) zwei Tage auf Städtereise nach Amsterdam. Fünf Tage vorher hatte er schon dafür seine Tasche gepackt. Bei ihr feierte er nun Weihnachten. „Das war für uns beide völlig klar.“ Von Neujahr an wird sie auch die gesetzliche Betreuung für ihn haben. „Sie ist ein fester Teil in seinem Leben geworden. Die Kontinuität tut ihm gut“, sagt Jan Könner, Sozialpädagoge in Stephansheide.
Seine leibliche Mutter hat Kevin das letzte Mal vor einem Jahr gesehen. Als er wiederkam, war er hoch aggressiv und kaum noch ansprechbar. In Kevin herrschte nur Enttäuschung und Unverständnis. Wenn Monika Heinrich kommt, kennt er nur Vorfreude. Auf alles, was da noch kommt.
