Roma-FamilienEine Zukunft mit Cika und Anton

Die Kinder im Poller Flüchtlingsheim benötigen viel Unterstützung.
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Poll – Töpfe klappern, und aus dem Backofen riecht es nach Lammbraten. Im Poller Flüchtlingsheim schneidet Rajka (16) mit flinken Fingern eine Gurke in Längsstreifen. An einer blau gestrichenen Wand hängen Gemälde, die die heilige Maria zeigen, daneben Bilder von Rajkas drei Geschwistern. Gemeinsam mit ihrer Mutter Sladjana bereitet Rajka das Essen für Vasil vor, ein traditionelles Roma-Fest. Heute Abend erwartet die Familie Besuch - darunter auch Tihomir Djurovic (66). Er ist Sozialberater, stammt selbst aus dem ehemaligen Jugoslawien und unterstützt die 65 Roma, die im Wohnheim leben.
Djurovic, der im Auftrag des Jugendamtes arbeitet, hat eine enge Verbindung zu den Bewohnern des Wohnheims aufbauen können. "Cika, können wir gleich gemeinsam ein Spiel spielen?", ruft ein Mädchen vom Flur aus, in dem Schuhe auf dem Boden liegen. "Cika" bedeutet in Serbokroatisch "Onkel" und der 66-Jährige wird sowohl von den Kindern als auch von den Eltern mit diesem Kosenamen angesprochen.
1400 Roma leben in Köln in Flüchtlingswohnheimen. Viele wurden in ihrer alten Heimat diskriminiert, viele durch Krieg und Flucht traumatisiert. "Die Menschen fassen erst langsam Vertrauen zu den Betreuern, weil sie vielen Vorurteilen ausgesetzt wurden", sagt Djurovic. In Deutschland müssen sie außerdem lernen, sich an das Leben in einem neuen Land zu gewöhnen.
Versuch, sich zu integrieren
Um die Familien zu unterstützen, hat das Bezirksjugendamt vor elf Jahren eine sozialpädagogische Gruppe gegründet, die Djurovic leitet. Die Kinder können durch sein Engagement vielen Freizeitaktivitäten nachgehen. Djurovic fährt sie in einem blauen Mitsubishi-Bus, den er liebevoll "Anton" nennt und der vom Hürther Kinderschutzbund zur Verfügung gestellt wurde, beispielsweise zu Turnhallen und Schwimmbädern, zu Fußballturnieren und Trommelauftritten.
Am Wochenende geht es für die Kinder unter anderem in den Kölner Jugendpark, in dem die Mädchen und Jungen mit vielen Gleichaltrigen spielen können. Djurovic vereinbart für die Familien auch Termine mit Ämtern, Ärzten und Schulen. Möglich gemacht wurde das unter anderem durch Spenden von "wir helfen", mit dem Djurovic Sprit- und Reparaturkosten, Kfz-Steuer und Versicherung bezahlen kann.
Rajkas Familie bemüht sich seit Jahren, sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren. Die Kinder gehen in die Schule, der Vater macht einen Deutschkurs, um einen Job zu finden. Vor fünf Jahren wäre die Familie fast abgeschoben worden. "Das war eine schwere Zeit für mich, denn hier ist mein Zuhause. Ich will nicht mehr zurück", sagt Rajka, die heute die achte Klasse der Adolph-Kolping-Hauptschule in Kalk besucht.
Desaströse Umstände in der Heimat
Damals warf die Ausländerbehörde Rajko vor, illegal nach Deutschland eingereist zu sein, erläutert Claus-Ulrich Prölß, Geschäftsführer des Fördervereins des Kölner Flüchtlingsrats. Prölß und Djurovic haben damals geholfen, damit die Familie bleiben konnte. Sie sammelten Beweise, dass die Familie gut in Deutschland integriert sei und die Lebensumstände in ihrer Heimat Montenegro desaströs seien. "Das Amt hat eingesehen, dass die Familie in Mazedonien keine Lebensgrundlage gehabt hätte", so Prölß.
Heute hat Rajka konkrete Zukunftspläne - sie will später einmal Lehrerin werden. Im Wohnheim hat sie Vorbilder gefunden: Einige ihrer Freunde und Verwandten haben einen Beruf ergriffen und verdienen nun ihr eigenes Geld.
Zum Beispiel Ferdi, ein Freund, der als Jugendlicher selbst von den Freizeitangeboten von Djurovic profitiert hat. Mittlerweile ist Ferdi 26 Jahre alt, hat eine eigene Familie mit zwei Kindern und einen Job. Er ist aus dem Wohnheim ausgezogen, betreut nun selbst Roma-Flüchtlinge in Schulen und lässt auf diese Weise andere Menschen an den Erfahrung teilhaben, die er gemacht hat. Ferdi wird seine Kinder von Anfang an unterstützen: Sie sollen regelmäßig zur Schule gehen und so eine Basis für ihre Zukunft erhalten.
