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Spende„Tausche Elternhaus gegen Traumjobs“

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Spenderin Ute Zunn, Berufsbegleiter Ingo Pauls und „wir helfen“-Vorsitzende Hedwig Neven DuMont (von links).

Köln – „Was meinen Traumjob betrifft, bin ich ein ausgewachsener Dickkopf“, räumt Carsten unumwunden und unaufgefordert ein – und meint damit: Dass er sich zu lange an seinen Wunsch, Kfz-Mechaniker zu werden, geklammert hat – genau vier Jahre lang und mehr als 70 Bewerbungen, die alle erfolglos blieben.

Der 21-Jährige hat einen angeborenen Herzfehler, darf nicht schwer heben, und wäre damit – trotz guter Bescheinigungen und enormer Begabung – eine zu große Gefahr für die auszubildenden Betriebe.

Traumjob als Hemmschuh

Carsten hält sich seit seinem erweiterten Hauptschulabschluss vor vier Jahren mit 400-Euro-Jobs über Wasser, was nur gelingt, weil er noch bei seinen Eltern wohnt. Eine Ausbildung zum Verkäufer von Hi-Fi-Geräten hat er nach drei Monaten abgebrochen, „weil mein Chef und ich unterschiedliche Auffassungen von Verkaufsverhalten hatten“, sagt er knapp. Außerdem schwebte über allem ja auch sein Traumjob. Gäbe es Ingo Paul nicht, würde Carsten wahrscheinlich noch immer von einer Kfz-Ausbildung träumen. Doch dank der Berufsbegleitung des Arbeitspsychologen bei der Jugendhilfe Köln e.V. (JHK) wagt Carsten erste Gedanken an einen alternativen Beruf – und hat bereits Tuchfühlung aufgenommen.

Carsten, 21, profitiert von der Berufsbegleitung der Jugendhilfe Köln e.V.

Während der vielen Gespräche mit Ingo Pauls, einmal pro Woche für eineinhalb Stunden, hat sich herauskristallisiert, dass eine Ausbildung zum Elektroniker für Geräte und Systeme auch eine ernstzunehmende Option für Carsten wäre. Der Retro-Fan lötet und schraubt leidenschaftlich gerne, ob an verrosteten Oldtimer-Tanks oder in die Jahre gekommenen Schallplatten-Spielern. Mit Ingo Pauls Hilfe hat Carsten ein sechswöchiges Praktikum beim Berufsförderwerk Köln gGmbH der Diakonie Michaelshoven absolviert. Jetzt freut er sich auf seine Ausbildung dort zum Mechatroniker. Los geht’s am ersten September.

„Das wäre alles nicht so weit gekommen, wenn es ihn nicht gäbe“, sagt Carsten und zwinkert Ingo Pauls anerkennend zu. Der wiederum gibt seinen Dank unverzüglich weiter an die beiden Damen, die der JHK in der Ehrenfelder Christianstraße an diesem Nachmittag einen Besuch abstatten: Ute Zunn und Hedwig Neven DuMont.

Engagiertes Damen-Duo

Gäbe es das Engagement der beiden Frauen nicht, gäbe es die Berufsbegleitung nicht, die Carsten und 33 weiteren jungen Menschen dabei hilft, einen geeigneten Ausbildungsplatz oder Job zu finden. „Ich bin unglaublich dankbar dafür, dass ich gemeinsam mit Hedwig Neven DuMont und ihrem Verein »wir helfen« so etwas Gutes initiieren konnte“, sagt Ute Zunn.

Die Berufsbegleitung der Jugendhilfe Köln e.V. wird von „wir helfen“ und der Friedrich-Bruch-Stiftung gefördert.

Als es vor fünf Jahren um die Zukunft des Anwesens ihrer Mutter Erna Bruch in Bergisch Neukirchen ging – ein Wohnhaus samt angrenzender Lackierwerkstatt und großem Garten – musste Ute Zunn nicht lange darüber nachdenken, was damit geschehen soll: Etwas Sinnvolles, etwas, das benachteiligten jungen Menschen eine zweite Chance gibt. „Meine Eltern haben sich ihr Leben lang für junge Menschen eingesetzt. Ich war mir sicher, dass die Entscheidung, ihr Anwesen der Aktion »wir helfen« zu vererben, in ihrem Sinne war“, sagt Zunn.

So können Sie helfen

Mit „wir helfen: damit Kinder ihre Einsamkeit durchbrechen“ bitten wir um Spenden für Projekte, die ausgegrenzten Kindern und Jugendlichen in der Region dabei helfen, wieder in Gemeinschaften aufgenommen zu werden. Bislang sind 1.213.602,63 Euro eingegangen.

Spendengelder beantragen können Initiativen noch bis Ende Mai 2018. Ein Antragsformular zum Herunterladen finden Sie hier

Die Spendenkonten lauten:

Kreissparkasse Köln, DE03370502990000162155

Sparkasse Köln-Bonn, DE21 37050198 0022252225

Kontakt: „wir helfen“, Amsterdamer Straße 192, 50735 Köln,

☎ 0221/224-2241 (Förderung), 24-2130 (Redaktion)

wirhelfen@dumont.de

Gemeinsam mit Hedwig Neven DuMont folgte eine Phase der Planung: Die anfänglichen Ideen, das Anwesen in eine Jugendwerkstatt umzuwandeln oder in eine Beratungsstelle für schwangere, junge Frauen, scheiterten an der Lage. Zu abgeschieden. Zu weit von der Zielgruppe entfernt.

Schließlich holten die beiden Damen die JHK-Geschäftsführerin Almut Gross ins Boot, verkauften das Anwesen und spendeten das Geld an die JHK – das dem Projekt „Berufsbegleitung“ zugutekam. „Ich begleite momentan 34 Jugendliche bis 27 Jahre individuell auf ihrem Weg, eine Ausbildung zu beginnen und erfolgreich abzuschließen“, bringt Ingo Pauls seine Arbeit auf den Punkt. Er hilft bei der Entscheidungsfindung, bietet Bewerbungscoachings, unterstützt bei Bewerbungsschreiben, begleitet und motiviert die Jugendlichen bis zum Ende ihrer Ausbildung, vermittelt bei Problemen mit der Berufsschule oder dem Ausbildungsbetrieb, hilft bei Ämter- und Behördengängen, interveniert, wenn nötig, mit einem Krisenmanagement.

Sneakerfaible und Fehlzeiten

Da gab es einen jungen Koch, dessen Ausbildung partout nicht zu ihm passte. Seine Eltern konnten ihn nicht beraten, nicht anderweitig helfen – sie waren mit ihrer Trennung überfordert. Also häufte der junge Mann unentschuldigte Fehlzeiten an, weil er sich nicht anders zu helfen wusste, als mit Abwesenheit. Ingo Pauls tat, was er in den meisten anderen Fällen vermeiden möchte: Er riet zum Ausbildungsabbruch und half bei der Suche nach einer Alternative. Mit seiner Leidenschaft für Sport und Sneakers – und mit Ingo Pauls Rückendeckung – brachte es der junge Mann zum Filialleiter eines Sneakerladens.

„Leben ist Veränderung. Wer sich nicht verändert, wird auch verlieren, was er bewahren möchte“, hat Deutschlands dritter Bundespräsident Gustav Heinemann einmal gesagt. Diesem Gedanken folgt das Leitbild der JHK – und Carsten tut es auch.

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