SpendenzielDie ganze Familie im Mittelpunkt

In der Ergotherapie des Zentrums für Frühförderung und Frühbehandlung entdeckt ein Kind seine körperlichen Fähigkeiten.
Copyright: ZFF Lizenz
Köln – Paul war anders. Anstrengend. Schon seine erste Tagesmutter hatte die weitere Betreuung des Zweijährigen in ihrer kleinen Krabbelgruppe abgelehnt. Aber sein Vater und seine Mutter liebten ihren ersten Sohn und nahmen ihn einfach so, wie er war. Als er dann mit vier in den Kindergarten kam, häuften sich erneut Beschwerden. Paul warf mit Klötzen nach anderen, konnte sich nicht einfügen, trat um sich. Die Erzieherinnen empfahlen dringend eine Untersuchung im Frühförderzentrum. Dort erfuhren die Eltern, dass Paul autistische Reaktionen zeigt.
Das Zusammensein mit vielen Menschen empfindet der Junge als überwältigende Reizüberflutung. Er war ständig überfordert und brauchte dringend Hilfe. Heute ist er sieben Jahre alt, geht zur Regelschule und hat eine Betreuerin an seiner Seite. Aber auch das war und ist mit enormen Problemen verbunden. Anschaulich schilderte sein Vater, ein Journalist, auf der Feier zum 50-jährigen Bestehen des Zentrums für Frühförderung und Frühbehandlung (ZFF) der Festgesellschaft in der Flora, wie zeitraubend und quälend sich auch heute noch die Suche von Eltern mit einem behinderten Kind nach Information und Unterstützung gestalten kann. Umso größer die Entlastung, die die Familie durch die engagierte Arbeit mit dem Zentrum erlebt habe: eine wichtige Stütze dabei, sich auf ihr Kind einzustellen und das Bestmögliche bei ihm zu entfalten: „Es war wunderbar. Wir sind zutiefst dankbar.“
So wie Paul hat das ZFF seit seiner Gründung Tausenden von Kindern und ihren Familien hilfreich zur Seite stehen können. Die bemerkenswerte Erfolgsgeschichte dieser Einrichtung ist vielen Kölner Bürgern, auch in der Stadtspitze und der Wirtschaft, zu verdanken. Sie haben von Beginn an mit persönlichem Einsatz und finanziellen Mitteln diese Entwicklung ermöglicht. Mit einem Namen ist das Zentrum besonders verbunden: Dr. Tordis Horstmann. Die 73-Jährige gehört zu den Gründungsmitgliedern, hat es fast 30 Jahre lang geleitet und ist immer noch aktiv. Heute ist das Kölner Zentrum das größte seiner Art in Deutschland, ausstrahlend in den wissenschaftlichen Bereich und Vorbild für die Gründung weiterer Zentren in allen Bundesländern.
Pavillon auf dem Schulhof
Bis zu den 60er Jahren galten Kinder mit körperlichen Behinderungen als kaum bildungsfähig. Sie wurden in Heimen oder zu Hause, oft auch gar nicht unterrichtet. Eine Gruppe von Kölner Psychologen und Pädagogen um Siglinde Kunert begann, nach Bildungs- und Fördermöglichkeiten für diese Kinder zu forschen. Kunert hatte als Lehrerin und Psychologin eine neue Schule für Körperbehinderte an der Mommsenstraße gegründet.
Als 1964 allein in Köln 164 durch das Schlafmittel Contergan geschädigte Säuglinge mit verkürzten Armen und Beinen auf die Welt kamen, wirkte das wie ein Anschub. Die ersten praxisnahen Forschungsarbeiten führten am 17. Juli 1964 zur Gründung der Forschungsgemeinschaft „Das körperbehinderte Kind“, die 1991 in das „Zentrum für Frühförderung und Frühbehandlung“ umbenannt wurde. Einen Ort fanden die Forscher in einem Pavillon auf dem Schulhof, dank der finanziellen Unterstützung der Familien Neven DuMont und Brücher. Die Familie Neven DuMont stellte auch ihr Privat-Schwimmbad zur Therapie der Contergan-Kinder zur Verfügung.
In den ersten 15 Jahren wurde die Arbeit ausschließlich durch Spenden ermöglicht. Die Erkenntnis der Forscher: Behinderte Kinder, auch hirngeschädigte, können gefördert werden – wenn die Behandlung speziell auf sie zugeschnitten werden kann. Dafür wirken viele Professionen zusammen: Kinderärzte, Psychologen, Pädagogen, Logo- und Motopäden, Ergo- und Physiotherapeuten sowie Heilpädagogen.
Obwohl die Frühförderung seit 2007 als sogenannte Komplexleistung eine gesetzliche Pflichtleistung der Krankenkassen ist, hinkt das Gesetz nach Ansicht des Zentrums bereits kräftig hinterher. „Zunehmend werden Kinder mit unklaren Diagnosen an uns überwiesen. Sie haben psychische und psychosomatische Störungen, die erworben wurden, sind unkonzentriert, hyperaktiv“, sagt ZFF-Geschäftsführerin Karin Grevelhörster. Viele der Eltern befinden sich in prekären Lagen, haben eine Einwanderungsgeschichte oder sind selbst psychisch krank. Sie wissen oft nicht mehr genau, was Kinder brauchen, können keine Spiele spielen, kennen keine Rituale wie gemeinsames Essen. „Wir erleben die Folgen einer seelisch-sozialen Verarmung. Die ist auch durchaus schichtunabhängig.“ Das verlange eine Änderung des Therapiekonzepts. Nicht mehr ausschließlich das Kind wird behandelt; die Therapeuten arbeiten ebenso mit den Müttern und Vätern und handeln mit ihnen gemeinsam. Eine intensive Arbeit, die bislang kaum durch das Gesetz gedeckt ist und nahezu unbezahlt geleistet wird.
Ein Tropfen auf den heißen Stein
Als besonders wertvoll hat das Zentrum den Einsatz einer Familienhebamme erkannt. „Sie kann unsichere Eltern nach der Geburt eines behinderten Kindes von Beginn an eng begleiten“, sagt Grevelhörster. „Das ist Prävention im besten Sinne und nicht nur auf dem Papier.“ Doch bislang wird die Familienhebamme ausschließlich durch Leser-Spenden von „wir helfen“ finanziert.
Kritisch betrachtet das Zentrum auch die Art, wie Inklusion derzeit an Schulen betrieben wird. Nämlich nach Ansicht von Grevelhörster ohne ausreichendes Personal, ohne ausreichende Räumlichkeiten, ohne ausreichende Konzepte. „Inklusion bedeutet jedoch Teilhabe des Kindes, nicht nur seine Anwesenheit. Das kostet Geld.“ Die bisherigen Fördersummen seien nur ein Tropfen auf den heißen Stein.
Für eine gelingende Inklusion sei die Frühförderung von Kindern unabdingbar, sagt Dr. Tordis Horstmann. Wenn die Kinder erst nach Eintritt in den Kindergarten kommen, sei das viel zu spät. „Wir wünschen uns da mehr Aufmerksamkeit bei den Kinderärzten.“
