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SpendenzielMit Mentoren auf Wortschatzsuche

4 min

Mentoren Julia Dörfler-Ullrich und Bruno Spohr mit den Kindern Shakira (2.v.l.) und Arbesa (3.v.l.)

Bergisch Gladbach – Amina mag keinen Fisch. Auf dem Teller vielleicht, im Schulbuch eher weniger. Das Tier liegt ihr schwer im Magen, seit es im Deutschunterricht dazu dient, die bestimmten Artikel einzuüben. Und das ist für die Achtjährige, die Zuhause nur albanisch spricht, nicht leicht. Gerade hat sie im Übungsbuch noch richtig ergänzt, dass es im Plural „die“ Fische heißt, da soll sie nun im Singular „der“ Fisch eintragen – unlogisch und schwierig findet das kleine Mädchen das und kaut unglücklich am Bleistift.

Wie Amina kämpfen viele Kinder, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, mit den Tücken dieser Sprache. Damit sie nicht auf sich allein gestellt sind, setzt sich der Verein Mikibu (Migrantenkinder bekommen Unterstützung) in Bergisch Gladbach seit fünf Jahren für Migrantenkinder an Grundschulen ein und hilft mit ehrenamtlichen Mentoren bei den Hausaufgaben.„Uns geht es nicht in erster Linie um Nachhilfe, sondern um Integration“, erklärt Dirk Cromme, Projektleiter des Vereins, der sich Erich Kästners Motto „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“ auf die Fahnen geschrieben hat.

Projektleiter Dirk Cromme

Die Erkenntnis, dass Integration so früh wie möglich beginnen muss, möglichst in Kindergärten und Grundschulen, führte 2010 zur Vereinsgründung. „Eine wichtige Anschubfinanzierung, die uns ungeheuer geholfen hat, war damals die »wir helfen«-Spende. Damit konnten wir unseren Internetauftritt erstellen und viele neue Helfer erreichen.“

Schwerpunkt der Nachhilfe ist das Fach Deutsch. „Die Sprache ist der Schlüssel zur Integration“, so Cromme. „Auch jemand, der eine Mathematikaufgabe lösen will, muss die Aufgabenstellung lesen und verstehen können.“ 150 Ehrenamtler unterstützen dabei die Schüler.

Einzelbetreuung hilft

Die große Stärke von Mikibu liegt in der individuellen Förderung. „Wir haben mit Vierergruppen angefangen; heute betreut ein Mentor noch ein bis zwei Kinder, Ziel ist die Einzelbetreuung.“ Ob dieses Ziel erreicht werden kann, weiß Cromme noch nicht: „Unser Hauptproblem sind Flüchtlingskinder, die kein Deutsch und kein Englisch verstehen und oft auch keine lateinischen Buchstaben kennen.“ Hier brauchen die Mentoren Schulungen.

Mikibu ist eine Initiative des Integrationsrates der Stadt Bergisch Gladbach, die seit 2010 existiert. Mehr als 150 ehrenamtliche Mentoren fördern derzeit 160 Kinder aus Migranten- und Flüchtlingsfamilien an acht Bergisch Gladbacher Grundschulen.

Die Ehrenamtler begleiten die Kinder ein- bis viermal wöchentlich für je ein- bis zwei Stunden bei den Hausaufgaben und beim Erlernen der deutschen Sprache. Den Umfang des Engagements bestimmt jeder Mentor selbst. Den Helfern werden kostenlose Seminare zur Schulung angeboten. Mikibu finanziert sich über Spenden. Eine wichtige Anschubfinanzierung leisteten der Integrationsrat der Stadt und „wir helfen“. (spe)

„Die Einzelbetreuung hilft uns sehr“, sagt Viktoria Miegel, Lehrerin an der Gemeinschaftsgrundschule Heidkamp. Viele Kinder trauten sich hier, die Fragen zu stellen, die sie in der Klassen unterdrückten, und hätten erstmals Erfolgserlebnisse. „Es sind oft die Feinheiten, die fehlen“, berichtet Svenja Schlegel, die früher Lehrerin war und seit vier Jahren Mentorin ist.

Die Ehrenamtler sind breit aufgestellt: Von der Hausfrau bis zum Chirurgen, von der Studentin bis zum Rentner – viele bringen sich hier ein. „Einer Unternehmerin aus Bonn ist die Aufgabe so wichtig ist, dass sie sich regelmäßig einen Tag frei nimmt, um hier zu helfen“, freut sich Cromme.

Das Hilfs-Modell hängt von der jeweiligen Schule ab. „Wir richten uns nach dem Bedarf“, sagt Karl-Heinz Becker, der die rund 20 Mentoren an der Gemeinschaftsgrundschule An der Strunde koordiniert, die 63 Stunden wöchentlich helfen. Hier werden Kinder nicht nur nach dem Unterricht betreut, sondern auch begleitend während des Vormittags. „Das hilft besonders Kindern, die so wenig Deutsch verstehen, dass sie dem Unterricht kaum folgen können“, erklärt die Lehrerin Barbara Krug-Van Gerven. So sitzt auch Karl-Heinz Becker oft im Unterricht und übersetzt. Seit seinen Berufsjahren in Peru spricht er fließend Spanisch, eine Fähigkeit, die er nun, im Rentenalter, sinnvoll einsetzen kann. „Es freut mich, wenn Kinder sich schulisch gut entwickeln“, sagt er. „Es gibt einige Kinder, die ohne Mikibu keine Realschul- oder Gymnasialempfehlung bekommen hätten.“ – Daran arbeiten auch Shakira und Arbesa. Sie sind neun Jahre alt und müssen sprachlich aufholen. Dabei haben sie vielen Schülern eigentlich einiges voraus: Shakiras Eltern stammen aus Ghana, sie selbst wurde in den Niederlanden geboren und lebt jetzt mit ihrer Familie in Bergisch Gladbach. Neben der afrikanischen Sprache ihrer Eltern kann sie sich auch auf Niederländisch verständigen. Nun kommen mit Deutsch und Englisch zwei weitere Sprachen hinzu. Eine wahre Wortschatzsuche.