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STRASSENKINDEREinmal die Seele baumeln lassen

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Der Heroinkonsum nimmt im Bahnhofsviertel ab. Junkies gehören aber immer noch zu den Klienten des Boje-Busses.

Wie das alles gekommen ist, kann oder will Peter (Name geändert) nicht so genau erzählen. Mit der Schule hatte der heute 19-Jährige schon früh Probleme, die Ausbildung als Koch hat er abgebrochen, mit den Eltern gab es immer öfter Streit. „Irgendwann haben sie einfach das Schloss an der Haustür ausgewechselt und mich nicht mehr reingelassen“, sagt er. Da war er gerade 15. Peter hat eine Zeit lang bei Freunden gewohnt, dann ist er auf die Straße gegangen. Hat Platte gemacht. Ist zuerst durch Deutschland gezogen, dann durch Europa. Peter war in Italien und Spanien unterwegs und ist dann zurück nach Köln gekommen. Ins Bahnhofsmilieu, wo er einer von Dutzenden Jugendlichen ist, die zumindest teilweise auf der Straße leben.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe schätzt, dass bundesweit 284 000 Menschen teilweise und 24 000 Menschen dauerhaft auf der Straße leben. Ungefähr elf Prozent davon sind Kinder und Jugendliche. Wie viele in Köln obdachlos sind, kann man nur schätzen. Im Beratungsprojekt Boje werden pro Jahr bis zu 800 Beratungen durchgeführt.

Boje steht für Beratung und Orientierung für Jugendliche und junge Erwachsene und ist so etwas wie ein mobiles Jugendzentrum, das in einem Bus untergebracht ist, der werktags auf dem Breslauer Platz parkt. Vier Mitarbeiter unterstützen hier junge Menschen bis 27 Jahren aus der Bahnhofsszene. Finanziert wird das Projekt vom Trägerverein Auf Achse, dem Sozialamt sowie dem Gesundheitsamt. Den Bus kaufte „wir helfen“.

Die Aktion „wir helfen“ unterstützt im 20. Jahr ihres Bestehens Initiativen, die Kindern und Jugendlichen in Not in Ihrer Region zur Seite stehen. Spendenstand: 722 559,70 Euro. Jeder Cent der Aktion wird komplett weitergegeben.

Die Spendenkonten des gemeinnützigen Unterstützungsvereins „wir helfen“ lauten:

Kreissparkasse Köln

Konto-Nr. 162155

Bankleitzahl 37050299

IBAN: DE03 37050299 0000162155

SWIFT-BIC: COKSDE33

Sparkasse Köln-Bonn

Konto-Nr. 22252225

Bankleitzahl 37050198

IBAN: DE21 37050198 0022252225

SWIFT-BIC: COLSDE33

Kontoinhaber: Unterstützungsverein „wir helfen“

Wenn Sie nicht in der Spenderliste erwähnt werden wollen, schreiben Sie bitte auf dem Überweisungsträger am Anfang des Verwendungszwecks +A+, wünschen Sie eine Spendenbescheinigung, vermerken Sie bitte +S+ und Ihre vollständige Adresse, legen Sie auf beides Wert, +AS+.

Die Hilfe des Beratungsteams wird im Bahnhofsviertel dringend benötigt. Zum Boje-Bus kommen Mädchen, die mit dem neuen Freund ihrer Mutter nicht auskommen, und Jungs, deren Väter trinken und schlagen. Manche der Jugendlichen kommen direkt aus dem Knast zum Beratungsmobil, andere haben eine lange Suchtgeschichte hinter sich. Manche sind psychisch krank, manche wurden in der Schule von Klassenkameraden gemobbt. Die Geschichten sind so unterschiedlich wie die Jugendlichen. „Früher spielte Heroin eine größere Rolle“, sagt Boje-Mitarbeiterin Anja Köster, „heute Alkohol, Amphetamine und Cannabis.“ Und während früher mehr Jungs zwischen 19 und 25 Jahren beraten wurden, ist die Klientel heute auch jünger und weiblicher geworden.

Lara (Name geändert) zum Beispiel kommt aus Düsseldorf und hat eine Ausbildung als grafisch-technische Assistentin absolviert. Doch dann ging alles schief. Es war an Karneval im vergangenen Jahr, als sich die Eltern trennten, ihr Vater begann zu trinken, wurde gewalttätig, die Situation eskalierte. Lara ging nicht mehr regelmäßig zur Schule, schnappte sich stattdessen ihr Laptop und hing immer öfter auf die Straße herum. „Immer, wenn ich Stress hatte, habe ich Platte gemacht“, sagt sie. Hier am Breslauer Platz hat sie unter den anderen Jugendlichen „Rückhalt und Normalität“ gefunden. Essen, trinken, Quatsch machen – so lebt Lara seit Monaten.

Schwer, wieder zurück ins bürgerliche Leben zu finden. Anja Köster und Oliver Karger vermitteln Jugendliche in Notschlafstellen, helfen Wohnungen zu finden oder Hartz IV zu beantragen. „Viele der Jugendlichen haben enorme Hemmschwellen vor der städtischen Bürokratie“, so Köster.

Einmal in der Woche ist ein Arzt und eine Krankenschwester oder ein Pfleger an Bord des Busses, die sich um die gesundheitlichen Probleme der Jugendliche kümmern. Viele von ihnen haben Probleme mit der Zahnhygiene, andere Obdachlose kommen mit Fußbrand, Parasiten oder Krätze. Heroinsüchtige lassen ihre Abszesse an den Armen behandeln, Schwangere werden an die Clearingstelle oder an das Projekt „Jung und Schwanger“ (Jush) vermittelt, Angebote der Abteilung Frühe Hilfe des städtischen Gesundheitsamtes.

So unterschiedlich die Jugendlichen sind: Im Boje-Bus sind sie alle willkommen. Hier können sie Spritzen tauschen oder Kondome bekommen, im Internet surfen, E-Mails versenden oder Freunden über Facebook eine Nachricht schicken. Manchmal reicht es aber einfach auch zu quatschen und die Seele baumeln zu lassen. Mancher hat seine Emotionen an den Wänden des Busses eingeritzt: „Ich liebe dich so sehr, dass es wehtut“, steht da zu Beispiel.

Der Boje-Bus parkt montags bis donnerstags von 14 bis 17 Uhr und freitags (mit Frühstück) von 10 bis 13 Uhr auf dem Breslauer Platz.