Therapeutisches ReitenHalt, zum ersten Mal im Leben

Die Haflingerstute Zuckerpuppe reagiert sensibel auf das Verhalten der Kinder.
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Köln – Auf dem Rücken von Zuckerpuppe blendet Stella (Name geändert) für eine Stunde die Welt aus. Im Sattel der Haflingerstute, wenn Stellas Füße den Boden nicht mehr berühren, kann sie ihre Gedanken ausschalten und all ihre Probleme vergessen. Denn hier, in der lichtdurchfluteten Reithalle, die an diesem Dienstagabend vom Prasseln des Regens erfüllt wird, konzentriert sich Stella nur noch auf eins: Das Reiten - eins zu sein mit dem Pferd. Denn Zuckerpuppe ist wie ein Spiegel für die 18-Jährige. Je ruhiger Stella dem Pferd gegenübertritt, desto mehr Nähe lässt auch Zuckerpuppe zu.
Seit drei Jahren nimmt Stella am therapeutischen Reiten der Diakonie Michaelshoven teil. Über die Arbeit mit den Pferden lernt sie hier, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen und ihre impulsiven Emotionen zu kontrollieren. Denn Stella hatte es nicht immer leicht. Vor fünf Jahren musste sie von zu Hause in eine Wohngruppe der Diakonie umziehen. Da war sie gerade 13 Jahre alt. Ihre Eltern hatten um Hilfe gebeten. Die Erziehung der Tochter überforderte das Ehepaar. Unterernährt und mit starken emotionalen und sozialen Störungen kam Stella schließlich in eine Intensivgruppe der Diakonie. Unter fremden Menschen und in einer neuen Umgebung musste sie sich dort ein neues Leben aufbauen.
Ihre Reitpädagogin, die 31-jährige Kölnerin Lisa Frost, erinnert sich an diese Zeit. "Als ich die Arbeit mit Stella begann, konnte sie ihre Emotionen kaum kontrollieren. Freude und Trauer empfand sie in einem sehr impulsiven Maß. Sie hatte kein Gefühl für die Tiere, streichelte patschig, fast klopfend." Auch das Anlegen der Trense, für das es Ruhe und Fingerspitzengefühl benötige, sei für Stella sehr schwierig gewesen, erzählt Frost, die seit fünf Jahren als Reitpädagogin bei der Diakonie arbeitet. Weil Zuckerpuppe ihren Kopf anfangs oft zurückzog, sei Stella schnell frustriert gewesen, habe schnell aufgegeben. "Damit sie bei der Sache blieb, musste ich sie häufig loben", so Frost. In Stellas Alltag zeigten sich diese Verhaltensweisen ähnlich. Die Pflege von Freundschaften fiel ihr schwer. Mal zum Telefon zu greifen, um sich mit Freundinnen auszutauschen - für Stella unmöglich. Nähe und Zuneigung hatte sie nie erlebt. "Anfangs hat sich Stella von Zuckerpuppe einfach nur tragen lassen", erzählt Frost. "Ein ganzes Jahr lang habe ich die beiden nur durch den Wald oder an der Longe geführt."
Mit dem Vertrauen in Zuckerpuppe und ihre Pädagogin kam schließlich die Autonomie. "Sie war als Mensch mit seiner gesamten Geschichte nach drei Jahren zwar noch zu erkennen", sagt Frost. "Doch wir haben die Spitzen rausgenommen." Heute reitet Stella in einer Kleingruppe. Sie hat Freundschaften geschlossen und tauscht sich aus. Wenn sie erzählt, geht es um schöne Dinge: Wie gut sie sich mit ihren langen Beinen auf dem Pferd halten kann oder wie mutig sie geworden ist. Von den negativen Erlebnissen, die ihre Kindheit prägten, spreche sie heute kaum noch. All das sei heute nicht mehr so bedeutend für Stella, sagt Frost. Durch die Arbeit in der Kleingruppe habe Stella gelernt, Kompromisse einzugehen und die Stimmungen anderer wahrzunehmen. Spürt sie Ängste innerhalb der Gruppe, findet sie ermutigende Worte. "Stellas Selbstwertgefühl ist enorm gewachsen", sagt Frost. "Die Arbeit mit Zuckerpuppe hat ihr gezeigt, dass sie etwas darf und auch kann." Einen Parcours im Schritt reiten oder zwei, drei Runden im geführten Trab durch die Halle - Das ist für Stella heute kein Problem mehr.
Verantwortung, Selbstwirksamkeit und Vertrauen: Diese Eigenschaften müssen Kinder und Jugendliche wie Stella, die aus schwierigen Lebensverhältnissen stammen, häufig neu erlernen. Die speziell geschulten Therapiepferde helfen ihnen dabei. "Pferde haben keine Vorurteile", sagt Frost. "Sie akzeptieren uns so, wie wir sind. Sie spiegeln unser Verhalten. Gehe ich nervös oder angespannt in den Stall, weicht mein Pferd vor mir zurück. Bleibe ich ruhig, bleibt es mein Pferd auch." Für die Kinder, mit denen die studierte Heilpädagogin arbeitet, liegt darin eine große Chance. "Als Therapeutin habe ich die Aufgabe, das Verhalten der Kinder gemeinsam mit ihnen zu reflektieren. Ich bin im Grunde wie ein Dolmetscher. Ändern die Kinder ihr Verhalten, ändert sich auch die Situation. Wenn ich geduldige und klare Signale gebe, versteht mich mein Pferd. Das spüren die Kinder schnell", so Frost. "Dann geht es nur noch darum, dass sie das Gelernte in ihren Alltag übertragen."
Sechs Pferde auf dem Hof der Diakonie
Insgesamt sechs Pferde sind auf dem Hof der Diakonie, die die Therapieform für Menschen mit auffälligem Verhalten seit 1990 anbietet, im Einsatz. Um die 80 Patienten besuchen den Reitbereich, der von drei ausgebildeten Reitpädagogen betreut wird, jede Woche. Etwa 30 000 Euro muss der Verein pro Jahr für die Instandhaltung des Reitbereichs und die Pflege der Pferde aufbringen - der Großteil davon, sowie die Therapiestunden, werden über Spenden finanziert. Hier benötigt der Verein stetig Hilfe. Futter, Reitmaterialien, Tierarztbesuche, der Hufschmied - für all das benötigt die Diakonie jedes Jahr neue Gelder. Nur so kann sie den Bewohnern sowie externen Kunden das therapeutische Reiten ermöglichen. Hier könnte der Verein Unterstützung durch "wir helfen" gebrauchen.
Für Stella ist das Reiten zu einem bedeutenden Teil ihres Lebens geworden. Anleitende Worte oder aufmunterndes Lob ihrer Pädagogin braucht sie heute nur noch selten. Nach der Reitstunde klopft sich Stella selbst auf die Schulter. "Gut gemacht", sagt sie dann und nimmt die Zügel in die Hand. Durch die Dunkelheit führt sie Zuckerpuppe zurück in den Stall. Ihren Freundinnen in der Wohngruppe wird sie später erzählen, wie viel Spaß sie beim Galopp hatte. Und wie sie die Welt um sie herum, für eine Stunde vergessen konnte.
