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Verein „In Via“ in Köln„Hammer“, dieser Shakespeare

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Schuldig oder nicht? In Shakespeares Verwechslungskomödie wird Sebastian verprügelt, weil man ihn für einen anderen hält.

Köln – „Ich bin nicht, was ich spiele“, sagt Linda Fuhrich in der Rolle der Viola. Sie steht in Männerkleidern da. Ihr Gesicht und ihre Haltung lassen aber leicht erkennen: Sie ist wirklich nicht, was sie spielt. Sie ist ein Mädchen.

Bei der Premiere des „In-Via“-Theaterstücks „Was ihr wollt“ nach William Shakespeare im Kölner Arkadas Theater hat das Bild zudem eine weitere Bedeutung: Fuhrich ist zwar Deutsche, sie steht aber mit vielen jungen Flüchtlingen auf der Bühne. Einige sind erst seit wenigen Monaten in Köln. Sie sind gekommen, weil sie in ihrer Heimat Schlimmes erlebt haben. „Einige haben ihre Familie verloren oder wissen nicht, ob sie noch lebt“, sagt Regisseur und Deutschlehrer Hans-Peter Speicher. „Wir haben hier schon alle möglichen Gründe gehabt. Leute, die vor Krieg, Verfolgung oder Armut geflüchtet sind.“

Auf der Bühne Erlebnisse verarbeiten

Aus Armenien, Äthiopien, Kuba, Afghanistan, Guinea, Bosnien-Herzegowina, Italien, der Eifel und Köln kommen die jungen Schauspieler – und haben dort oft Schlimmes erlebt. Ihre Traumata spielen in der Theaterarbeit direkt keine Rolle und sollen auch kein Thema sein. Doch die Proben und Aufführungen geben ihnen Raum und Zeit, sie zu verarbeiten und zu kompensieren. Während der Vorführung wirken alle glücklich und unbekümmert. Trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer belastenden Erfahrungen. Viele spielen etwas, das sie nicht sind. Und das ziemlich gut.

Die Texte entsprechen nur noch in kleinen Teilen dem Original. Je nachdem, wie gut die Schauspieler Deutsch können, haben sie sie angepasst. In besonders emotionalen Szenen wechseln einige in ihre Muttersprache. Wenn Barry Gouraïche aus Guinea wütend schreit und danach leidend fleht, versteht das Publikum trotzdem, was er sagen will. Viele von ihnen bauen Teile des gelernten deutschen Textes später in ihre Alltagssprache ein. Genauso sind Umgangssprache und Sprachfehler Teil des Stücks.

In Via ist ein katholischer Verband für Mädchen- und Frauensozialarbeit. Seine Engagement geht aber über reine Frauenarbeit hinaus: Mit dem Projekt „Shakespeare in Via“ will er Menschen mit unterschiedlichem kulturellem, religiösem und sozialem Hintergrund durch Theaterarbeit zueinander bringen.

„Was ihr wollt“ war die zwölfte Inszenierung. Die Jugendlichen kommen aus den Betreuungsprogrammen „Chance - Bleiberecht am Rhein“ und „Domino“ ins Theater. „Chance“ ist ein sechsmonatiges Programm zur Vorbereitung auf den deutschen Arbeitsmarkt oder eine deutsche Schule. „Domino“ ist ein Anschlussprogramm.

Das „Flüchtlingstheater“ hat sogar schon im Ausland Früchte getragen. In einer Kooperation mit Sozialarbeitern in Johannesburg und Kapstadt brachte Regisseur Hans-Peter Speicher dort Shakespeare-Stücke mit Schülern auf die Bühne. Dann schulte er mit Unterstützung von In Via zwei Südafrikaner, die seit 2009 eigenständig die Theatergruppen dort leiten. „In Johannesburg wurde zuletzt »Ein Sommernachtstraum« aufgeführt“, sagt Speicher stolz.

Auf ein dramatisches „O Zeit! Du selbst entwirre dies, nicht ich“ folgt ein keckes „Hammer, find ich Hammer“. Einmal sagt Saraj Sharqi als Sir Toby: „Der hat mich gehaut“. Dann wiederholt er es, bewusst in falschem Deutsch. „Das ist ein Überbleibsel aus unserem Sprachkurs“, sagt Speicher. „Im Unterricht fanden wir den Fehler so lustig, dass wir ihn ins Theaterstück eingebaut haben.“ Doch die Theaterarbeit hilft den Jugendlichen nicht nur beim Erlernen der deutschen Sprache. Sie haben Selbstbewusstsein gewonnen.

Gerade für Neuankömmlinge ist das Theater auch wichtig, um Anschluss zu finden. „Ich habe hier viele Menschen kennengelernt, die meine Probleme verstehen“, sagt Greter Carballosa Ruiz aus Kuba. Da im Theater sowohl Deutsche als auch Flüchtlinge aus den unterschiedlichsten Ländern mitspielen, bauen sie gegenseitig Vorurteile ab. „Die Arbeit im Theater ist ein wichtiger Schritt für die Integration der Flüchtlinge“, sagt Speicher. „Wir holen sie vom Fernsehen in ihrer Muttersprache herein in den Dialog mit Deutschen.“

Für Ende Oktober ist eine zweite Premiere geplant. „Wir müssen unsere Stücke immer doppelt besetzen“, sagt Speicher mit traurigem Unterton.

Da nicht alle Flüchtlinge eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung haben, kann es passieren, dass Schauspieler kurz vor der Aufführung überraschend ausreisen müssen. Ein Beispiel: Die Bundesregierung hat Serbien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina kürzlich als sichere Herkunftsländer eingestuft. Viele Flüchtlinge aus diesen Ländern verlieren derzeit ihre Aufenthaltsgenehmigung, auch einem Darsteller im aktuellen Stück droht dies nun. Speicher wusste nie, ob er zur Premiere noch da sein würde. Er war es. „Aber wir machen uns große Sorgen um seine Zukunft.“