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VereinKampf um den eigenen Körper

4 min

Graffiti-Wandmalerei am Zentrum der Lobby für Mädchen an der rechtsrheinischen Rampe zur Mülheimer Brücke

Köln – Claudia darf kein Kind sein. Ihre Familie ist kein Schutzraum für sie, sondern ein Ort, an dem ihr Leben zerstört wird. Über viele Jahre wird sie von Vater und Bruder sexuell missbraucht. Mit 17 flieht sie von zu Hause, holt sich Hilfe und zeigt ihre Peiniger an. Doch ihr Martyrium ist damit nicht beendet.

Über Jahre ziehen sich Prozess und Revisionsverfahren hin, muss sich die junge Frau wieder und wieder begutachten lassen. Sie verletzt sich selbst, wird magersüchtig und muss in stationäre psychiatrische Behandlung. Nach dem Abschluss des Verfahrens will sie ein neues Leben beginnen, nimmt eine andere Identität an. Drei Jahre später soll sie abermals begutachtet werden: Ihr Bruder verweigert die Zahlung einer Opferentschädigung und bezweifelt den Zusammenhang zwischen der Gewalt, die er seiner Schwester angetan hat, und ihrer psychischen Erkrankung. Das ist zu viel für Claudia: Mit 26 Jahren nimmt sie sich das Leben. Diese Geschichte macht deutlich, wie sehr Opfer von sexueller Gewalt leiden und wie schwer ihr Weg durch das Rechtssystem sein kann. Und sie macht deutlich, wie wichtig die Arbeit des Vereins „Lobby für Mädchen“ ist, der Frauen wie Claudia unterstützt und ihnen zur Seite steht. „Wenn sich Mädchen mit sexuellen Gewalterfahrungen an uns wenden, klären wir sie erst einmal darüber auf, was im Falle einer Anzeige auf sie zukommt“, sagt Corrianne Hoyer, Psychologin und Beraterin bei der „Lobby“. „Es werden nur erschreckend wenige Fälle angezeigt. Das liegt auch daran, dass der Opferschutz nicht so ausgeprägt ist wie der Schutz der Beschuldigten“, kritisiert sie.

Die Beraterinnen begleiten viele Frauen und Mädchen über mehrere Jahre. Oft wird das eigentliche Thema erst im Laufe der Zeit klar. „Die Mädchen kommen zu uns, weil sie sich selbst verletzen oder eine Essstörung haben. Das kann Selbstschutz sein, um die traumatischen Erlebnisse abzuspalten“, erläutert die Sozialarbeiterin Maria Morgado Peinado. Eine Essstörung sei häufig der Versuch, wieder die Kontrolle über den eigenen Körper zu erlangen. Vor allem, wenn es um Täter im familiären Umfeld geht, erleben die Beraterinnen eine fast grenzenlose Loyalität der Mädchen ihrer Familie gegenüber. Auf der anderen Seite würden Eltern mitunter ihren Kindern nicht glauben. „Sie wehren die eigene Verantwortlichkeit und ihre Schuldgefühle ab, indem sie ihrem Kind vorwerfen zu lügen“, sagt Frauke Mahr, Gesamtkoordinatorin des Vereins. Sie spricht von einem „paradoxen System“: Die Öffentlichkeit sei für das Thema sexuelle Gewalt sensibilisiert, aber wenn es um einen konkreten Fall im direkten Umfeld geht, werde das Leid des Opfers plötzlich in Frage gestellt.

Die Beraterinnen sind aber nicht nur für Mädchen und Frauen da, die sexuell missbraucht wurden. „Über alles, was Mädchen belastet, können sie mit uns sprechen, sei es Liebeskummer, Streit mit den Eltern oder Mobbing in der Schule“, sagt Morgado Peinado. Die Beraterinnen unterliegen der Schweigepflicht, das Angebot des Vereins ist für die Mädchen kostenlos. Die Klientinnen entscheiden selbst, was sie erzählen möchten, und können die Beratung jederzeit abbrechen. Häufig helfen die „Lobby“-Beraterinnen, die Wartezeit zu überbrücken, bis ein Therapieplatz frei ist, manchmal beraten sie auch therapiebegleitend. „Wenn die Situation zu Hause zu gefährlich für das Mädchen ist, schalten wir das Jugendamt ein“, sagt Hoyer. Die Beratung ist als niedrigschwelliges Angebot gedacht, als erste Anlaufstelle. „Wenn sie zu uns kommen, fühlen sie sich häufig überflutet, daher geht es bei uns erst einmal darum, Erlebnisse und Gefühle zu sortieren“, sagt Pädagogin Daniela De Vita. „Wir vermitteln ihnen: Wir nehmen dich ernst, schätzen dich wert, und du bist okay, so wie du bist.“

Die Beraterinnen helfen ihren Klientinnen dabei, wieder mehr Selbstvertrauen zu entwickeln und sich zu stabilisieren. Viele Mädchen seien traumatisiert, würden von Erinnerungen und sogenannten Flashbacks (also dem Wiedererleben des traumatischen Erlebnisses) überflutet. Für solche Fälle halten die Beraterinnen einen Notfallkorb bereit. Darin befinden sich zum Beispiel Ingwerstäbchen, Senf oder Chilischoten. „Intensive Gefühlszustände erfordern intensive Reize. Statt sich zu ritzen, können die Mädchen zum Beispiel etwas Scharfes essen“, erklärt Hoyer. „Bei Essstörungen dreht sich der gesamte Tagesablauf immer nur ums Essen und Nicht-Essen.“ Die Beraterinnen helfen den Mädchen dabei, wiederzuentdecken, was ihnen gut tut und Spaß bereitet. Um diese Arbeit fortsetzen zu können, braucht der Verein Spenden.

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