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Wohngruppe in KölnAuf der Flucht vor dem Islamischen Staat

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Syrische Flüchtlinge an der türkischen Grenze

Köln – An seinem ersten Tag in Köln, es war im Februar, hat Dildar seinen Augen nicht getraut. Niemand hatte dem jungen Syrer vom Kölner Karneval erzählt. Nicht von den verkleideten Menschen, die auf den Straßen feierten. Nicht von den seltsamen Liedern, nicht vom vielen Alkohol. „In Syrien hätte man das bunte Treiben wohl als Sünde bezeichnet“, erzählt Dildar zehn Monate später mit einem Lächeln auf den Lippen. Aber Syrien ist für den 17-Jährigen Vergangenheit. Vermutlich wird Dildar seine Heimat nicht so schnell wiedersehen.

Denn in seiner Heimat, einem Dorf in der Nähe der kurdischen Stadt Al-Hasaka, wüten die Terrormilizen des Islamischen Staates. Sie verwüsten Dörfer, ermorden die Männer, vergewaltigen und verschleppen die Frauen und Mädchen. „Wir sind hier nicht mehr sicher“, hatte Dildars Vater vor einem Jahr gesagt. „Wenn sie kommen, ist es zu spät.“ Also entschloss sich die Familie Haus, Auto und eine ganze Herde Schafe zu verkaufen – und aus Syrien zu fliehen. Mit dem Geld schafften sie es in die Türkei. Während die Familie dort blieb, stieg Dildar in einen Lastwagen und wurde sechs Tage und Nächte quer durch Europa gefahren. Ohne zu essen und zu trinken kam er schließlich in Deutschland an.

Duldung bis zur Volljährigkeit

Dildar ist einer von ungefähr 200 minderjährigen Flüchtlingen, die ohne Begleitung von Familienangehörigen in Köln ankommen. Weil die Krisenherde auf der Welt zunehmen, steigen auch die Zahlen der Kinder und Jugendlichen, die in Köln stranden. Hier können Heimatlose zumindest darauf hoffen, in Sicherheit zu leben. „In der Regel erhalten sie in Köln eine Art Duldung bis zu ihrer Volljährigkeit“, sagt Cordula Götz vom Verein Auf Achse.

Weltweit sind nach Angaben der Vereinten Nationen fast 51,2 Millionen Menschen auf der Flucht. Neun von zehn Flüchtlingen leben in Entwicklungsländern, da die meisten Flüchtlinge lediglich in ein angrenzendes Nachbarland fliehen. Der weit größte Teil – 33,3 Millionen – flieht innerhalb des eigenen Landes.

Kinder und Jugendliche machen ungefähr die Hälfte aller Flüchtlinge aus. Elf Prozent sind Kinder unter fünf Jahren. Die Vereinten Nationen schätzen, dass auch die Hälfte aller Asylanträge in den Industriestaaten von Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren gestellt werden. Sie haben oft in ihren Heimatländern, aber auch auf der Flucht traumatisierende Situationen erlebt.

In Deutschland wurden laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in diesem Jahr bis November 184 000 Asylanträge gestellt. 2013 waren es noch 127 000. Die meisten Flüchtlinge kommen aus Syrien (27,2 Prozent), Serbien (11,1 Prozent), Kosovo (7,0 Prozent) und Eritrea (6,5 Prozent).

Köln nimmt etwa fünf Prozent der Flüchtlinge in NRW auf. Derzeit leben gut 5000 Flüchtlinge in der Stadt. (ris)

Auf Achse engagiert sich mit einem Projekt für minderjährige Jugendliche, die ohne Begleitung auf der Flucht waren und in Deutschland angekommen sind. Im Oktober hat der Verein im Kölner Osten ein Haus gekauft, in dem acht jugendliche Flüchtlinge im Alter von 16 bis 18 Jahren leben. Sechs Betreuer kümmern sich um Dildar und die anderen, verschaffen ihnen Plätze in Sprachschulen und Berufskollegs, suchen nach Praktika und unterstützen sie bei Behördengängen. Ziel ist es, dass die Jugendlichen innerhalb von zwei Jahren weitgehend selbstständig leben können. Dazu ist es wichtig, dass sie nicht nur deutsch lernen, sondern auch eine Ausbildung machen. „Das ist die Basis, damit sie eine Arbeit und ein dauerhaftes Bleiberecht erhalten“, so Götz.

Die intensive Betreuung tut not, denn die Kinder und Jugendlichen haben zum Teil traumatisierende Situationen in der Heimat und auf der Flucht erlebt. Da ist der Jugendliche aus Eritrea, der als Soldat an die Front und grauenhafte Szenen sehen musste. Da ist der junge Mann aus Indien, der in bitterer Armut auf der Straße lebte. Und Mohammad (18), der aus dem Chaos der pakistanischen Metropole Lahore floh. Bürgerkriegsähnliche Kämpfe zwischen Taliban und Armee, Sunniten und Schiiten machten das Leben dort immer gefährlicher für die Zivilbevölkerung. Sein Vater engagierte für viel Geld Schlepper, die Mohammad aus dem Land brachten. Auf einer monatelangen Odyssee durch Asien und Europa arbeitete der Junge als Teppichknüpfer in der Türkei und im Iran, kam nach Griechenland, Italien und Frankreich. „Meist hatte ich wenig Geld und wenig zu essen, aber viel Angst, von den Behörden geschnappt zu werden.“

Im Projekt von Auf Achse erhalten die Jugendlichen eine zweite Chance. Dildar und Mohammad besuchen eine Sprachschule und beherrschen bereits gut deutsch. Während der Syrer ein Praktikum in einer Schreinerei absolviert, hospitiert Mohammad in einer Autowerkstatt als Mechaniker. Ein weiterer Jugendlicher arbeitet im Hausservice der Deutschen Entwicklungsgesellschaft (DEG), die Auf Achse auch mit einem Spendenscheck über 10.000 Euro unterstützte. Das Auf-Achse-Team sucht nun noch weitere Praktikumsplätze für die Jugendlichen.