Kleinere Teams sollen vermehrt mit KI arbeiten. Gleichzeitig verstärkt das Unternehmen seine Präsenz in den USA und schluckt einen kleineren Wettbewerber.
Kölner KI-HoffnungDeepL streicht jede vierte Stelle

DeepL-Chef Kutylowski baut sein Team radikal um
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„Diese Entscheidung ist die schwierigste, die ich in meiner beruflichen Laufbahn treffen musste“, schreibt DeepL-Chef Jarek Kutylowski auf LinkedIn. Die Rede ist von einem groß angelegten Stellenabbau. Das Kölner Start-up streicht 250 Jobs. Damit fällt etwa jede vierte Stelle im Unternehmen weg. Weitere Angaben, etwa ob der Firmensitz in Köln besonders vom Abbau betroffen sei, wollte das Unternehmen unserer Redaktion gegenüber nicht machen.
DeepL vor Radikalumbau
Stattdessen veröffentlichte der Gründer Kutylowski einen mehrseitigen Brief, in dem er grundsätzliche Überlegungen zur Zukunft von KI, dem Einfluss auf die Arbeitswelt und DeepL selbst ausbreitet. Kutylowski spricht darin von einem „massiven strukturellen Wandel“ durch künstliche Intelligenz. Es gehe dabei nicht bloß um ein „Produktivitäts-Upgrade“, sondern darum, „wie Organisationen aufgebaut sind, wie Wert geschaffen wird und was es bedeutet, wettbewerbsfähig zu sein“. Nur sehr wenige Unternehmen hätten aus diesem sich anbahnenden Wandel bereits Konsequenzen gezogen. Jene Unternehmen, die das täten, würden aber „das nächste Jahrzehnt prägen“. DeepL soll aus Sicht des Gründers offenbar dazu gehören.
Deshalb verordnet Kutylowski seiner Firma einen Radikalumbau, den er wie folgt beschreibt: „Kleinere Gruppen – manchmal sogar Einzelne – können Arbeit leisten, für die früher ganze Teams nötig waren.“ Deshalb werde DeepL eben solche, „wirkungsvolleren Teams“ schaffen. Das bedeute weniger Hierarchieebenen, schnellere Entscheidungen und damit auch deutlich weniger Zeit für Abstimmungsschleifen. Teams, die so aufgestellt seien, würden „unerreichbar für jene, die sich nicht bewegt haben“, so Kutylowski.
Geschäftsmodell steht unter Druck
In dieser Deutung erscheint DeepL als Vorreiter einer neuartigen Form, Arbeit zu organisieren. Zu den operativen Herausforderungen für Kölns mit einer Bewertung von zuletzt zwei Milliarden US-Dollar wohl wertvollstem Startup schweigt der Gründer dagegen. Denn tatsächlich steht das Geschäftsmodell des Unternehmens immer mehr unter Druck. Der Übersetzungs-Pionier hat Konkurrenz durch die allgemeinen Sprachmodelle bekommen. US-Konzernriesen wie Microsoft und Google haben Übersetzungsdienste längst in ihre Services integriert. DeepLs Argument, man sei insbesondere in bestimmten fachlichen Kontexten, etwa in medizinischen Publikationen oder juristischer Fachliteratur, den Universal-Übersetzern überlegen, limitiert das Potenzial des Unternehmens auf Nischenanwendungen. Und auch diese Nischen erschließen sich ChatGPT, Gemini und andere zunehmend.
Der harte Wettbewerb spiegelt sich auch in den Unternehmenszahlen. DeepL kommuniziert diese zwar nicht. Im Unternehmensregister ist für das Jahr 2024 aber ein Verlust von 75 Millionen Euro hinterlegt bei einem Umsatz von 156 Millionen Euro.
Strategieschwenk zu Live-Audio-Übersetzungen
Zuletzt hatte DeepL erklärt, das Unternehmen wolle verstärkt auf Audio-Echtzeitübersetzungen bauen. Die Technik zielt darauf ab, Messen oder virtuelle Meetings zu vereinfachen, indem Vorträge oder Unterhaltungen aufgezeichnet, simultan übersetzt und mit geringer Verzögerung als Sprache wieder ausgegeben werden. Im Fachjargon ist von „Voice-to-Voice“-Übersetzung die Rede. Kutylowski sprach erst im April bei der Vorstellung erster Anwendungen von DeepL von einem „Meilenstein in der Übersetzung“.
Der Haken daran: Auch auf diesem Feld muss sich DeepL gegen die schier übermächtige US-Konkurrenz behaupten. Mehrere Konferenzsysteme erbringen die Leistung bereits. Auch Apples AirPods verfügen über eine ähnliche Funktion. Bislang berichten Nutzer aber häufig von mäßigen Ergebnissen. Die hohe Latenz – also der zeitliche Abstand zwischen Rede und Sprachwiedergabe – stört, die Übersetzung ist zu fehlerhaft.
Zukauf in San Francisco
Um Tempo im Wettrennen um die Audio-Disziplin bei den Übersetzungen aufzunehmen, hat DeepL offenbar den Audiostreaming-Spezialisten Mixhalo in San Francisco übernommen. DeepL werde an dem US-Standort ebenfalls ein Büro eröffnen, erklärt Kutylowski knapp in seinem Brief. Damit stärke das Unternehmen zugleich seine Präsenz in den USA, „einem für uns wichtigen Markt“, so der Gründer.
Das mag all jene aufhorchen lassen, die schon länger Zweifel an der Zukunft des Unternehmens in Köln haben. Im Zusammenhang mit einem möglichen Börsengang wurde immer wieder die Möglichkeit diskutiert, dass DeepL seinen Firmensitz in die Staaten verlegen könnte. Das „Handelsblatt“ hatte kürzlich unter Berufung auf Insider überdies von einer „Amerikanisierung“ des Unternehmens berichtet, im Zuge derer zahlenorientierte US-Manager das Ruder übernommen und die ursprüngliche Kultur des Unternehmens zerstört hätten.
DeepL-Mitarbeiter sollen „das große Ganze verstehen“
Kutylowski kommentiert auch dieses Thema nicht. In seinem KI-Manifest lässt er sich stattdessen darüber aus, dass Angestellte im KI-Zeitalter lernen müssten „nicht mehr nur reine Spezialisten zu sein, sondern wie Unternehmer zu denken“. DeepL-Mitarbeiter müssten künftig „wirklich Verantwortung für das übernehmen, was als Nächstes passiert – das große Ganze verstehen, Urteile fällen und Ergebnisse gestalten“. Für viele werde sich das ungewohnt anfühlen, glaubt der CEO. Er selbst verspricht, er werde „in den Gründer-Modus gehen und ein kleines Taskforce-Team leiten“. Das soll Produkte entwickeln und Kunden finden.
„Die Kompetenzen, die diese neue KI-Ära prägen werden“, lässt Kutylowski schließlich noch wissen, seien „Urteilsvermögen, Fokus und die Fähigkeit zu entscheiden, was wichtig ist und was man loslassen kann“. Ob er als Unternehmer diese Fähigkeit besitzt, mögen die 250 Angestellten, die von der Firma nun „losgelassen werden“, anzweifeln. Der Nachweis für den ökonomischen Erfolg dieses Schrittes steht zumindest noch aus.
