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Hoffnung für ArbeitnehmerKünstliche Intelligenz übernimmt Aufgaben, nicht ganze Berufe

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Per KI-Kick aus dem Job: So einfach ist es dann doch nicht.

Per KI-Kick aus dem Job: So einfach ist es dann doch nicht.

Immer mehr Menschen fragen sich, welche Auswirkungen neue Technologien auf ihren Job haben. Die Forschung dazu gibt erste Antworten – und die sind in der Tendenz eher hoffnungsvoll.

Meldungen wie diese häufen sich: „So soll bis Ende 2028 jede zweite Stelle in diesem Bereich abgebaut werden“, heißt es in einem Bericht über bevorstehende Kürzungen in einer Firma. „Grund dafür soll ein System zur Automatisierung der Produktion sein, das das Unternehmen im gesamten Konzern einführen will.“

In diesem Fall geht es um einen Medienbetrieb – aber die Branche spielt eigentlich kaum eine Rolle. Künstliche Intelligenz (KI) ist überall auf dem Vormarsch. Computer und Software übernehmen zunehmend dort die Regie, wo bisher Menschen ihr Geld verdienten.

Noch ist unklar, ob die KI Fluch oder Segen ist. Folgt man den Experten, ist sie oft beides gleichzeitig.

Neu ist die Automatisierung nicht. Eines der besten Beispiele ist die Autoindustrie, in der Roboter schon seit vielen Jahren Dienst tun. „Aber seit der Veröffentlichung von ChatGPT im Jahr 2022 lassen sich auch in vorher unangetasteten Berufen Aufgaben automatisieren“, beschreibt eine Analyse des Science Media Center Germany (SMC) den Kern der Entwicklung.

Genannt werden etwa Programmiertätigkeiten in der Informatik oder das Schreiben und Übersetzen von Texten in der Medienbranche. Generative Sprachmodelle produzieren Code, Texte oder Bilder – und Beschäftigte können niedrigschwellig Aufgaben delegieren. Das Fazit: „Deshalb besteht einerseits die Sorge, dass KI einige Berufe überflüssig macht und Arbeitsplätze verloren gehen.“

ChatGPT bringt die Wende

Der Arbeitsmarktexperte Ronald Bachmann vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI Essen) rät zum Blick auf die Details. „Künstliche Intelligenz ersetzt einzelne Tätigkeiten, keine ganzen Berufe“, sagt er und nennt ein Beispiel: „Kundenberater beantworten Standardfragen per KI, führen aber weiterhin komplexe Beratungsgespräche. Je vielfältiger ein Beruf ist, desto sicherer ist er.“

Derzeit würden Tätigkeiten ersetzt, die große Sprachmodelle wie ChatGPT übernehmen könnten. Besonders betroffen seien somit Jobs mit viel Textarbeit: „Callcenter-Mitarbeiter schreiben weniger E-Mails, Berater erstellen Präsentationen automatisch, Werbetexter lassen Texte generieren.“

Der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, räumt ein, dass sich seine Zunft schwer damit tue, „die Wirkung von KI in der Arbeitswelt zu quantifizieren“. Die Situation erinnere ihn an den Anfang der 2000er-Jahre, als der Siegeszug des Internets begann: „Wir haben das damals in den Produktivitätszahlen nicht gesehen, und es gab eine große wissenschaftliche Debatte darum, ob es schlichtweg keinen Produktivitätssprung gab oder ob wir schlecht gemessen haben. Bei der KI erleben wir das jetzt auch.“

KI versus demografischer Wandel

Im Fokus ist KI gleichwohl an vielen Stellen. Die Europäische Zentralbank (EZB) veröffentlichte kürzlich eine Umfrage, wonach der Einsatz bei Unternehmen im Euroraum einerseits weitverbreitet ist. Allerdings verwenden 27 Prozent der Betriebe auch gar keine KI. Ein Drittel nutzt sie „sehr selten“, ein weiteres knappes Drittel (31 Prozent) „moderat“. Und nur sieben Prozent der Firmen geben an, in „erheblichem Umfang“ auf KI zurückzugreifen.

Dabei könnte KI laut einer Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) dazu beitragen, das Wachstum der Arbeitsproduktivität in den 2030er-Jahren auf 1,2 Prozent zu steigern – das wäre etwa eine Verdreifachung. Demnach ließen sich mithilfe von KI bis dahin in Deutschland schätzungsweise 3,9 Milliarden Arbeitsstunden einsparen, was die demografisch bedingte Lücke von 4,2 Milliarden Stunden erheblich verkleinern würde.

Mehr Dividende als Kosten?

Eine solche Entwicklung sieht auch Sebastian Findeisen, Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität Konstanz. „Die Demografie würde ohne weitere Automatisierung in den nächsten zehn bis 20 Jahren zunehmend Engpässe auf dem deutschen Arbeitsmarkt verursachen“, erklärt er. KI könne das lindern, wenn man bestimmte Aufgaben und Jobs automatisiere.

Jedoch sei das kein Selbstläufer. „Menschen mit Bürotätigkeiten, die wegfallen, können und wollen sich nicht von heute auf morgen zur Pflegekraft umschulen lassen oder in der Produktion arbeiten“, ergänzt der Experte. Unterm Strich ist er „vorsichtig optimistisch“, dass KI in Deutschland „mehr Dividende als Kosten auf dem Arbeitsmarkt verursachen wird“.

In der Bundesregierung ist das Thema angekommen. „Künstliche Intelligenz unterstützt als Co-Pilot in der Verwaltung beim Sortieren und Prüfen von Anträgen, um Sachbearbeiter zu entlasten“, heißt es etwa in der „Modernisierungsagenda“ von Union und SPD.

In der Analyse von DIW-Präsident Fratzscher gehören europäische Unternehmen – im Gegensatz zu Firmen in den USA und in China – derzeit zwar nicht zu denen, die KI-Systeme führend entwickeln. „Aber man kann eine Technologie gewinnbringend auch nutzen, wenn man sie nicht selbst erfunden hat“, sagt der Ökonom.

Die gute Nachricht dabei: „Gelingt uns dies, besteht auch bei uns viel Potenzial für neues Wirtschaftswachstum und Produktivitätssteigerungen.“ Mit einer Einschränkung: „Jedoch begeben wir uns ein Stück weiter in Abhängigkeit – so ähnlich wie bei Seltenen Erden, kritischen Technologien und digitalen Plattformen.“