Gastkommentator Volker Treier, DIHK-Außenwirtschaftschef, begrüßt das Freihandelsabkommen zwischen der EU und den südamerikanischen Mercosur-Staaten.
Mercosur-AbkommenNeue Marktchancen für deutsche Firmen

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen
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Die deutsche Außenwirtschaft startet hoffnungsvoll ins neue Jahr: Am Freitag haben die EU-Mitgliedsstaaten endlich dem Handelsabkommen mit den Mercosur-Staaten Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay zugestimmt. Die Verabschiedung dieses Abkommens war überfällig. Nach unzähligen Nachverhandlungen und Verzögerungen bei diesem für die Wirtschaft so wichtigen Regelwerk stand zuletzt unsere Glaubwürdigkeit als verlässlicher Handelspartner auf dem Spiel.
Denn die Länder fragen sich inzwischen zurecht, ob man mit Europa überhaupt ins Geschäft kommen kann, wenn man nach 25 Jahren Verhandlungen immer noch nicht zum Zug kommt. Nach Angaben der EU-Kommission können durch das Abkommen die jährlichen EU-Exporte in die Mercosur-Staaten um bis zu 39 Prozent steigen, was 440.000 Jobs in der EU unterstützt. Aufgrund der langwierigen Nachverhandlungen konnten unsere Unternehmen ihren ursprünglichen „First Mover“-Vorteil in Südamerika leider nicht nutzen. Andere Länder wie China haben Europa inzwischen überholt. Sie machen Nägel mit Köpfen, insbesondere bei der wichtigen Rohstoffversorgung.
Spätzle und bayerisches Bier
Dennoch: Für die international oft eng vernetzten deutschen Unternehmen eröffnet sich jetzt ein wesentlich leichterer Zugang zu lateinamerikanischen Märkten. In den kommenden Jahren sollen im Warenaustausch mit den bisher eher wirtschaftlich protektionistisch aufgestellten Ländern fast alle Zölle entfallen. Zudem sieht das Abkommen vor, den Marktzugang im Dienstleistungshandel auszuweiten, öffentliche Beschaffungsmärkte zu öffnen, die regulatorische Zusammenarbeit zu vereinfachen und 344 traditionelle europäische Spezialitäten – darunter schwäbische Spätzle und bayerisches Bier – auch im Mercosur rechtlich zu schützen.
Ein spezifisches Mittelstandskapitel zielt darauf ab, dass auch kleine und mittlere Unternehmen (KMU) von den Vorteilen profitieren. Schon heute exportieren mehr als 12.500 deutsche Betriebe in die Mercosur-Länder, 74 Prozent davon sind KMU. Bisher sind jedoch 85 Prozent der europäischen Exporte in diesen mehr als 260 Millionen Verbraucher umfassenden Markt mit Zöllen belegt. Das verursacht Kosten von rund vier Milliarden Euro pro Jahr für deutsche und europäische Betriebe. Viele Unternehmen sehen daher in dem Handelsabkommen eine große Chance.
Zudem enthält das Abkommen verbindliche Nachhaltigkeitsregelungen. Alle Partner verpflichten sich, das Pariser Klimaschutzabkommen effektiv umzusetzen. Jedes Erzeugnis, das nach Europa gelangt, muss den strengen Lebensmittelsicherheitsstandards der EU entsprechen. Das Handelsabkommen zwischen der EU und dem Mercosur ändert daran nichts. Vielmehr ergeben sich für die EU, den weltgrößten Agrarexporteur, neue Möglichkeiten für die Landwirtschaft: Hohe Zölle werden abgebaut, traditionelle EU-Lebensmittel in Mercosur geschützt und Agrarexportprozeduren vereinfacht.
EU-Parlament jetzt gefordert
Europa kann bereits auf intensive Wirtschaftsbeziehungen aufbauen: Das deutsche Handelsvolumen mit den Mercosur-Staaten lag 2024 bei über 26 Milliarden Euro, die Direktinvestitionen dort beliefen sich 2023 auf mehr als 35 Milliarden Euro. Laut EU-Angaben sichern deutsche Exporte in die Region hierzulande fast 250.000 Arbeitsplätze. Die brasilianische Metropole São Paulo ist zudem einer der weltweit größten Standorte der deutschen Industrie. Besondere Marktchancen für deutsche Unternehmen bieten die Branchen Maschinenbau, Automobil und Ernährung – Bereiche, in denen die Mercosur-Länder mitunter sehr hohe Zölle (Autos 35 Prozent, Maschinen 20 Prozent, Chemikalien 18 Prozent) erheben.
Auch das Europaparlament sollte das Abkommen nun zügig ratifizieren, denn ein baldiges Inkrafttreten würde den Unternehmen die dringend benötigte Rechts- und Planungssicherheit im Südamerika-Geschäft verschaffen. Hiesige Betriebe sind bereits seit über 100 Jahren in den Mercosur-Ländern präsent – unterstützt von den deutschen Auslandshandelskammern. Mit langfristigem Engagement sichern sie Zehntausende Arbeitsplätze und tragen durch duale Ausbildungsprogramme nach deutschem Vorbild zur nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung der Region bei. Das EU-Mercosur-Abkommen eröffnet nun die Möglichkeit, dieses Engagement auszubauen und die Partnerschaft zwischen Europa und Südamerika gemeinsam zu vertiefen.
Zur Person
Volker Treier ist Außenwirtschaftschef der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) und Mitglied der Hauptgeschäftsführung. Zuvor war der promovierte Wirtschaftswissenschaftler Chefvolkswirt der DIHK.
